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27.02.2020, Jamal Tuschick

Man sagt noch „Dritte Welt“ und erkennt sich an den Gesundheitsschuhen. Den alternativen Kosmos sichert der Bestand alter Obstbäume im Garten. Das ist die Umgebung, in der Antje Joel immer wieder von ihrem ersten Ehemann geschlagen wird – angeblich unter Vorzeichen der Liebe. Darauf besteht der Täter: In einer ganz besonderen Beziehung mit dem Opfer verbunden zu sein. „Ich schlage nur dich.“ Der Tortur zum Trotz hat Joel „kein Opferbuch“ geschrieben. Die Autorin spottet vielmehr über jene Minusmänner, die sich nach den Offenbarungen ihrer Brutalität von Schuld freisprechen und sich als Leidtragende darstellen.

Das Leichentuch der Indifferenz

Häusliche Gewalt ist an kein Milieu gebunden. Das weiß man. In Christoph Heins Novelle „Der fremde Freund“ erzählt die Ärztin Claudia von rituellen Vergewaltigungen im Kollegenkreis. Präzise schildert der Autor, wie das Leichentuch der Indifferenz sich auf vitalen Funktionen breitmacht. Kein Mensch findet richtig, was passiert, aber das ändert nichts an der von manchen absolutistisch definierten Privatsache Gewalt in der Ehe. Erst in diesem Klima eines verhohlenen Einvernehmens mit den Ergebnissen ehelicher Aushandlungen im Kontext der Ohnmacht kann die Etablierung konstitutioneller Erniedrigung gelingen.

Antje Joel, „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“, Rowohlt, 334 Seiten, 12,- 

Joel zeichnet Traditionslinien der Gewalt nach. Sie kartografiert ihre Zuläufe und Abflüsse. In Joels Kindheit war der Schläger als Gatte in der Nebenrolle des saufenden Nachbarn ständig präsent. Joels Eltern reagierten überhaupt nicht auf die Delinquenz der physischen und seelischen Angriffe. Sie ignorierten harte Tatbestände. Stattdessen echauffierten sie sich im Rahmen einer Ordnungswidrigkeit nach § 117. Stichwort „Unzulässiger Lärm“, landläufig Ruhestörung. 

Mitleid und Solidarität mit der Drangsalierten verbot sich. Als Vorsitzende des permanent tagenden Küchentischtribunal stellte Antjes Mutter die Dummheit der Geschlagenen fest.

„Dieses saublöde Weib bin jetzt ich.“

Joels Tyrann erscheint im Text als P. und wohnt „via Facebook … gleich um die Ecke“. Seine Repräsentanz in Joels Leben ergibt sich nicht zuletzt aus fulminanter Offenherzigkeit. P. hat nichts zu verbergen und sich nichts vorzuwerfen. Zumindest suggeriert das seine Performance in den Sozialen Medien.

Manchmal möchte Joel ihn auffliegen lassen. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass P. so offensiv als Aufgeflogener agiert. Dass den meisten klar ist, was er an Skrupellosigkeit und kalter Finesse hinter den Masken eines Leutseligen verbirgt. Dass aber keiner die Absicht hat, um ihn eine Mauer zu bauen oder ihn wenigstens von seinem Grandiositätsgipfel herunter zu zerren.

„Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (..) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“ (Victor Klemperer) 

Nichts zeigt deutlicher das durchgehaltene Machtgefälle zwischen Joel und P. an und so auch die Wahrheit der vorstehenden Klemperer-Einsicht als der Satz, mit dem ein finales Ereignis in die Familienchronik einging. Erinnert sich die Autorin an „jenen letzten Abend im Oktober 1987“, dann in der temporären Abwehr oder Annahme folgender Floskel:

„Der Abend, an dem ich weggelaufen bin.“

Kombiniert man den Satz mit einem mütterlichen Fazit im Ornat des Fatums, lautet das vollständige Eingeständnis:

Der Abend, an dem dieses saublöde Weib, das ich bin, weglief.

Im Off der niederschmetternden Perspektive formiert sich P.s Facebook-Publikum zu einem Garantieensemble. Es garantiert den Fortbestand der Gewissheiten, mit denen einst Joels Mutter die Plage einer wiederholten Ruhestörung quittierte.