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27.02.2020, Jamal Tuschick

Isobel Markus erzählt

Wieder eine Geschichte ohne Knutschen, dafür mit Helmut Schmidt

Wir sitzen im "Dresden" und die andere sprechen leidenschaftlich über Politik. Ich werde immer schläfriger. Ich schlafe mit offenen Augen und interessiertem Gesicht und überlege, ob Politik mich deshalb so schläfrig macht, weil ich früher als Kind heimlich abends unter Großmutters Wohnzimmertisch lag, um durch die Löcher der Häkeldecke Fernsehen zu gucken. Großmutter liebte Politiksendungen. Damals saßen die Herren mit großen Brillen in dunklen Anzügen und überschlagenen Beinen in Sesseln, rauchten, tranken und sagten Wörter wie Waldsterben, Gorleben, Reaktorunfall, Cessna, Ozonloch oder Badewanne. Ab und zu stöhnte Großmutter. Am meisten stöhnte sie bei dem Wort Waldsterben und Gorleben. Letzteres war wegen A. und U., meinen Cousins, die für mich schon Erwachsene waren, weil sie Schnurrbärte trugen und sich auf Schienen legten, weshalb Großmutter immerzu stöhnen musste. Achgottachgott, stöhnte Großmutter und schüttelte besorgt den Kopf, als A. erzählte, sie würden sich neuerdings sogar anketten. Ich stellte mir U. und A. auf den Schienen mit einer Gefängniskugel am Fuß wie bei Lucky Luke vor und verstand nichts von alledem, aber das machte nichts. Ich witterte spannende Abenteuer. A. und U. waren meine Westernhelden.

Wenn ich die beiden sah, hatten sie immer großen Hunger, als hätten sie sehr lange nichts mehr gegessen. Ich beobachtete wie Löffel um Löffel und Gabel um Gabel unter ihren Schnurrbärten verschwanden und Großmutter immer mehr Essen brachte. Ich hörte gespannt zu, was sie erzählten. Wenn sie mich anlächelten, schaute ich schüchtern weg. Manchmal wurde ich hinaus geschickt, dann war ich wütend, weil ich wusste, dass nun der beste Part der Geschichte folgen würde.

Bei den Wörtern Badewanne und Cessna rief Großmutter häufig „Ach herrjeh“ und immer wenn Helmut Schmidt auftauchte, machte sie „Ach ja“. Den mochten wir. Ich mochte seine großväterliche Stimme, seine missmutigen Mundwinkel, aber am allerliebsten, wenn er den Rauch seiner Zigarette aus dem Mund in die Nase strömen ließ. Man musste aufpassen, um es nicht zu verpassen, aber dann war es das Schönste, was ich neben dem morgendlichen Eingießen der Milch in mein Teeglas bisher gesehen hatte.

Wenn ich also unter dem Tisch besonders still war, vergaß mich Großmutter und oft bin ich dort eingeschlafen und am nächsten Morgen wie durch Zauberhand in meinem Bett aufgewacht.

Die Diskussion im "Dresden" wird lauter. Ich stütze meinen Kopf in die Hand. Fast fallen mir die Augen zu. Und ich wünschte, ich würde morgen wie durch Zauberhand in meinem Bett aufwachen.