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27.02.2020, Jamal Tuschick

Rudolf Blümner war der engste Mitarbeiter Herwarth Waldens. Er hatte die Geschäftsleitung des Gesamtkomplexes „Sturm“ inne. Blümner formulierte die Benimm-Regeln für die Avantgarde.

Der expressionistische Knigge

I Das Betragen in der Kunstausstellung

1. Frage nie, was das Bild bedeutet. Das haben vor Dir schon hunderttausend Leute gefragt.

2. Sage nie, daß Du Dir ein expressionistisches Bild sehr gut als Tapete oder als Glasfenster vorstellen kannst. Diesen Witz haben Dir die Kunstkritiker schon vor zehn Jahren weggenommen.

3. Zerbrich Dir nie den Kopf darüber, ob ein Künstler, dessen Werke der Sturm ausstellt, Talent habe. Die Frage hat der Sturm schon vor Dir gelöst.

4. Halte Dich mindestens drei Minuten unter zweihundert Bildern in der Ausstellung auf, bevor Du sagst, es sei nichts.

5. Sage nie, es komme nicht auf das Wort Expressionismus, sondern auf das Kunstwerk an. Das weiß jeder Esel auch ohne Dich.

6. Sage nie vor einem expressionistischen Bild, daß das Haus darauf schief stehe. Denn es ist kein Haus, sondern ein Bild.

7. Erzähle uns nicht jeden Tag, daß Kunstkritiker leider nichts von Kunst verstehen. Das wissen wir längst.

8. Wenn Du Chagall lobst und auf Wauer schimpfst, dann beweist Du, daß Du früher auch einmal auf Chagall geschimpft hast.

9. Behaupte nicht von jedem absoluten Maler, er sei ein Nachahmer von Kandinsky. Überlaß das den Kunstkritikern.

10. Benutze den Aufenthalt in der Sturm-Ausstellung nicht dazu, alle aufliegenden Verlagswerke durchzulesen.

11. Nimm Deine kleinen Kinder nicht in die Kunstausstellung mit. Sie könnten Dich auslachen, wenn Du sagst, daß Du auf dem Bild nichts erkennst.

 

II Betragen in der Privatsammlung 

1. Nimm Hände aus den Hosentaschen.

2. Lümmle Dich nicht auf jedem Sessel herum.

3. Zerre nicht die Bücher aus den Regalen.

4. Sag „Danke“, wenn man Dir die Sammlung gezeigt hat.

5. Schimpfe nicht über die Bilder eines Menschen, dessen Gast Du bist.

6. Stiehl keine Silbersachen.

Das Mainlabor bedankt sich bei Sabine Schaub für die Auswahl der Kleinode aus der unerschrockenen Moderne um 1900.

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