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28.02.2020, Jamal Tuschick

Mainlaborquiz - Wieder stellt sich die Frage: Who has done it?

Grabsteinnamen

Niemand ist ein Verlierer, der eine Portion Spaghetti mit Tomatensoße bei da Bruno um die Ecke genießt. Ist doch egal, ob du Pakete ausfährst oder Gitarren verkaufst; du würdest dich doch sowieso nicht wohlfühlen als ein anderer Lanz oder Jauch. Das Interieur in diesem (in einem Flachbau untergebrachten) Lokal (war wohl mal ein Lager) ist der reine Tagtraum. Benno bittet Bruno um einen Block. Er zückt einen Waterman Kuli, den ihm Willi Suhrkamp vor Jahren vermacht hat. Manchmal erinnert mich Bennos Manier an Wilhelm Genazinos Wohlfühl-Melancholie; an heimliche Wahrnehmungsergüsse von Leuten, die sich drakonische Perspektiven auch deshalb leisten können, weil ihre Ansichten allgemein egal sind. Seine Schriftsachen sind aus einem Container der Vergangenheit gefischt. Buchstäblich abgegriffen. Als habe Benno auf einem Dachboden nie publizierte Manuskripte eines namenlosen Autors gefunden und die anachronistischen Texte fortgeschrieben.

Charlotte heißen schon lange ausgestorbene Großtanten. Der Plural schließt Emma und Hedwig ein. Das sind Grabsteinnamen.

Benno Montana, über den wir gestern erst gesprochen haben, vergreift sich in seiner Verehrung für die Tochter eines Lehrers auf der Tastatur seiner Möglichkeiten. Zumindest ist das der Eindruck, den Bennos Freunde gewonnen haben. Prompt lädt Charlotte Benno zu ihrem Geburtstag ein. Benno erscheint herausgeputzt. Der Kragen überflügelt die Pullunderschultern. Die Mutter hat sich viel Mühe gegeben und Benno kurz bevor der Bus fuhr auch noch die „reifen“ Pickel ausgedrückt.

Sie liebt es, wenn der Eiter spritzt.

Sie krempelt Benno auch die Nagelhaut auf.

Mit Mutterspucke wird die Frisur an den Kopf gepappt.

So sitzt er nun auf einem harten Stuhl, vom Hausherrn spitzmäulig Sitzmöbel genannt, im Esszimmer seines Biologielehrers und studiert die Zeichen der Distinktion, als seien sie Hinweistafeln von der Deutlichkeit wetterabgewandter Baumseiten. Gedanklich kniet Benno auf Moos und atmet Wald. Er bildet sich den angenehmen Druck der Zwillingsbüchse auf dem Schenkel ein, während er sich fragt, was Herrn Möhre so peinlich ist, dass er ständig kichern muss; so als sei er der Backfisch am Tisch.

Charlotte hat auch an ihrem Geburtstag nicht frei. Höhere Tochter ist man das ganze Jahr rund um die Uhr. Sie weiß längst, dass auch ihre erotische Unruhe eine epische Funktion hat, so dass es opportun ist, ihr nachzugeben. Charlotte hat sich für erste Experimente Benno auch deshalb ausgesucht, weil sie niemandem in die Hände fallen will, der schon Erfahrungen gesammelt hat. 

Charlotte und Benno sind mit allem lückenlos versorgt, es erscheint alles so richtig. Das Richtige geschieht und verliert seine Bedeutung zügig an andere Ereignisse.  

Zwei Wochen später

Kerstin stellt sich im Tross ihrer Eltern ein; ein störrisch-gleichgültiger Beifang im Familiennetz. Der Besuch kommt vom Dorf und hat einen Hof zu verteidigen gegen jedes Ansinnen. Ein Grund- und Bodenstolz geht durch die Decke und füllt das Wohnzimmer usurpatorisch aus. Als Angehörige der besitzende Klasse breiten sich Bennos Onkel und Tante im Wohnzimmer armer Verwandter aus. Sie sind Ramme und Walze. Irgendwann entzieht sich die Tochter dem Wuchtgeschehen. Sie sucht und findet Benno hinter einer Schanze der Separation. Sie ist ein Jahr jünger als der Cousin und weiß selbst nicht, was das soll und was sie will. Plötzlich liegt sie eben Benno auf der Klappcouch. Als sich die beiden ein Jahr später wiedertreffen, eine Hochzeit muss nach den Regeln des Dorfes, die in einem eklatanten Gegensatz zu den Gepflogenheiten in der Stadt stehen, aufwendig begangen werden, besiegeln Kerstin und Benno die angeknabberte und wie ein Schokoriegelsplitter in einer Ritze verrottete Nähe mit Travestien der Unbefangenheit.  

*

Wie sie sich auch dreht und wendet. Das Misslingen bleibt Benno so kurz vor dem Abitur dicht auf den Fersen. Mit zwei Stapeln aussortierter und der beliebigen Nutzung anheimgestellter Bibliotheksbände gerät der Pechvogel vom Regen in die Traufe. Gehetzt fühlt er sich von Höllenhunden. Dabei ist Benno viel zu uninteressant für höllische Interventionen. Einen wie ihn lässt man links liegen oder im Regen stehen. 

Benno erinnert sich an den Bücherbus. Die ambulante Bibliothek spielte eine bedeutende Rolle in seiner Kindheit. Ja, auch Sachen können Rollen spielen, denken Sie an Küchen- und Prinzenrollen.

Die Autorin erzählt von einem der Stillen im Land. Gemeinsam mit ihr beobachtet der Leser leise Verlierer bei der Inventarisierung des Nichts. Heimlich besiegen sie krachlederne Typen, die ihre Fahrräder im Westernstil reiten.

Obwohl Benno gar kein Verlierer ist. Niemand ist ein Verlierer, der eine Portion Spaghetti mit Tomatensoße bei da Bruno um die Ecke genießt. Ist doch egal, ob du Pakete ausfährst oder Gitarren verkaufst; du würdest dich doch sowieso nicht wohlfühlen als ein anderer Lanz oder Jauch. Das Interieur in diesem (in einem Flachbau untergebrachten) Lokal (war wohl mal ein Lager) ist der reine Tagtraum. Benno bittet Bruno um einen Block. Er zückt einen Waterman Kuli, den ihm Willi Suhrkamp vor Jahren vermacht hat. Manchmal erinnert mich Bennos Manier an Wilhelm Genazinos Wohlfühl-Melancholie; an heimliche Wahrnehmungsergüsse von Leuten, die sich drakonische Perspektiven auch deshalb leisten können, weil ihre Ansichten allgemein egal sind.

Seine Schriftsachen sind aus einem Container der Vergangenheit gefischt. Buchstäblich abgegriffen. Als habe Benno auf einem Dachboden nie publizierte Manuskripte eines namenlosen Autors gefunden und die anachronistischen Texte fortgeschrieben.

Autos, die schon lange keiner mehr fährt, finden in der Durchschrift Erwähnung.   

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Zehn Jahre später/Frankfurt am Main

Gemessen an seinen finanziellen Spielräumen, könnte Benno wesentlich interessierter an Kunst, Architektur und epochalen Missständen sein. Der Klimawandel geht ihm am Knie vorbei. Er besucht keine Auktionen. Er sammelt und verehrt nichts. Man trifft ihn nicht mit einem Earl of Grey in einem Hotel der Luxusklasse. Er konspiriert mit keinem CLO einer NGO. Kurz gesagt, Benno wirkt ziemlich unbeteiligt.