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29.02.2020, Jamal Tuschick

Brit besitzt die Aura „zufälliger Schönheit“. Der Tochter hochmusikalischer, absurd früh verstorbener Mitte & Marsmenschen gefällt ein engagierter Schlendrian als nachrangige Lieferantin von konzertantem Volumen in einem Streichquartett, dessen übrige Mitglieder ambitionierter sind als Brit. In einer Konstellation mit zwei Underdogs und einem Überflieger muss sich Brit nichts beweisen. Henry (Bratsche) erscheint als Konsument seines eigenen Genies Daniel (Cello) geizt als gebranntes Kind mit allem. Jana (Geige) ist der Boss in Aja Gabels genialen Debütroman „Das Ensemble“. Janas saufender Mutter verdankt sie eine Kindheit wie auf einem Späti-Bierkastenstapel. Das hat die Virtuosin furios gemacht. Sie kennt keine Verwandten und geht über Leichen.

Vergeigt

Aja Gabel (c) Darcie Burell

Eingebetteter Medieninhalt

Rülpser des Wohlbehagens

Goethes Definition des Streichquartetts, „Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten“, geht von einer Gleichberechtigung der Musiker*innen aus, die sich heute wie der Rülpser eines historischen Wohlbehagens ausnimmt. In Wahrheit sind Kammerkonzertanten in einer Konkurrenzgemeinschaft im aufmerksamsten Gegeneinander miteinander verbunden und umgekehrt. Die Interaktivitäten laufen so ab, wie es Robert „Unser Goethe heißt Heinz Schenk“ Gernhardt besser wusste:

„Einer immer noch begabter als du“

Immer einer behender als du/ Du kriechst/ Er geht/ Du gehst/ Er läuft/ Du läufst/ Er fliegt: Einer immer noch behender./ Einer immer begabter als du/ Du liest/ Er lernt/ Du lernst/ Er forscht/ Du forschst/ Er findet: Einer immer noch begabter.

In ihrem genialen Debütroman erzählt Aja Gabel von der im Paartrott gemäßigter Rivalität unter Virtuosen. Allen überlegen ist Henry, der von klein auf immer schon größer war als irgendwer in der Vergleichskohorte. Bei ihm vollzieht sich das Drama des begabten Kindes in vollendeter Affirmation. Er sagt ja zu jedem Keks und später auch zu jedem Drink, und so auch zu jeder Ballerina, die ihre eigene Exzellenz, ihren Ehrgeiz und ihre Leidensbereitschaft nur im Bund mit einem Kongenialen genießen möchte.

Das kann man auch ganz anders sagen. Es spricht für Gabels schier unglaubliches Können, dass sie so deutlich nicht werden muss. Der Musenprinz Henry steht auf hungeraffine Elevinnen, deren Karrierepläne ihn mit der Totalität eines Vakuums entlasten.

Henry dementiert mehr als einmal eine Regung, die im Roman als der „John-Lennon-Moment“ kursiert. Er weiß, dass er für seine Mannschaft zu gut ist. Er wird die anderen niemals auf sein Niveau ziehen können. Er sollte gehen. Die ihm raten, über seine Freunde hinauszuwachsen, sind Janas Feinde.

Immer einer berühmter als du/ Du stehst in der Zeitung/ Er steht im Lexikon/ Du stehst im Lexikon/ Er steht in den Annalen/ Du stehst in den Annalen/ Er steht auf dem Sockel:/ Einer immer noch berühmter.

Jana möchte man nicht zur Feindin haben

Jana hat sich selbst erschaffen und viel Dreck hinter sich gelassen. Ihre Mutter, eine selbstgefällige Alkoholikerin, kreist entschlossen um den uralten Turm (Rilke) ihrer selbst. Sie hat ihrer Tochter jede Menge unfähiger Männer, die sich auf diese absurde Weise für Town Tamer hielten, an denen man seelischen Verfall erkennt, als temporäre Wohngenossen zugemutet. Entsprechend skrupellos kommt Jana zur Sache. Henry ist in gewisser Weise ihre Geisel. Sie kennt ihr Limit und verbessert ihre Chancen, indem sie sich Henry an den Hals wirft und ans Bein bindet.

Berühren sich ihre Fingerspitzen, reagiert Hornhaut auf Hornhaut.

Manchmal fühlt sich für Jana San Francisco wie eine kleine Stadt am Meer an.

Über die Autorin

Aja Gabel strebte eine Karriere als Cellistin an, bevor sie in Literatur und Kreativem Schreiben an der University of Houston promovierte. Für ihre literarischen Texte, die u.a. in der New England Review, Glimmer Train und BOMB erscheinen, erhielt sie zahlreiche Preise, darunter den Inprint Prize und eine Auszeichnung der Sewanee Writers‘ Conference. Gabel lebt in Los Angeles.

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