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29.02.2020, Jamal Tuschick

Für Marie Campan ist das Leben ein Fest des leisen Gelingens, bis sie von ihrem Chef vergewaltigt wird. Der Gewaltakt entzieht die Vermögensberaterin ihrem Alltag. Er katapultiert sie auf eine Umlaufbahn des Grauens.

Wenn das Leben zerbricht

Eingebetteter Medieninhalt

Marie wählt das Schweigen. Sie nimmt den ehelichen Vertrauensbruch in Kauf, den das Schweigen begründet. Sie habitualisiert die Vortäuschung.

Laurent, Maries Mann, ein Medien-Boomer aus dem Pariser Intelligenz trifft Kapital-Bilderbuch und entsprechend erfolgreich als Anwalt für Erb- und Scheidungsrecht, bleibt ausgeschlossen. Seine schusselige Lebhaftigkeit löst eine verschwiegene Tobsucht aus. Marie eskaliert lautlos.

Inès Bayard, „Scham“, Roman, aus dem Französischen von Theresa Benkert, Zsolnay Verlag, 222 Seiten, 22,-

Sie hat ihn nie zurückgewiesen. Nun erlebt sie den häuslichen Akt als zweite Vergewaltigung. Laurent kriegt keine Chance, dem nach außen sickernden Rinnsal der Verzweiflung die richtige Bedeutung zu geben. Nichts deutet darauf hin, dass Laurent bereit wäre, Maries Schmerz zu ignorieren.

Inès Bayard stellt Maries isolationistische Position wie einen klinischen Befund dar. Man folgt der Vergewaltigten in ein Labyrinth, das in der Folge lauter Ausschlüsse entsteht.  Ein Echo der gesellschaftlichen Wahrnehmungsverschiebungen hallt nach. Bei einem Abendessen mit einem befreundeten Ärzteehepaar gleitet das Gespräch vom familiären Missbrauch über unberechtigte Vergewaltigungsvorwürfe bis zu den zwiespältigen Auffassungen der Fälle Outreau, Dominique Strauss-Kahn, Polanski. Drei Punkte folgen Polanskis Namen wie zur Ermahnung angesichts einer langen, noch lange nicht abgearbeiteten Liste männlicher Verfehlungen, die mit großer Macht verbunden sind/waren.

Aus der Bildzeitung:

„Kurz vor der Verleihung der Goldenen Palme am Sonntagabend sorgen auf dem Filmfestival in Cannes zwei Männer für Getuschel: Der ehemalige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (64) und Regisseur Roman Polanski (79).

Denn: Gegen Strauss-Kahn wird doch noch ermittelt, und Polanski ist seit seinem Hausarrest in der Schweiz nur sehr selten auf dem roten Teppich zu sehen.“

Die Brisanz von Bayards Debüt ergibt sich aus der Abbildung einer außergewöhnlichen Spannung. Die Gesellschaft vibriert auf ihrer Spitze, soweit es um die Valeurs männlichen Machtmissbrauchs geht. Einerseits erlauben die Verhältnisse nach wie vor sexuelle Machtausübung. Andererseits befindet sich die Anglosphäre am Tipping Point bei der Bewertung gewaltherrschaftlicher Interventionen. Diese Ambivalenz gibt dem Roman sein Fieber. Eine Drehung und Maries Vergewaltiger würde medial und sozial ausgegrenzt und von Social Justice Warriors solange gehashtagt, bis seine Gegenwehrtechnik ihre virale und juristische Potenz verloren hat und er Down gemeldet wird; so dass sich sein Restoptimismus auf den Schutz konzentrieren könnte, den ein Gefängnis bietet.

Marie weiß aber nicht, dass man Delinquenz via Framing sichtbar machen und mit Blaming und Offender-Shaming zivilgesellschaftlichen Furor erzeugen kann, um Druck an der Schmerzgrenze des Aggressors aufzubauen. Sie wählt zunächst den Weg der Autoaggression und baut vielmehr das Gefühl der Beschämung aus.

Victim-Shaming - Darauf spekuliert jeder Täter.