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01.03.2020, Jamal Tuschick

In ihrem ersten Roman erzählt Paula Irmschler vom zeitgenössischen Schlendrian im Antifa-Milieu. Es gilt die Devise „Keine Namen. Keine Strukturen“. Zugleich hocken die Aktivist*innen mit Gemütlich- und Vertraulichkeitserwartungen aufeinander und vermindern die Differenz zwischen Kampf und Leben in der Permanenz einer totalen Mobilmachung gegen den politischen Feind.

Die Differenz zwischen Kampf und Leben

Die Ereignisse von #Chemnitz führten dazu, dass Chemnitz für das falsche Deutschland zur Chiffre wurde, und man, egal ob links oder rechts, nichts weiter sagen musste als Chemnitz. Paula Irmschler hat die südwestsächsische Metropole zur Hauptstadt ihres Romans gemacht.

Karl Marx in Karl Marx-Stadt - „Ein paar Journalisten filmen vor dem Nischel, weil das der Ort ist, wo es gestern eskalierte, und sie die Symbolaufnahmen brauchen für ihre Beiträge.“

Chemnitz Mon Amour  

Wieviel Sicherheit der Gesellschaft beansprucht die Aktivistin im Kampf gegen sie. Das ist eine Gretchenfrage, die sich zwangsläufig mit jeder Subkultur verbindet, die ihre Begründungen zwischen Jugend & Widerstand in einem mehrfach konnotierten Aufbruch findet.

Paula Irmschler, „Superbusen“, Roman, Classen, 312 Seiten, 20,-

Die alternative Infrastruktur dient im dritten oder vierten Durchgang der Zugehörigkeit den Familiengründungsprogrammen nicht zuletzt. Geschieht dies in Chemnitz, der Hauptstadt des Romans, ergeben sich Risiken und Nebenwirkungen in der Nachbarschaft rechtsextremistischer Gegenspieler*innen.

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Zieht man die narrative Summe, ergibt sich das Bild einer Sehnsucht. Im Dunstkreis der Heldin Gisela kursieren Aktivist*innen zwischen Bier und (metaphorisch gesprochen) Kuscheltier. So wollen sie zur Revolution im Grunde trampen oder zumindest in der Nostalgie eines besonders langsamen Zuges anreisen.

Eine zeitlich und seelisch verschleppte Anreise vollzieht sich am Romananfang. Gisela erzählt selbstgesprächig, sich mit großen Gesten an das innere Auditorium wendend, ihr Verhältnis zu Chemnitz. „Die kreisfreie Stadt im Südwesten des Freistaates Sachsen“ (Wikipedia) schillert mit einer Reihe von Einmaligkeitsgroßartigkeiten, denken Sie an den Karl Marx-Kopf, diese „vierzig Tonnen schwere Plastik … nahe der Kreuzung zur Straße der Nationen“ (Wikipedia). In Chemnitz fand Heiner Müller Ulrich Mühe. Die Liebe der DDR-Schauspieler*innen zur Provinz werde ich an anderer Stelle noch einmal zum Gegenstand entlegener Betrachtungen machen. Irmschlers Gisela ist für solche deutsch-deutschen Delikatessen zu jung. Sie wuchs in einem robusten Osthaushalt mit all den kernigen Halbweisheiten für über den Tisch gezogene Mitbürger*innen auf. Im Jetzt der Handlung verkörpert sie die (den Selbstverständlichkeiten der Schulzeit entrückte) Studierende in der Phase vorletzter Leistungsnachweiserbringungen.

Gisela orientiert sich an Fred, die so exotisch ist, nicht nur aus Chemnitz zu kommen, sondern da auch geblieben zu sein. Ein Beispiel ihres Mutterwitzes:

„Nur weil irgendwo Müll rumliegt, muss man da nicht gleich einen illegalen Rave machen.“

Dresdner Kodes

In Leipzig lassen sich jederzeit Mehrheiten herstellen. Nach Dresden fährt man nur zum Demonstrieren. Gisela versteht die Kodes nicht und findet die Verkehrsformen herausfordernd. In der „verdammten Kackstadt“ kollabiert Giselas sächsisches Grundbehagen.

Zu einem 25. Geburtstag reist der Freundeskreis zum „Böhmischen Ballermann“ nach Doksy.    

Ich zitiere aus dem Doksy Blog

Doksy – Traumstrand in Tschechien

Doksy ist auf den ersten Blick eine eher verschlafene, typische böhmische Gemeinde im Kreis Česká Lípa (Nordböhmen in Tschechien). Aber wehe, wenn der Sommer kommt!  

Irmschler erzählt von Urlaubsgefühlen, Nudeln im Topf und einem Superbusen-Bandgründungsphantasma, bis mir aufgeht, was an dieser Wohngemeinschaftsschnurre surprised. Das ist die Zurschaustellung der Ganglien eines wertkonzisen Weltbildes. Gisela erscheint als heimatverbundene Sächsin im Trend-Schwarz der abgefeierten Jugend kurz vor dem Rückzug auf die Empore.

Mit Mitte Zwanzig ist man viel mehr Mitte Dreißig als Anfang Zwanzig, und Gisela geht wohl als abgedeckte Endzwanzigerin unter die Leute. Die Veteranin autofreier Chemnitzer Nächte und vieler Demonstrationen hütet sich vor der Verbürgerlichung als Entwerferin der „Stücke“ von Superbusen. Die Band baut der Kritik vor, indem sie Zuflucht zur Performance-Art nimmt und den konzeptionellen Dilettantismus feiert.

Ganz zum Schluss, die Stühle sind schon hochgestellt, beschließt Gisela diverser Vorbehalte zum Trotz ihre Teilnahme am Wir sind mehr-Konzert* in Chemnitz.

Eingebetteter Medieninhalt

Sie adelt sich mit einem Abgrenzungsvortrag. „Verschwurbelt gegen Rechts zu sein“, reicht ihr nicht. Zum ersten Mal ahne ich Giselas Distinktionsbegriffe, die sie in Opposition zu jeder Menge „Arschlöcher“ bringen. Es gibt einen tieferen Sinn und höheren Zweck ihres studentisch in eine gähnende Länge gezogenen Lebensstils. Sinn & Zweck sind Politik & Freundschaft.

*Unter dem Motto „Wir sind mehr“ fand am 3. September 2018 in Chemnitz ein kostenloses Konzert als Antwort auf die Ausschreitungen in Chemnitz 2018 statt. Das Konzert erreichte eine geschätzte Besucherzahl von 65.000 Menschen. Wikipedia