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01.03.2020, Jamal Tuschick

Der Liverpooler P. kennt keine Selbstzweifel. In Deutschland führt er das Leben eines stürmischen Kleinstadtfußballstars. Antje Joel gelingt ein genaues Porträt. Sie zeigt einen limitierten, aber in seinem engen Rahmen hervorragenden Lifestyle-Emissär. P. lügt sich jünger. Das Konzept ist klar. Der „Beutegreifer“ entzieht dem Generationspool der Sechzehnjährigen eine Willfährige, die sich von ihm „grün und blau schlagen“ lässt. Die Erzählerin folgt ihrem Tyrannen in eine Hinterhofzumutung. „Die Wohnung haben P. und ich uns leider im Dunklen angeguckt. Da schien sie uns ganz okay.“

Stullen für den Schläger

Antje Joel zeichnet Traditionslinien der Gewalt nach. Sie kartografiert ihre Zuläufe und Abflüsse. In Joels Kindheit war der Schläger als Gatte in der Nebenrolle des saufenden Nachbarn ständig präsent. Joels Eltern reagierten überhaupt nicht auf die Delinquenz der physischen und seelischen Angriffe. Sie ignorierten harte Tatbestände. Stattdessen echauffierten sie sich im Rahmen einer Ordnungswidrigkeit nach § 117. Stichwort „Unzulässiger Lärm“, landläufig Ruhestörung.

Bei Licht betrachtet handelt es sich um eine Bruchbude. Bei Licht betrachtet sieht sowieso alles anders aus. P. misshandelt seine zehn Jahre jüngere Freundin, die mit der, wenn nicht ausdrücklichen, so doch achselzuckenden Zustimmung aller Zuständigen dem Schläger regelrecht ausgeliefert wird.

Antje Joel, „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“, Rowohlt, 334 Seiten, 12,- 

Antje will in dem Chaos ihrer Gefühle und der Verhältnisse unbedingt „etwas Vernünftiges werden“. Mit sechzig Bewerbungen nähert sie sich ihrem „Traumberuf Krankenschwester“. Jemand, dem niemand hilft, kapriziert sich aufs Helfen.

Antje geht weiter zur Schule, verfolgt von hämischen Herabsetzungen der Eltern. Die Lieblosigkeit grassiert. Wer nie erlebt hat, was Liebe ist, kann sich dazu alles Mögliche ausdenken. Der wird als Analphabet über die Liebe fabulieren und sich ein Leben lang fragen, was er falsch gemacht hat.

P. wie Picasso Joel vergleicht ihren ersten Peiniger mit Picasso. Sie dekonstruiert die Idee „von der Frau als Katalysator des männlichen Genies“. Sie entlarvt den Musen & Märtyrerinnenmythos vom weiblichen Kunstopfer als kulturellem Hochgenuss. Sie charakterisiert Picasso als schlichten Hegemonialfürsten und ihren mit P. initialisierten ersten Ehemann als Kleinausgabe eines ebenso charismatisch wie rücksichtslos um sich greifenden Tyrannen.

Auf der vorgeschriebenen Route den eigenen Weg gehen

Joel kritisiert die Bedingungen der weiblichen Gesellschaftsteilhabe. Frau soll selbstbestimmt konventionell sein. Interessant ist hier, dass die kaum erwachsene Antje den Rahmen ihrer Abrichtung akzeptiert und sich mit vorauseilendem Gehorsam um Strafrabatt bemüht. Mit siebzehn geht sie bereits in der Rolle einer Unterworfenen auf. Sie begreift nicht, dass ihre umsichtige Demut den Dominanzfuror jener überhaupt erst entfacht, denen sie ausgeliefert ist. In den Rückspiegeln der Inferiorität sieht sie sich selbst immer kleiner werden. Sie „schmiert die Brote für P.“, bevor sie zur Schule geht. Kommt P. von der Arbeit, erwartet ihn eine warme Mahlzeit.

Antje füllt die Beziehungskasse mit dem Kindergeld, das zu ihrer fürsorglichen Versorgung bestimmt ist. Allein in diesem Detail wirft sich die Verworfenheit auf. Es zeigt sich ein grotesker Abstand zu den Erwartungen einer Heranwachsenden.

Antje folgte einem inneren Freiheitsruf in die neue Abhängigkeit. Nun schmiert sie Stullen für den Schläger.

„Einmal platzt mir das Trommelfell.“

Heroisches Framing

Da Antje P. deckt, fehlt den Lehrern die gesetzliche Handhabe. Heute würden sie sich wohl über das Schweigen einer Schülerin intervenierend hinwegsetzen, aber in den Siebzigerjahren findet häusliche Gewalt noch in allen möglichen Spielarten unterhalb des polizeilichen Radars statt. Es herrscht ein Klima der Apathie, sobald der Feststellung einer „Komplizenschaft“ zwischen Täter und Opfer etwas Massives entgegengesetzt werden müsste.

Alle gehen den Weg des geringsten Widerstands. Niemand will sich in was reinziehen lassen. Nachher kommt man nicht mehr raus aus der Nummer, einmal abgesehen von der Schuldfrage.

P. vergleicht die Blessuren, mit denen er Antje (als gesellschaftlich Versprengte, vom Regelkreislauf Abgekoppelte) markiert, mit seinen Fußballerverletzungen.

„P.s Beine sehen aus wie ein Schlachtfeld.“

Joel verschweigt ihre Faszination nicht. Die adoleszente Liebes- und Bewunderungsbereitschaft kennt keine Grenzen. Zumal P. geschickt zwischen Angriff und Verteidigung changiert. Seinem Sadismus bastelt er einen heroischen Rahmen.