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02.03.2020, Jamal Tuschick

Für Marie Campan ist das Leben ein Fest des leisen Gelingens, bis sie von ihrem Chef vergewaltigt wird. Der Gewaltakt entzieht die Vermögensberaterin ihrem Alltag.

Geheuchelte Normalität

Eingebetteter Medieninhalt

Foucault beschreibt die Ehe nach Augustinus als paradoxes Projekt. Sie bildet einen frühmittelalterlichen Rahmen für „die Askese der Keuschheit und die Moral der Ehe“. Sie geht von „freundschaftlichen Beziehungen (aus, die den ehelichen) Frieden gewährleisten“. Inès Bayard analysiert in ihrem ersten Roman „Scham“, was passiert, wenn eine auf Mäßigung basierende, vom Fegefeuer der Leidenschaften wenig berührte, um des Friedens willen beschlossene Gemeinschaft einer Strukturkrise ausgesetzt wird.

Inès Bayard, „Scham“, Roman, aus dem Französischen von Theresa Benkert, Zsolnay Verlag, 222 Seiten, 22,-

Bayards Zentralfigur Marie Campan verändert nach einer Vergewaltigung, die sie ihrem Mann Laurent verschweigt, die Beziehungskoordinaten, ohne sich zu den Vertragsänderungen einzulassen. Marie schließt ihren Gatten in den Schuldturm ein, der dem Vergewaltiger, einem Vorgesetzten, vorbehalten bleiben sollte.

Der Vergewaltiger hat das Ehepaar Campan geschändet, doch nur Frau Campan kann die negativen Ausschläge im Schlepp der Tat empirisch begreifen. Laurent machen die Veränderungen ratlos. Seine von keiner Sonne der Empathie beschienene Ratlosigkeit deutet an, dass er sich im Seelenhaushalt seiner Frau nicht gut auskennt. Marie ist dem erfolgreichen Anwalt als Vermögensberaterin lange passend genug erschienen. Er sieht sich selbst auf dem Sprung, den Status Double Income no Kid zu relativieren. Man „arbeitet“ an der Vergrößerung der Familie mit ungleich verteilten Lasten.

Marie erträgt Laurent nicht mehr. Das verhehlt sie ihm (so lange wie möglich). Sie heuchelt Normalität.

Bayard beschreibt, wie auch Laurent sein Leben verliert, nur ohne einen begrifflichen Ankerpunkt. Ihm kommt Marie überarbeitet vor.

Champagner und Petits Fours …

Marie bringt ein Kind zur Welt, das sie für den Sohn ihres Vergewaltigers hält. Sie stößt Thomas ab, wenn auch so unauffällig wie möglich. Sie zeigt sich unbeholfen und gibt Laurent so Gelegenheiten, sich als Vater zu profilieren.

Bayard beschreibt den ehelichen Friedensverlust in quälenden Szenen. Die Szenen illustrieren auf eine vermutlich nicht kalkulierte Weise den Augustinischen Ehebegriff, der in einer Zusammenführung antagonistischer Positionen mündet. Die Überschreitungen der Grenzen von Keuschheit und Moral in diesem Kontext folgen einer Kündigung nüchterner Übereinkünfte. Sie führen in die tristeste Verzweiflung. Irgendwann besteht das Paar aus Getrennten, die sich mehr oder weniger ungewaschen Pornofilme anschauen. Die Geschändete überschreibt sich selbst mit einem wüsten Text. Es tröstet sie nicht, zu erkennen, wo der Fehler liegt. Keine Rolle spielt mehr, warum Laurent sie nicht versteht.

Marie wirft ihm vor, sie nicht zu kennen (sie nicht gekannt zu haben, als sie noch jemand war). Die Vergewaltigung offenbart nebenbei den gähnenden Krater der aller konventionellsten Gleichgültigkeit. Kehrt man von den Romanturbulenzen zu Foucault zurück, erkennt man die historische Wurzel des anteilnehmenden Unverständnisses. Das Unverständnis rührt von einer Diskretion und einem Takt aus den Jahrtausenden arrangierter, auf Besitzstandswahrung und Fortsetzung der Familie begründeter Ehen.

Wenn das Leben zerbricht

Für Marie Campan ist das Leben ein Fest des leisen Gelingens, bis sie von ihrem Chef vergewaltigt wird. Der Gewaltakt entzieht die Vermögensberaterin ihrem Alltag. Er katapultiert sie auf eine Umlaufbahn des Grauens.

Marie wählt das Schweigen. Sie nimmt den ehelichen Vertrauensbruch in Kauf, den das Schweigen begründet. Sie habitualisiert die Vortäuschung.

Laurent, Maries Mann, ein Medien-Boomer aus dem Pariser Intelligenz trifft Kapital-Bilderbuch und entsprechend erfolgreich als Anwalt für Erb- und Scheidungsrecht, bleibt ausgeschlossen. Seine schusselige Lebhaftigkeit löst eine verschwiegene Tobsucht aus. Marie eskaliert lautlos.

Sie hat ihn nie zurückgewiesen. Nun erlebt sie den häuslichen Akt als zweite Vergewaltigung. Laurent kriegt keine Chance, dem nach außen sickernden Rinnsal der Verzweiflung die richtige Bedeutung zu geben. Nichts deutet darauf hin, dass Laurent bereit wäre, Maries Schmerz zu ignorieren.

Inès Bayard stellt Maries isolationistische Position wie einen klinischen Befund dar. Man folgt der Vergewaltigten in ein Labyrinth, das in der Folge lauter Ausschlüsse entsteht. Ein Echo der gesellschaftlichen Wahrnehmungsverschiebungen hallt nach. Bei einem Abendessen mit einem befreundeten Ärzteehepaar gleitet das Gespräch vom familiären Missbrauch über unberechtigte Vergewaltigungsvorwürfe bis zu den zwiespältigen Auffassungen der Fälle Outreau, Dominique Strauss-Kahn, Polanski. Drei Punkte folgen Polanskis Namen wie zur Ermahnung angesichts einer langen, noch lange nicht abgearbeiteten Liste männlicher Verfehlungen, die mit großer Macht verbunden sind/waren.

Aus der Bildzeitung:

„Kurz vor der Verleihung der Goldenen Palme am Sonntagabend sorgen auf dem Filmfestival in Cannes zwei Männer für Getuschel: Der ehemalige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (64) und Regisseur Roman Polanski (79).

Denn: Gegen Strauss-Kahn wird doch noch ermittelt, und Polanski ist seit seinem Hausarrest in der Schweiz nur sehr selten auf dem roten Teppich zu sehen.“

Die Brisanz von Bayards Debüt ergibt sich aus der Abbildung einer außergewöhnlichen Spannung. Die Gesellschaft vibriert auf ihrer Spitze, soweit es um die Valeurs männlichen Machtmissbrauchs geht. Einerseits erlauben die Verhältnisse nach wie vor sexuelle Machtausübung. Andererseits befindet sich die Anglosphäre am Tipping Point bei der Bewertung gewaltherrschaftlicher Interventionen. Diese Ambivalenz gibt dem Roman sein Fieber. Eine Drehung und Maries Vergewaltiger würde medial und sozial ausgegrenzt und von Social Justice Warriors solange gehashtagt, bis seine Gegenwehrtechnik ihre virale und juristische Potenz verloren hat und er Down gemeldet wird; so dass sich sein Restoptimismus auf den Schutz konzentrieren könnte, den ein Gefängnis bietet.

Marie weiß aber nicht, dass man Delinquenz via Framing sichtbar machen und mit Blaming und Offender-Shaming zivilgesellschaftlichen Furor erzeugen kann, um Druck an der Schmerzgrenze des Aggressors aufzubauen. Sie wählt zunächst den Weg der Autoaggression und baut vielmehr das Gefühl der Beschämung aus.

Victim-Shaming - Darauf spekuliert jeder Täter.

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