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02.03.2020, Jamal Tuschick

Berühmtere Autoren als ich haben ihrem Neffen schriftlich gratuliert.

Lieber Jason

Ich gratuliere Dir recht herzlich zu Deinem Geburtstag und wünsche Dir alles Gute. Ich bin an meinem achtzehnten Geburtstag mit einem seltsamen Gefühl aufgewacht. Damals wohnte ich im Philosophenweg, in einer Vierer-WG, die ihrem Wesen nach einem Paar als Herberge diente. Ich rede nicht von einem Liebespaar, lieber Jason, sondern von Freunden, die auf verschiedene Schulen gingen. Claus besuchte den „Eimer“, so nannten wir die Goethe Schule, und Bernd war auf dem ASS (Albert Schweitzer Schule). Ich habe die Namen geändert. Die ältesten Empfindlichkeiten und Animositäten können den größten Ärger machen. Claus war der typische Naturwissenschaftler. Er stellte Meskalin auf chemischer Basis her, berechnete die Mietanteile, wachte über der Telefonrechnung und hatte ein permanentes Liebesleben. Bernd verkörperte den Feingeist, las über unsere Verhältnisse und pflegte eine aberwitzige Teezeremonie in seinen Korbmöbeln. Beide waren höhere Söhne, aber nur Bernd hatte einen Herkunftsdünkel. Er war ein Snob, stets besser gekleidet als der Rest, mit einer Vorliebe für Paisley Muster.

Das war schon sehr extravagant für Kasseler Verhältnisse. Bernd fand unsere Stadt „beliebig“ und sogar „unterdurchschnittlich“. Er hielt sich etwas auf solche Ungerechtigkeiten und Übertreibungen zugute. Gleichzeitig war er Kommunist und auf die Frankfurter Schule eingeschworen. Ich staunte Bauklötze. Für einen Jungen aus Waldau, Dir muss ich nicht erklären, wo das liegt und was das bedeutet, war es unfassbar, dass der Enkel vom Hoch-und-Tiefbau Gerhardt (Name geändert, die Firma existiert noch) als Hochmut in Person der Welt den Kommunisten vorgaukelte. Er provozierte die Bodenständigen mit seiner bloßen Erscheinung. Einmal bat er mich, an seiner Stelle jemanden in die Schranken zu weisen. So sah er mich. Ich war sein zupackender Freund, während er den Kasten Bier für den gemeinsamen TV-Western, noch in verschneitem Schwarzweiß, gemeinsam mit einer Begleitperson durchs Treppenhaus trug.

Es gab eine Zeit, da zog man in gewissen Kasseler Kreisen nicht um, ohne sich zuvor meiner Unterstützung versichert zu haben. Ich war bestimmt nicht der Stärkste weit und breit, aber bei mir verband sich Kraft mit Ausdauer. Das ist, was man braucht.

Nach dem Abitur beeilte sich Bernd, so wie viele meiner Generation, in eine größere Stadt zu kommen. Er ging als Langhaariger und kam mit einem New Wave Look zurück. Zurück bedeutete Weihnachten bei den Eltern.

Das wollte ich gar nicht erzählen. Ich wollte auch nicht weg aus Kassel. Worauf es mir im Augenblick ankommt, ist die Darstellung einer Konstellation, die ich erst mit dem Abstand von Jahrzehnten begriffen habe. Sie zeigt, wie trügerisch der Anschein ist.

In dieser Wohngemeinschaft, die für alle sichtbar von Claus und Bernd dominiert wurde, lebten stets vier. Sie hatten das Gefühl, mit gewissen Abstrichen, gleichberechtige Wohngenossen zu sein. Zu meiner Zeit hieß der Dritte Mike. Er war der Typ mit der weißen Ratte.

Ich behaupte jetzt einfach, es gab immer den Typen mit der weißen Ratte und meistens hieß er Michael, also Mike. Bei Mike stand der Fernseher, ein Fundstück selbstverständlich, so was kaufte man nicht. Auch wenn Mike das in seiner schlichten Art ganz gut wegdrücken konnte, war er doch vielmehr ein Geduldeter als ein gleichberechtigter Bewohner. Alle wichtigen Entscheidungen wurden über seinen Kopf hinweg getroffen. Für Claus und Bernd hatte Mike nur die Funktion des Mietesels. Damals wollten alle so wenig wie möglich blechen. Das war fast schon eine Manie.

Mike hätte keinen Fuß auf den heimischen Boden von Claus und Bernd setzen können, wäre es den Freunden nicht praktisch erschienen, mit ihm die ohnehin geringe Miete zu teilen. Doch wenn gemeinsam gegessen, getagt oder Fernsehen geguckt wurde, bekam Mike stets eingeschenkt, wo sein Platz in der Gemeinschaft war: nämlich außerhalb. Er ignorierte das komplett und erklärte ständig seine Zugehörigkeit.

Dann kam ich dazu. Ich übernahm das Zimmer von einem anderen Vierten im Sinne des fünften Rads am Wagen. Diesen Vierten gab es, solange die Gemeinschaft bestand. Er wog noch weniger als der Dritte, aber in der Außenwahrnehmung waren wir eine stinknormale Vierer-Schüler-WG. Auch mir war nicht klar, worin sich meine Rolle erschöpfte; dass ich den Bund von Claus und Bernd nicht ganz normal erweiterte, sondern als Ausgeschlossener mit eigenem Schlüssel im Spiel war.

Ich erzähle Dir das, weil es mir gerade einfiel als lehrreiches Stück. Da sah etwas ganz anders aus, als es in Wahrheit war. Anders gesagt, diese Pseudo-Vierergemeinschaft hätte keine Belastung überstanden, ohne auseinanderzubrechen.

Ich wünsche Dir noch einen sehr schönen Tag.