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03.03.2020, Jamal Tuschick

Entwertungsexzess

In „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“ erklärt Antje Joel, wie häusliche Gewalt funktioniert. Wie beim Familienalkoholismus bedarf es Mitäter*innen, um sich - als Säufer genauso wie als Schläger - wenigstens in der Nähe einer gesellschaftsfähigen Position halten zu können. Nach meinen Besprechungen des anspruchsvollen Titels, der sich nicht einfach so rezeptionell weghusten lässt, schrieb mich die Autorin an. Rasch führte sie mich in das Albtraumland eines Begreifens, das wie ein böses Erwachen war. Joel zeigte mir, dass ich mich als Rezensent auf der Täterseite etabliert hatte. "Das machen alle", erklärte sie freundlich. Dieser Beitrag dokumentiert einen Prozess der Erkenntnis und seine Umwege.  

Es gibt so viele Täter in unserer Gesellschaft. Nicht alle schlagen mit Fäusten zu.

Das Gehirn ist mit den Tätern - By blaming the victim society is driving the getaway car for the perpetrator.

Lieber Jamal Tuschick,

Vielen Dank für Ihre Beiträge zu meinem Buch “Prügel”. Wenn Sie mögen, lassen Sie uns gern unterhalten über das Leichentuch der Indifferenz, das die Täter und Taten heute wie damals (in jedem Sinne) deckt. Kommentierte doch ein ZEIT-Leser unter der Auflistung der allein 2018 in Deutschland durch Hand ihres Ex-/Partners ermordeten Frauen in etwa: “133 Frauen - denen gegenüber Millionen Frauen stehen, die in glücklichen Beziehungen leben! Sollen wir uns darüber aufregen oder diese 133 gar eine Mehrheit nennen? Wohl kaum.”

Und deutsche Richter befinden noch heute nur auf Totschlag, wenn die Ermordete etwa ihrem Partner zuvor mitgeteilt hat, dass sie ihn verlassen will: „Das hat ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.“

Es gibt so viele Täter in unserer Gesellschaft. Nicht alle schlagen mit Fäusten zu.

Man sagt noch „Dritte Welt“ und erkennt sich an den Gesundheitsschuhen. Den alternativen Kosmos sichert der Bestand alter Obstbäume im Garten. Das ist die Umgebung, in der Antje Joel immer wieder von ihrem ersten Ehemann geschlagen wird – angeblich unter Vorzeichen der Liebe. Darauf besteht der Täter: In einer ganz besonderen Beziehung mit dem Opfer verbunden zu sein. „Ich schlage nur dich.“ Der Tortur zum Trotz hat Joel „kein Opferbuch“ geschrieben. Die Autorin spottet vielmehr über jene Minusmänner, die sich nach den Offenbarungen ihrer Brutalität von Schuld freisprechen und sich als Leidtragende darstellen.

Liebe Frau Joel,  

vielen Dank für Ihre Kontaktaufnahme. Möchten Sie sich direkt auf dem Blog äußern? Soll ich Ihnen Fragen stellen? Mir ist heute Morgen klar geworden, wie viel Empathie Sie für P. immer noch aufzubringen in der Lage sind. Wir hatten neulich eine Missbrauchsgeschichte von Ute Cohen - „Satans Spielfeld“ - im Blog-Gespräch. Da war das gleiche Phänomen zentral: Das Verständnis der Opfer für die Täter. Falls Sie sich dazu äußern möchten, lade ich Sie herzlich dazu ein.

Meine Mutter hatte auch einen Schläger zum (1.) Ehemann, über den sie nie schlecht geredet hat. Dessen Gewaltgeschichten kursierten in der Familie wie Mitteilungen aus dem Poesiealbum. Ich habe das bis heute nicht verstanden.

Häusliche Gewalt ist an kein Milieu gebunden. Das weiß man. In Christoph Heins Novelle „Der fremde Freund“ erzählt die Ärztin Claudia von rituellen Vergewaltigungen im Kollegenkreis. Präzise schildert der Autor, wie das Leichentuch der Indifferenz sich auf vitalen Funktionen breitmacht. Kein Mensch findet richtig, was passiert, aber das ändert nichts an der von manchen absolutistisch definierten Privatsache Gewalt in der Ehe. Erst in diesem Klima eines verhohlenen Einvernehmens mit den Ergebnissen ehelicher Aushandlungen im Kontext der Ohnmacht kann die Etablierung konstitutioneller Erniedrigung gelingen.

Lieber Jamal Tuschick,

danke für ihre Rückmeldung. Sie können mir gern Fragen stellen. Habe ja schon so viel dazu geschrieben.

Nein, Empathie für P. empfinde ich keine mehr. Auch keine Sympathie. Ich denke, das geht aus dem Kapitel hervor, in dem ich die so empathischen Mythen über gewalttätige Männer entmystifiziere.

Die rückblickenden, erzählerischen Passagen, die Ihnen womöglich den Eindruck immerwährender Empathie vermitteln, habe ich versucht, aus dem Blickwinkel meines 16 bis 23jährigen Selbst zu schreiben. Das war ein Kraftakt. Er hat sich offenbar gelohnt. Meine ganze Empathie gilt dieser unglaublich starken, jungen Frau. Die (nicht nur) von P. ganz klein gequatscht und geprügelt werden musste, damit er sich neben ihr „wie es ihm gebührte“ behaupten konnte.

Joel zeichnet Traditionslinien der Gewalt nach. Sie kartografiert ihre Zuläufe und Abflüsse. In Joels Kindheit war der Schläger als Gatte in der Nebenrolle des saufenden Nachbarn ständig präsent. Joels Eltern reagierten überhaupt nicht auf die Delinquenz der physischen und seelischen Angriffe. Sie ignorierten harte Tatbestände. Stattdessen echauffierten sie sich im Rahmen einer Ordnungswidrigkeit nach § 117. Stichwort „Unzulässiger Lärm“, landläufig Ruhestörung. Mitleid und Solidarität mit der Drangsalierten verbot sich. Als Vorsitzende des permanent tagenden Küchentischtribunal stellte Antjes Mutter die Dummheit der Geschlagenen fest. „Dieses saublöde Weib bin jetzt ich.“

Das hatte ich anfügen wollen, aber es vergessen: Es ist der Ausdruck dessen, was man „traumatische Bindung“ nennt. Das Opfer macht sich in seinem Bemühen zu überleben den Täter “zum Freund”. Es ist eine von fünf möglichen Reaktionen auf eine lebensbedrohliche Situation, im Englischen die “Five F” genannt:

 

  • Flight
  • Fight
  • Friend

(als die drei aktiven Reaktionen)

 

  • Freeze
  • Flop

(als passive Reaktionen)

 

Wie wir reagieren, darüber entscheiden nicht wir, sondern die Amygdala in unserem Gehirn. Und zwar trifft sie diese Entscheidung innerhalb einer Dreitausendstel Sekunde, ihr Ziel dabei ist einzig das Überleben. Hat das Gehirn mit der gewählten Entscheidung Erfolg (wir haben überlebt), hält es an seiner Wahl fest, bzw. wird es in einer ähnlichen Situation immer wieder dieselbe Entscheidung treffen. Es hält auch noch an dieser Wahl fest, wenn dazu keine äußerliche, unmittelbare Veranlassung mehr besteht.

Das erklärt, warum Ihre Mutter weiter „nett“ über ihren Schläger spricht: Es hat ihr geholfen, zu überleben.

Eine dauerhafte traumatische Bindung kann, entgegen der landläufigen Meinung, sehr schnell eintreten: Innerhalb von nur drei Tagen.

Joels Tyrann erscheint im Text als P. und wohnt „via Facebook … gleich um die Ecke“. Seine Repräsentanz in Joels Leben ergibt sich nicht zuletzt aus fulminanter Offenherzigkeit. P. hat nichts zu verbergen und sich nichts vorzuwerfen. Zumindest suggeriert das seine Performance in den Sozialen Medien. Manchmal möchte Joel ihn auffliegen lassen. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass P. so offensiv als Aufgeflogener agiert. Dass den meisten klar ist, was er an Skrupellosigkeit und kalter Finesse hinter den Masken eines Leutseligen verbirgt. Dass aber keiner die Absicht hat, um ihn eine Mauer zu bauen oder ihn wenigstens von seinem Grandiositätsgipfel herunter zu zerren.

Liebe Frau Joel,

vielen Dank. Das ist sehr hilfreich, um zu begreifen, was passiert. In diesem Schema erkennt sich jeder wieder. Ich habe diese Identifikation mit dem Aggressor, die Übernahme des Verachtungskatalogs einer miesen Person, mehr als einmal beobachtet und mich so verhalten wie der Mathelehrer* im Buch. Man konstruiert unbewusst ein Einvernehmen zwischen Opfer und Täter. Das Einvernehmen hält das Opfer da, wo es sich leidend um Stabilität bemüht. Mit der Annahme eines weitschweifend zusammengedachten Einvernehmens drückt man es beiläufig in das Gewaltverhältnis. Meine Konstruktion eben war: Die minderjährige A. agiert in dem Missbrauchsverhältnis mit P. einen geistigen Missbrauch aus, der vorher, wenn er nicht delinquent stattgefunden hat, dann doch nicht eindeutig vermieden wurde. Mit solchen Arabesken dreht man sich automatisch aus der Verantwortung. Die will man noch nicht mal bei einem Cold Case so wie in einer gleichsam postumen Darstellung.

Das Gehirn ist mit den Tätern.

*Die noch minderjährige A. zieht zunächst zu P., der im Haus eines Lehrers wohnt. Der Herr im Haus will bald nicht länger Zeuge der Gewalt gegen A. werden. Er fordert das Paar zum Auszug auf, anstatt P. unter Druck zu setzen.  

Stullen für den Schläger - Der Liverpooler P. kennt keine Selbstzweifel. In Deutschland führt er das Leben eines stürmischen Kleinstadtfußballstars. Antje Joel gelingt ein genaues Porträt. Sie zeigt einen limitierten, in seinem engen Rahmen hervorragenden Lifestyle-Emissär. P. lügt sich jünger. Das Konzept ist klar. Der „Beutegreifer“ entzieht dem Generationspool der Sechzehnjährigen eine Willfährige, die sich von ihm „grün und blau schlagen“ lässt. Die Erzählerin folgt ihrem Tyrannen in eine Hinterhofzumutung. „Die Wohnung haben P. und ich uns leider im Dunklen angeguckt. Da schien sie uns ganz okay.“ Bei Licht betrachtet handelt es sich um eine Bruchbude. Bei Licht betrachtet sieht sowieso alles anders aus. P. misshandelt seine zehn Jahre jüngere Freundin, die mit der, wenn nicht ausdrücklichen, so doch achselzuckenden Zustimmung aller Zuständigen dem Schläger regelrecht ausgeliefert wird. - Antje Joel, „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“, Rowohlt, 334 Seiten, 12,- - Antje Joel zeichnet Traditionslinien der Gewalt nach. Sie kartografiert ihre Zuläufe und Abflüsse. In Joels Kindheit war der Schläger als Gatte in der Nebenrolle des saufenden Nachbarn ständig präsent. Joels Eltern reagierten überhaupt nicht auf die Delinquenz der physischen und seelischen Angriffe. Sie ignorierten harte Tatbestände. Stattdessen echauffierten sie sich im Rahmen einer Ordnungswidrigkeit nach § 117. Stichwort „Unzulässiger Lärm“, landläufig Ruhestörung. Antje will in dem Chaos ihrer Gefühle und der Verhältnisse unbedingt „etwas Vernünftiges werden“. Mit sechzig Bewerbungen nähert sie sich ihrem „Traumberuf Krankenschwester“. Jemand, dem niemand hilft, kapriziert sich aufs Helfen. Antje geht weiter zur Schule, verfolgt von hämischen Herabsetzungen der Eltern. Die Lieblosigkeit grassiert. Wer nie erlebt hat, was Liebe ist, kann sich dazu alles Mögliche ausdenken. Der wird als Analphabet über die Liebe fabulieren und sich ein Leben lang fragen, was er falsch gemacht hat. - P. wie Picasso - Joel vergleicht ihren ersten Peiniger mit Picasso. Sie dekonstruiert die Idee „von der Frau als Katalysator des männlichen Genies“. Sie entlarvt den Musen & Märtyrerinnenmythos vom weiblichen Kunstopfer als kulturellem Hochgenuss. Sie charakterisiert Picasso als schlichten Hegemonialfürsten und ihren mit P. initialisierten ersten Ehemann als Kleinausgabe eines ebenso charismatisch wie rücksichtslos um sich greifenden Tyrannen. - Auf der vorgeschriebenen Route den eigenen Weg gehen - Joel kritisiert die Bedingungen der weiblichen Gesellschaftsteilhabe. Frau soll selbstbestimmt konventionell sein. Interessant ist hier, dass die kaum erwachsene Antje den Rahmen ihrer Abrichtung akzeptiert und sich mit vorauseilendem Gehorsam um Strafrabatt bemüht. Mit siebzehn geht sie bereits in der Rolle einer Unterworfenen auf. Sie begreift nicht, dass ihre umsichtige Demut den Dominanzfuror jener überhaupt erst entfacht, denen sie ausgeliefert ist. In den Rückspiegeln der Inferiorität sieht sie sich selbst immer kleiner werden. Sie „schmiert die Brote für P.“, bevor sie zur Schule geht. Kommt P. von der Arbeit, erwartet ihn eine warme Mahlzeit. Antje füllt die Beziehungskasse mit dem Kindergeld, das zu ihrer fürsorglichen Versorgung bestimmt ist. Allein in diesem Detail wirft sich die Verworfenheit auf. Es zeigt sich ein grotesker Abstand zu den Erwartungen einer Heranwachsenden. Antje folgte einem inneren Freiheitsruf in die neue Abhängigkeit. Nun schmiert sie Stullen für den Schläger. „Einmal platzt mir das Trommelfell.“ - Heroisches Framing - Da Antje P. deckt, fehlt den Lehrern die gesetzliche Handhabe. Heute würden sie sich wohl über das Schweigen einer Schülerin intervenierend hinwegsetzen, aber in den Siebzigerjahren findet häusliche Gewalt noch in allen möglichen Spielarten unterhalb des polizeilichen Radars statt. Es herrscht ein Klima der Apathie, sobald der Feststellung einer „Komplizenschaft“ zwischen Täter und Opfer etwas Massives entgegengesetzt werden müsste. Alle gehen den Weg des geringsten Widerstands. Niemand will sich in was reinziehen lassen. Nachher kommt man nicht mehr raus aus der Nummer, einmal abgesehen von der Schuldfrage. P. vergleicht die Blessuren, mit denen er Antje (als gesellschaftlich Versprengte, vom Regelkreislauf Abgekoppelte) markiert, mit seinen Fußballerverletzungen. „P.s Beine sehen aus wie ein Schlachtfeld.“ Joel verschweigt ihre Faszination nicht. Die adoleszente Liebes- und Bewunderungsbereitschaft kennt keine Grenzen. Zumal P. geschickt zwischen Angriff und Verteidigung changiert. Seinem Sadismus bastelt er einen heroischen Rahmen.

Lieber Jamal Tuschick,

so ist das: Wir platzieren die Verantwortung auf tausendundeine Art bei den Opfern. Und dann wundern und fragen wir uns (und die Frauen), was mit den Frauen „nicht stimmt“, dass sie die Schuld bei sich suchen. Na: Darum! Es war nicht nur P., der mir erklärt hat, wie und warum ich an seiner Misshandlung selbst schuld war. Er hatte (auch) darin zahllose Verbündete.

Seit Erscheinen des Buches habe ich reichlich Gelegenheit zu studieren, wie dieses Muster weiter funktioniert. Der Täter sagt: „Du bist so klein und schwach und scheiße, darum darf ich das mit dir machen!“ Zeitgleich und auch noch wenn die Frau längst gegangen ist, sagt die Gesellschaft: „Du bist/warst so klein und schwach und scheiße, darum hast du das mit dir machen lassen!“

 Noch heute, 30 Jahre später, lautet die erste Frage, bzw. der erste Vorwurf an mich: „Warum bist du nicht gegangen!“ Na: Ich bin doch gegangen. Ich bin hier. Nur: Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich mal eine Zeitlang NICHT gegangen bin. DAS ist es, was mich ausmachen soll.

Das Stigma haftet an den Opfern. Der Täter bleibt frei.