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04.03.2020, Jamal Tuschick

Zwölf Jahre nach dem Tod seiner Eltern kehrt Amin 1994 mit seiner Großmutter aus Deutschland in den Libanon zurück. Er gewinnt die Freundschaft von Jafar. Gemeinsam beweisen sie allein zu ihrem Vergnügen an kleinen Freuden Geschäftstüchtigkeit. Ergatterten Ramsch verhökern sie zu Phantasiepreisen.

Die Wüste in uns

Eingebetteter Medieninhalt

Zwei Stunden mit dem Auto von Beirut entfernt, erinnert sich Amin auf einem Villenhügel für Premiumpensionäre an seinen ersten bewusst erlebten Sommer im Libanon. Er näht sich ein Ruhekissen aus Gedanken an nächtliche Stunden, heimliche Orte und auffliegende Tauben. Der Bürgerkrieg kam ihm nah in den Erzählungen des Freundes, der selbstverständlich mit Sprengkörpern hantierte, die überall liegengeblieben waren, so wie Figuren auf Brettern nicht zu Ende gespielter Partien.

Pierre Jarawan, „Ein Lied für die Vermissten“, Roman, Berlin Verlag 2020, 462 Seiten, 22,-

Fünfzehn Jahre dauerte der Bürgerkrieg im Libanon. Er verschluckte siebzehntausend Menschen unter der Statusmeldung vermisst. Dieser ominösen Größe widmet sich Jarawan in seinem neuen Roman. Amin, der Delegierte des Poeten, kopiert inschriftlich Jafars Text. Während er auf dem honorigen Greisengipfel einen Zustand der freiwilligen Isolation kultiviert, geht der „Arabische Frühling“ in all seinen Erscheinungen über die historische Bühne.   

Pierre Jarawan wurde 985 im Libanon geboren. Mit dem Schreiben begann er früh. Öffentlich trat er zunächst als Slam-Poet auf. Seinen Debütroman, „Am Ende bleiben die Zedern“, schrieb er in acht Monaten. Er wurde zum Bestseller und mehrfach ausgezeichnet. 

Amin erinnert Ausflüge im aufgesprengten Beirut. Noch kommen sie ihm „mehr magisch als gefährlich“ vor. Er ist ein Tourist im Geschichtsraum seiner Eltern, die angeblich 1981 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen. Nie hätte der Erzähler es für möglich gehalten, dass das Gewicht der Granaten an den Armen zieht. Den Metallkörper vergleicht Jafar mit einer Brust.

„Sieht aus wie eine Brust, findest du nicht auch.“

Von Ruß geschwärzte Tapeten visualisieren einen Brandgeruch, der in gut gelüfteten Ruinen hängengeblieben ist. Der Erzähler findet ein Radio in Trümmern. Er merkt sich die Meldungen des Tages: Die PLO zieht von Tunesien nach Gaza. In Sarajevo richten serbische Sniper das Unheil der Angst an.

Amin dreht die Erzählspindel. Er berichtet von einer Kindheit unter Exilanten voller Heimweh. Mit offenen Augen träumten die Lichtbeschwörer von „unserem Meer“. Amin geht weiter zurück und memoriert eine Flucht „in nachtdunkler Stille“.

Bald mehr.

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