MenuMENU

zurück zu Main Labor

05.03.2020, Jamal Tuschick

Arithmetisches Sehen

Den besten Roman im Jahr von Corona hat Patrick Hofmann geschrieben. Er kombiniert die Schönheit der Mathematik mit der Schönheit einer großen Begabung. Hofmanns Held, Oliver Seuß, ist ein Monolith des eigenständigen Denkens. Oliver beweist Haltung, wo andere nur eine Meinung haben.

Oliver ist ein Kandidat für die Fields Medaille. Die Auszeichnung wird als Nobelpreis für Mathematik gehandelt.

Eingebetteter Medieninhalt

Bier und Bach

In der Oberstufe kommt Oliver auf den Trichter. Er begreift, dass sein Genie angesteuert werden muss. Es bewohnt ihn wie ein Mond, der sich nur mit einer Fähre erreichen lässt. Bier ist ein Transporter, der andere ist Bach. Im Verein mit Bach steigert sich Oliver, bis er „die Mathematik der Sphären und die Mechanik der Schönheit“ sieht.

Es geht um dieses besondere Sehen in Patrick Hofmanns großartigem Roman „Nagel im Himmel“. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll mit meinem Lob. Da wirkt eine Suggestion, so dass man der rauschhaften Täuschung erliegt, man selbst sei auch ein Sehender.

Patrick Hofmann, „Nagel im Himmel“, Roman, Penguin, 300 Seiten, 22,-

Noch ist Oliver gespalten. Die Dummheit der Pubertät hält ihn gefangen. „Mysteriös und unnütz wie alle schönen Dinge“ erscheint ihm die Musik so wie die Riemannsche Zeta-Funktion gleichermaßen. Einen magischen Klang hat der Name des Mathematikers Leonhard Euler, einer Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts, die ihre Zeit polyhistorisch vollständig auffassen konnte. Euler kam unverrufen von der Alchemie so wie Kepler auch Astrologe war. Zur Erbauung fürstlicher Mäzene hielt er eine Spektakelmathematik in der Hinterhand. Oliver folgt einer Spur bis in die magische Keimzeit der Aufklärung.   

Zahlen waren seine ersten Wörter.

Oliver kommt aus einem sächsischen Kaff. Keiner in seiner Verwandtschaft versteht den Zusammenhang zwischen sich, meinetwegen als Onkel, und Oliver, dessen Hochbegabung in seinem Ursprungsmilieu keinen Wert darstellt, bis er als mathematischer Olympionike im Fernsehen auftaucht und eine Verlobte als Unterpfand sexueller Normalität in den Glutkreis des Gartengrills zieht.

Der Grill dient den Seuls als Gral. Bei jeder Gelegenheit, und sei es nur, weil jemand ein neues Auto gekauft hat, klumpt die Familie feierlich in einem Garten, so als sei bei Seuls immer Sommer.

Mathematische Höhenräusche

Oliver wurde von seinem Vater aufgezogen. Achim verdient ein eigenes Buch. Hofmann beschreibt eine Vater-Sohn- Dystonie vom Feinsten.

Achim verkörpert den ländlich-homophob-rassistischen Grenzer. Überall ist Grenze in seinem Kopf. Achim war auch bei den NVA-Grenzern und hatte ein gutes Kumpelleben mit einer soliden Faust und einem Händchen für alles, was ein Motor antreibt. Außerdem war er Animateur einer Mucker-Truppe, die im sächsischen Hinterland als Stimmungskanoniere gebucht wurden. Wenn sich was ergab, wurde ein Band eingelegt. In der Regel ergab sich was, und so ergab sich eben auch eine ruppige Gelegenheit zu Olivers Zeugung. Die Mutter verzog sich nach der Geburt. Sie wollte in den Westen, gerade als der Westen rübermachte und die aufgelassene Republik in einen Gebrauchtwagenmarkt verwandelte.

Obwohl Achim ratlos vor dem Geschöpf steht, dass mit seinem Samen zum Zeitgenossen wurde, ahnt er doch, dass es keinen Zweck hat, den Knaben bei einem Kumpel in der Werkstatt unterbringen. Er bricht sich keinen ab, hintertreibt aber auch nichts. Oliver kriegt seine Spezialförderung, bis er im Mathematischem Forschungsinstitut Oberwolfach in einem olympischen Auswahlverfahren zum ersten Mal vor einem internationalen Auditorium seine Fields-Klasse beweist.

Oliver geht zum Bund, wo es ihm zu gut gefällt. Sein Talent braucht Reibung, einen Dauerwiderstand, der Oliver erschöpft am Laufen hält. Das ist sein Zustand. Er studiert in Dresden. Da befasst er sich mit Pathologischen Singularitäten. Eine, die ihm folgen kann, hat genug Ausdauer, um es bis in das Bett des sozial Abgesprengten zu schaffen. Sie tritt dann auch als Verlobte im Seulschen Familienkreis auf.