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06.03.2020, Jamal Tuschick

Lassen Sie mich Ihnen versichern: Es war seine Absicht. Angst zu säen. Sie wuchern zu sehen. Und mittels dieser Wucherungen sein Umfeld zu kontrollieren und Macht auszuüben. Das tat er noch in den Phasen dramatischer Verkehrung, in denen er sich dramatisch klein machte. Die zugewandten Phasen sind ein unverzichtbarer Teil des Systems. (Ich dachte, ich hätte das im Buch erschöpfend erklärt.)

Ein Gespräch über Gewalt

Ausgehend von

Antje Joels, „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“, Rowohlt, 334 Seiten, 12,- 

unterhalte ich mich seit Tagen mit der Autorin über häusliche Gewalt, die in erster Linie männliche Gewalt ist. Auch meine Mutter hatte einen gewalttätigen Ehemann. Ich schreibe: Die Angst war allumfassend. Im Grunde war sie das Leben. Und doch war es lediglich die Angst vor einem Menschen. Ich glaube heute nicht einmal mehr, dass der leibliche V. diese Angst absichtlich erzeugt hat. Er war verwirrt und verhielt sich nach seinen aufbrausenden und Herrschaft symbolisch erheischenden Heimatregeln in der Umgebung meiner gedimmten, als Kriegsverliererkind heruntergefahrenen Mutter geradezu dramatisch verkehrt. Ich kann nicht erkennen, dass von dieser Angst etwas übriggeblieben ist, weder bei meiner Mutter noch bei mir. Ich bin vielleicht auch deshalb schwer zu beeindrucken, weil ich gesehen habe, wie phantomhaft so eine Angst ist. Man muss ihr helfen. Tut man das nicht, wiegt der Gegner sofort nur noch die Hälfte. 

Meine Mutter hat schon lange nicht mehr das Bedürfnis, über ihren ersten Mann zu sprechen. Der/das (Kapitel) ist abgehakt. Da ist nichts mehr. Kein Schmerz. Keine Leerstelle. Der Mann hat nicht triumphiert, der hat nicht die Seele meiner Mutter zerstört.

Antje Joel entgegnet:

Lassen Sie mich Ihnen versichern: Es war seine Absicht. Angst zu säen. Sie wuchern zu sehen. Und mittels dieser Wucherungen sein Umfeld zu kontrollieren und Macht auszuüben. Das tat er noch in den Phasen dramatischer Verkehrung, in denen er sich dramatisch klein machte. Die zugewandten Phasen sind ein unverzichtbarer Teil des Systems. (Ich dachte, ich hätte das im Buch erschöpfend erklärt.)

Die Angst meiner Mutter allerdings ist nicht die Angst vor meinem leiblichen Vater. Es ist die Angst vor der Unkontrollierbarkeit des Lebens und seiner Bewohner an sich.  Mich, als ihr Kind, eingeschlossen.

*

Ich nehme mir das zu Herzen, lese gleich noch mal das Prügelbuch und liefere eine Zusammenfassung des Einschlägigen. Anbei ein Zusammenschnitt meiner Besprechungen des Titels, so dass Sie schnell auf den aktuellen Stand kommen. Mainlaborfans sind selbstverständlich eingeladen, sich schriftlich einzulassen. 

Offener Schlagabtausch - Antje Joel kommt hart zur Sache.

Entwertungsexzess

Sie lässt alles stehen und liegen, um dann auf ihrer Flucht durchs Treppenhaus den härtesten Angriff zu erleben. „Er schlägt und tritt mit solcher Macht zu … es soll wehtun. Es tut nicht weh … Schmerz zu empfinden, dafür habe ich keine Zeit.“

Antje Joel stürzt davon und lässt ihre Kinder zurück. Sie verliebt sich wieder, um dann auch in ihrer zweiten Ehe, nach einem Vorlauf von zwölf Jahren, in dem schwerer nachweisbare Degradierungsformen das Verhältnis bestimmen, körperliche Gewalt zu erleben. Die Autorin beschreibt ihre Fassungslosigkeit angesichts von Entwertungsexzessen, deren patriarchale Basis auf einem so soliden Sockel ankert, dass Weltstars wie Tina Turner das Gleiche passieren kann wie ihr.

Antje Joel, „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“, Rowohlt, 334 Seiten, 12,- 

„Dass diese Frau … klug, schön, ein Weltstar … die es doch nun bestimmt nicht nötig hatte, sich derart reduzieren ließ.“

Sozialer Genickbruch per Hashtag

Nächte verbringt Joel „damit zu, (sich) Ike-Turner-Interviews anzusehen“. Ihre Analyse zeigt die Willfährigkeit der Moderator*innen, ihr vorauseilendes Verständnis für die „Dominanz“ eines Mannes, der damit hausieren geht, eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens nach Belieben zu züchtigen.

Zweifellos würde Ike Turner mit seinen abstoßenden Selbstgewissheiten heute einen Empörungssturm entfachen, dem er nicht gewachsen wäre. Der soziale Genickbruch per Hashtag war noch eine Technik der Zukunft als Old Ike sich im Einklang mit den herrschenden Kräften wähnte. Das konnte Trump 2016 nicht mehr glauben. Trotzdem bekannte er sich im Wahlkampf zu seiner Frauenverachtung mit den bekannten Folgen.

P. wie Picasso

Joel vergleicht ihren ersten Peiniger mit Picasso. Sie dekonstruiert die Idee „von der Frau als Katalysator des männlichen Genies“. Sie entlarvt den Musen & Märtyrerinnenmythos vom weiblichen Kunstopfer als kulturellem Hochgenuss. Sie charakterisiert Picasso als schlichten Hegemonialfürsten und ihren mit P. initialisierten ersten Ehemann als Kleinausgabe eines ebenso charismatisch wie rücksichtslos um sich greifenden Tyrannen.  

Leichentuch der Indifferenz

Man sagt noch „Dritte Welt“ und erkennt sich an den Gesundheitsschuhen. Den alternativen Kosmos sichert der Bestand alter Obstbäume im Garten. Das ist die Umgebung, in der Antje Joel immer wieder von ihrem ersten Ehemann geschlagen wird – angeblich unter Vorzeichen der Liebe. Darauf besteht der Täter: In einer ganz besonderen Beziehung mit dem Opfer verbunden zu sein. „Ich schlage nur dich.“ Der Tortur zum Trotz hat Joel „kein Opferbuch“ geschrieben. Die Autorin spottet vielmehr über jene Minusmänner, die sich nach den Offenbarungen ihrer Brutalität von Schuld freisprechen und sich als Leidtragende darstellen.

Häusliche Gewalt ist an kein Milieu gebunden. Das weiß man. In Christoph Heins Novelle „Der fremde Freund“ erzählt die Ärztin Claudia von rituellen Vergewaltigungen im Kollegenkreis. Präzise schildert der Autor, wie das Leichentuch der Indifferenz sich auf vitalen Funktionen breitmacht. Kein Mensch findet richtig, was passiert, aber das ändert nichts an der von manchen absolutistisch definierten Privatsache Gewalt in der Ehe. Erst in diesem Klima eines verhohlenen Einvernehmens mit den Ergebnissen ehelicher Aushandlungen im Kontext der Ohnmacht kann die Etablierung konstitutioneller Erniedrigung gelingen.

Joel zeichnet Traditionslinien der Gewalt nach. Sie kartografiert ihre Zuläufe und Abflüsse. In Joels Kindheit war der Schläger als Gatte in der Nebenrolle des saufenden Nachbarn ständig präsent. Joels Eltern reagierten überhaupt nicht auf die Delinquenz der physischen und seelischen Angriffe. Sie ignorierten harte Tatbestände. Stattdessen echauffierten sie sich im Rahmen einer Ordnungswidrigkeit nach § 117. Stichwort „Unzulässiger Lärm“, landläufig Ruhestörung. 

Mitleid und Solidarität mit der Drangsalierten verbot sich. Als Vorsitzende des permanent tagenden Küchentischtribunal stellte Antjes Mutter die Dummheit der Geschlagenen fest.

„Dieses saublöde Weib bin jetzt ich.“

Joels Tyrann erscheint im Text als P. und wohnt „via Facebook … gleich um die Ecke“. Seine Repräsentanz in Joels Leben ergibt sich nicht zuletzt aus fulminanter Offenherzigkeit. P. hat nichts zu verbergen und sich nichts vorzuwerfen. Zumindest suggeriert das seine Performance in den Sozialen Medien.

Manchmal möchte Joel ihn auffliegen lassen. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass P. so offensiv als Aufgeflogener agiert. Dass den meisten klar ist, was er an Skrupellosigkeit und kalter Finesse hinter den Masken eines Leutseligen verbirgt. Dass aber keiner die Absicht hat, um ihn eine Mauer zu bauen oder ihn wenigstens von seinem Grandiositätsgipfel herunter zu zerren.

„Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (..) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“ (Victor Klemperer) 

Nichts zeigt deutlicher das durchgehaltene Machtgefälle zwischen Joel und P. an und so auch die Wahrheit der vorstehenden Klemperer-Einsicht als der Satz, mit dem ein finales Ereignis in die Familienchronik einging. Erinnert sich die Autorin an „jenen letzten Abend im Oktober 1987“, dann in der temporären Abwehr oder Annahme folgender Floskel:

„Der Abend, an dem ich weggelaufen bin.“

Kombiniert man den Satz mit einem mütterlichen Fazit im Ornat des Fatums, lautet das vollständige Eingeständnis:

Der Abend, an dem dieses saublöde Weib, das ich bin, weglief.

Im Off der niederschmetternden Perspektive formiert sich P.s Facebook-Publikum zu einem Garantieensemble. Es garantiert den Fortbestand der Gewissheiten, mit denen einst Joels Mutter die Plage einer wiederholten Ruhestörung quittierte.

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