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07.03.2020, Jamal Tuschick

Antje Joel vergleicht in der Abrechnung "Prügel" ihren ersten Peiniger mit Picasso. Sie dekonstruiert die Idee „von der Frau als Katalysator des männlichen Genies“.

Traummann

Eingebetteter Medieninhalt

Sie wischt ihm hinterher, schmiert ihm die Stullen und erwartet ihn erwartungsvoll vor dem gedeckten Tisch. Das Schnitzel glänzt in der Pfanne, wenn er von der Arbeit kommt und sich wieder den halben Tag herabgesetzt und unter Wert gehandelt fühlte. Sie gibt ihm Stärke, indem sie ihn sich stark fühlen lässt. Sobald er sich aufgeladen hat, zahlt er ihr die Liebe mit Demütigungen heim.

Das ist seine Domäne, die Herrschaft über ihre Schwäche, zu der sich nicht eine Variante aufzählen lässt.

Wir reden über A. und P. 

A. wie Antje

Antje ist minderjährig und geht noch zur Schule. Das Gefälle zwischen Mädchen und Mann fände ohne eine ins Allgemeine der Gesellschaft ausgreifende, besonders aber die Eltern und die Lehrer belastende Mischung aus Gleichgültigkeit und Komplizenschaft keinen Ankerplatz. Im Gespräch sagte die Autorin:

By blaming the victim society is driving the getaway car for the perpetrator.

Das ist ein Schlüsselsatz in der Debatte. Ohne den Milieurahmen, in dem P. so potent erscheint wie A. verworfen, käme der Täter nicht weit. Darauf weist Antje Joel wiederholt hin: dass viele am Missbrauch mitwirken. Sie lähmen das Opfer mit ihren Zuschreibungen. Sie bereiten es für die Schlachtbank vor. Sie weiden sich an einer Erniedrigung, auch da, wo sie sich empören. Die älteste Bigotterie, die wir kennen, ohne die es keine Kirche gäbe, feiert in diesem Kontext ihre Feste.

P. wie Picasso

Antje Joel vergleicht ihren ersten Peiniger mit Picasso. Sie dekonstruiert die Idee „von der Frau als Katalysator des männlichen Genies“. Sie entlarvt den Musen & Märtyrerinnenmythos vom weiblichen Kunstopfer als kulturellem Hochgenuss. Sie charakterisiert Picasso als schlichten Hegemonialfürsten und ihren mit P. initialisierten ersten Ehemann als Kleinausgabe eines ebenso charismatisch wie rücksichtslos um sich greifenden Tyrannen.

Antje Joel, „Prügel. Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“, Rowohlt, 334 Seiten, 12,-

Natürlich ist die erste Begegnung auf offener Kleinstadtstraße kein Zufall. Das Schicksal führt A. und P. zusammen. A. sieht einen hochgewachsen-leptosomen Delegierten der weiten Welt, ein Wolf aus Metropolis auf den ersten Blick.

Er sieht so anders aus als die reduzierten Halbdörfler ihrer Generation.

Der Fremde fährt in der Limousine seines Stils vor. Sein Prädatoren-Radar registriert A.s Interesse. A. ist zu jung, um sich in der Kontraintuition zu verbergen. Sie verrät sich auch dann, wenn sie sich für geschickt hält.

Allein dieses Missverhältnis begründet Missbrauch. Sämtliche Schutzbefohlenen-Regelungen basieren auf diesem Gefälle. Bis du auf der anderen Seite des Wissens über die menschliche Natur bist, genießt du gesetzlichen Welpenschutz, es sei denn, dir muss aus anderen Gründen geholfen werden.

So sieht es das Gesetz vor. Die Wirklichkeit sieht anders aus. P. wittert seine Chance. Er kennt keinen Einwand gegen den Zugriff.

Zu gut für die Bezirksliga

Und dann kommt er auch noch aus der „Beatlesstadt Liverpool“. Die Tatsache, dass P. bei A.s Mathelehrer wohnt, beleumundet ihn einwandfrei. Ein Lehrer, wie althippieesk auch immer, gehört zu den Stützen der Gesellschaft und wird in seinem Dunstkreis nichts Unbilliges dulden.

Nennen wir ihn M. M. trainiert den in der Bezirksliga dümpelnden Ortsverein. Er hat P. in sein Kaff gelockt, auch mit der Aussicht, Hecht im Karpfenteich zu sein. Zu gut für die Bezirksliga, aber nicht gut genug für den bezahlten Fußball. Dieses Aufrauschen in der Pissrinne des Vereinslokals. Die Halbzeit als Kippenpause. Der plötzliche Übergang von der Capri-Sonne zum Einbecker Pils.

Die Geschichte spielt beinah in Norddeutschland, in einem kaum je betrachteten Spektrum zwischen Sprach- und Wetterscheide. Dreht man sich nach Süden, liegen Hügel und Wälder vor einem, und hinter einem liegt die Tiefebene mit Heide & Leine.

„P. kann an jeder Hand zehn Weiber haben“, sagt M.

A. erlebt die Feststellung als Herausforderung.

Sie ist sechzehn und hat „sich jetzt etwas zu beweisen. Als Frau“.

Zum zweiten Mal begegnet sie P. in der vermutlich einzigen Disko vor Ort. Der „gestrandete Weltbürger“ echauffiert sich über Spießbürger und ihre „Möchtegern“-Attitüden.

A. fühlt mit dem Star in einer magischen Verbindung. P. füllt sie ab, sich als Gentleman gerierend. Er zieht seine Rummelplatznummer ab, die A. dazu veranlasst, alle ihre romantischen Register zu ziehen. Das Mädchen hat seinen Traummann gefunden. 

Entwertungsexzess

Sie lässt alles stehen und liegen, um dann auf ihrer Flucht durchs Treppenhaus den härtesten Angriff zu erleben. „Er schlägt und tritt mit solcher Macht zu … es soll wehtun. Es tut nicht weh … Schmerz zu empfinden, dafür habe ich keine Zeit.“

Antje Joel stürzt davon und lässt ihre Kinder zurück. Sie verliebt sich wieder, um dann auch in ihrer zweiten Ehe, nach einem Vorlauf von zwölf Jahren, in dem schwerer nachweisbare Degradierungsformen das Verhältnis bestimmen, körperliche Gewalt zu erleben. Die Autorin beschreibt ihre Fassungslosigkeit angesichts von Entwertungsexzessen, deren patriarchale Basis auf einem so soliden Sockel ankert, dass Weltstars wie Tina Turner das Gleiche passieren kann wie ihr.

„Dass diese Frau … klug, schön, ein Weltstar … die es doch nun bestimmt nicht nötig hatte, sich derart reduzieren ließ.“

Sozialer Genickbruch per Hashtag

Nächte verbringt Joel „damit zu, (sich) Ike-Turner-Interviews anzusehen“. Ihre Analyse zeigt die Willfährigkeit der Moderator*innen, ihr vorauseilendes Verständnis für die „Dominanz“ eines Mannes, der damit hausieren geht, eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens nach Belieben zu züchtigen.

Zweifellos würde Ike Turner mit seinen abstoßenden Selbstgewissheiten heute einen Empörungssturm entfachen, dem er nicht gewachsen wäre. Der soziale Genickbruch per Hashtag war noch eine Technik der Zukunft als Old Ike sich im Einklang mit den herrschenden Kräften wähnte. Das konnte Trump 2016 nicht mehr glauben. Trotzdem bekannte er sich im Wahlkampf zu seiner Frauenverachtung mit den bekannten Folgen.

Leichentuch der Indifferenz

Man sagt noch „Dritte Welt“ und erkennt sich an den Gesundheitsschuhen. Den alternativen Kosmos sichert der Bestand alter Obstbäume im Garten. Das ist die Umgebung, in der Antje Joel immer wieder von ihrem ersten Ehemann geschlagen wird – angeblich unter Vorzeichen der Liebe. Darauf besteht der Täter: In einer ganz besonderen Beziehung mit dem Opfer verbunden zu sein. „Ich schlage nur dich.“ Der Tortur zum Trotz hat Joel „kein Opferbuch“ geschrieben. Die Autorin spottet vielmehr über jene Minusmänner, die sich nach den Offenbarungen ihrer Brutalität von Schuld freisprechen und sich als Leidtragende darstellen.

Häusliche Gewalt ist an kein Milieu gebunden. Das weiß man. In Christoph Heins Novelle „Der fremde Freund“ erzählt die Ärztin Claudia von rituellen Vergewaltigungen im Kollegenkreis. Präzise schildert der Autor, wie das Leichentuch der Indifferenz sich auf vitalen Funktionen breitmacht. Kein Mensch findet richtig, was passiert, aber das ändert nichts an der von manchen absolutistisch definierten Privatsache Gewalt in der Ehe. Erst in diesem Klima eines verhohlenen Einvernehmens mit den Ergebnissen ehelicher Aushandlungen im Kontext der Ohnmacht kann die Etablierung konstitutioneller Erniedrigung gelingen.

Joel zeichnet Traditionslinien der Gewalt nach. Sie kartografiert ihre Zuläufe und Abflüsse. In Joels Kindheit war der Schläger als Gatte in der Nebenrolle des saufenden Nachbarn ständig präsent. Joels Eltern reagierten überhaupt nicht auf die Delinquenz der physischen und seelischen Angriffe. Sie ignorierten harte Tatbestände. Stattdessen echauffierten sie sich im Rahmen einer Ordnungswidrigkeit nach § 117. Stichwort „Unzulässiger Lärm“, landläufig Ruhestörung.

Mitleid und Solidarität mit der Drangsalierten verbot sich. Als Vorsitzende des permanent tagenden Küchentischtribunal stellte Antjes Mutter die Dummheit der Geschlagenen fest.

„Dieses saublöde Weib bin jetzt ich.“

Joels Tyrann erscheint im Text als P. und wohnt „via Facebook … gleich um die Ecke“. Seine Repräsentanz in Joels Leben ergibt sich nicht zuletzt aus fulminanter Offenherzigkeit. P. hat nichts zu verbergen und sich nichts vorzuwerfen. Zumindest suggeriert das seine Performance in den Sozialen Medien.

Manchmal möchte Joel ihn auffliegen lassen. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass P. so offensiv als Aufgeflogener agiert. Dass den meisten klar ist, was er an Skrupellosigkeit und kalter Finesse hinter den Masken eines Leutseligen verbirgt. Dass aber keiner die Absicht hat, um ihn eine Mauer zu bauen oder ihn wenigstens von seinem Grandiositätsgipfel herunter zu zerren.

„Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (..) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“ (Victor Klemperer) 

Nichts zeigt deutlicher das durchgehaltene Machtgefälle zwischen Joel und P. an und so auch die Wahrheit der vorstehenden Klemperer-Einsicht als der Satz, mit dem ein finales Ereignis in die Familienchronik einging. Erinnert sich die Autorin an „jenen letzten Abend im Oktober 1987“, dann in der temporären Abwehr oder Annahme folgender Floskel:

„Der Abend, an dem ich weggelaufen bin.“

Kombiniert man den Satz mit einem mütterlichen Fazit im Ornat des Fatums, lautet das vollständige Eingeständnis:

Der Abend, an dem dieses saublöde Weib, das ich bin, weglief.

Im Off der niederschmetternden Perspektive formiert sich P.s Facebook-Publikum zu einem Garantieensemble. Es garantiert den Fortbestand der Gewissheiten, mit denen einst Joels Mutter die Plage einer wiederholten Ruhestörung quittierte.

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