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07.03.2020, Jamal Tuschick

Schambad

Zu denken ist an den skrupellosesten aller hochbegabten Stapler: Patricia Highsmith‘ „Mr. Ripley“. Rolf durchschaut den „Freund“ in der Logik stigmatisierender Kategorisierungen. Wie hält der Kerl die Gabel? Etc. Jetzt müsste Johann eine Gegenkultur aufbieten und als Underdog den Kettentanz aufführen, das heißt, mit Lebensstil und Existenzweise auftrumpfen. Stattdessen lässt er sich durchschauen und nimmt erst einmal ein Schambad.

Eingebetteter Medieninhalt

Seine Geburt erlebt er als ungemütliche Angelegenheit. Zur Welt kommt Johann zwei Jahre nach seinen ihm feindlich gesonnenen Zwillingsschwestern Luise und Lotte als Sohn von Alfred, dem Liechtensteiner, der nach einem Erweckungserlebnis gleichzeitig seinen Traumberuf (Fotograf) und seine Traumfrau (Soledad) 1962 in Spanien fand.

Benjamin Quaderer, „Für immer die Alpen“, Roman, Luchterhand, 586 Seiten, 22,-

Jahrzehnte später sieht es noch ungemütlicher für Johann Kaiser alias Marius Fritz aus. Trister als die Aussicht, die ein Geburtskanal gewährt, ist ein Blick in die Mündung eines Gasdruckladers, durchgeladen von einem Hans-Adam-Schergen. Als Flüchtling reist Johann im Camper durch Europa und markiert für Wegrand- und Rastplatzgestalten den umgänglichen IT-Agenten.

Reden wir von den Jahren dazwischen:

Als Jugendlicher quert Johann auf einem angemaßten Moped die Alpen. Seine abgängige Mutter entdeckt er schwer verschnupft in einem spanischen Kloster. Johann jobbt sich einen Wolf u.a. in der Bar Cèndric, wo Schriftsteller über Infrarealismus sprechen.

Benjamin Quaderers altfränkischer Ton lässt mich an einen bedächtigen, schlammigem Rotwein den Vorzug gebenden Genießer denken; an einen verholzten Geschmacksapachen, der den Schlamm voller Hingabe im Glas schwenkt und keinen Hieb nehmen kann, ohne ein Wort von Bourdieu oder Bocuse zu bedenken.

Das Kraftpaket im Rücken

Johann beginnt die Negation seiner Herkunft in fatal-grandiosem Aktionismus. Er setzt einen Maßstab, dem er fortan genügen muss, obwohl ihn keiner drängt. Freunde bewirtet er im Ritz. Er setzt Komparsen ein. Regieanweisungen gehorchend, spielen sie die Leibwächter eines Überbehüteten.

Johann beleidigt die Rolle, die er spielen könnte, ohne sich zu verheben. Er will den Platz nicht einnehmen, den ihm die große Platzanweiserin (Stichwort: Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen) angewiesen hat.

Eine Verwandlung setzt ein. Jemand tritt vor die Tür seines Adoleszenzlabors als ein anderer. Johann ignoriert das Vorgesehene sowie die redlichen Möglichkeiten, sich zu verbessern, zugunsten einer flachen Lösung. Er kehrt den Krull hervor und verschweigt auch nicht den Monarchisten im Familienkreis des reichen Rolfs.

Zu denken ist ferner an den skrupellosesten aller hochbegabten Stapler: Patricia Highsmith‘ „Mr. Ripley“.

Rolf durchschaut den „Freund“ in der Logik stigmatisierender Kategorisierungen. Wie hält der Kerl die Gabel? Etc. Jetzt müsste Johann eine Gegenkultur aufbieten und als Underdog den Kettentanz aufführen, das heißt, mit Lebensstil und Existenzweise auftrumpfen. Stattdessen lässt er sich durchschauen und nimmt erst einmal ein Schambad.

Bald mehr.