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08.03.2020, Jamal Tuschick

Heterosexuelle Schaulust

Didier Eribon erwähnt in seinen „Betrachtungen zur Schwulenfrage“ „homosexuelle Kodes“ in einem Kreis um Oscar Wilde. Man will sich aussprechen. Die Repression diktiert den Text. Gleichzeitig entsteht ein „Gegendiskurs“ zu einer Pathologisierung der Sexualität, in der die Homosexualität als Anlass zur Verfolgung sichtbar wurde. Nach Eribon bemächtigte sich die Psychiatrie „der Homosexuellen ebenso wie der Irren“, um sie gemeinsam als ein Paar aus „Narren und Wüstlingen“ auf ein infernalisches Zuschreibungskarussell zu setzen. Die auf Wilde reagierenden Autoren so wie Wilde selbst erfinden „Widerstandsgesten“ und schreiben sie ihren, so formuliert Eribon, „Wortmeldungen“ ein. Sie sind weit davon entfernt, gegenhegemonial zu wirken. Es geht ihnen nicht darum, eine Kraft aufzubauen, auch nicht darum, Gegenkräfte einzuschränken. Vielmehr nutzen sie die Dynamik aus den herrschenden Verhältnissen. Wie Surfer und Skiläufer berühren sie gewisse Grenzen im Tanz mit den Elementen. Das sieht schön aus. Die Gesellschaft verdaut die Strömung als L‘art pour l’art und ästhetischen Rigorismus. Die Akteure vermeiden es bereits, mit ihrer Sexualität „eine essentialistische Konzeption von Identität“ zu restaurieren; ein Vorwurf, dem sich Eribon ausgesetzt sieht.

Die Stadt eröffnet einer Praxis der Freundschaft Raum. Didier Eribon rechnet die schwule und lesbische Geselligkeit zur Politik.

Eribon findet bei Jean Genet das Material für eine „Anamnese der verborgenen Konstanten“ (Pierre Bourdieu).

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Der Autor diskutiert subkulturelle Strategien des 20. Jahrhunderts. Er analysiert eine mal mehr, mal weniger sichtbare gay culture im Plural ihrer Erscheinungen als Metropolenphänomen.

Emanzipation braucht Urbanität und Permissivität. Eribon erinnert an „Transvestiten Bälle in New York“ als Magneten heterosexuellen Schaulust. Er beschreibt Subkulturen als Erben antiker Lebensweisen. So habe einen Abglanz der Belle Époque und années folles die Ikonografie und Barmetaphorik der Pariser Treffpunkte illuminiert, als James Baldwin in der Stadt war. Eribon verweist auf Baldwins „Giovannis Zimmer“. Das ist Anlass genug, hier noch einmal meine Besprechung des Titels im Abspann mitlaufen zu lassen.

Zur Signatur der Stadt gehört die Schwulenkultur, sagt Eribon. In seiner Diktion kommt es da zur „Interaktion mit anderen Populationen“. Die Konturen der „Enklaven“ verschwimmen. Alles ist so divers und fluid wie jedes Entrepreneur Aventure.

Eribon veröffentlicht eine Sammlung kritischer Einlassung für die offene Community, die im Widerspruch zu dem stehen, was tatsächlich passiert, wie etwa in dem Wort von der „sektiererischen Ghettoisierung“.

Die Öffnung als Schließung zu begreifen, deutet auf eine Angst vor Kontamination hin. Bemerkt wird der Schamverlust als Mangel an Anstand. Übrigens macht der Anstand in den medialen Empörungsmahlwerken eine erstaunliche Karriere. Jeder beansprucht ihn. Gern kombiniert man den behaupteten Anstand mit Beleidigungen.

Resignifizierende Praxis

Für Eribon bietet die Stadt Flächen, auf denen man sich „der Beleidigung weitestmöglich … entziehen“ und „das Verhältnis von Unterordnung und Auflehnung“ optimieren kann.

Die Stadt eröffnet einer Praxis der Freundschaft Raum. Eribon rechnet die schwule und lesbische Geselligkeit zur Politik.

Dazu bald mehr. 

Zwischen Sujet und Genre

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Ich werde gewesen sein.

Ich werde sein.

Ich werde sitzen in einem Abteil der Holzklasse und selbstverständlich wird im Zug geraucht werden. Denn die Geschichte spielt in den 1950er Jahren. Der Zug wird voller Rekruten sein, die man vor der Abteiltür zu halten sich befleißigt. Eine junge Frau wird nervös auf die bedrohliche Mischung aus jung & männlich reagieren. Gestreift von einem Testosterontsunami wird sie die Aufmerksamkeit des Erzählers suchen und sich darüber wundern, dass auf dem Feuer einer kleinen Offerte, in der sich der Atavismus eines Schutzgesuchs verbirgt, kein Interesse kocht.

James Baldwin, „Giovannis Zimmer“, Roman, ins Deutsche von Miriam Mandelkow, dtv, 208 Seiten, 20,-

David, ein Amerikaner in Paris wie er im Buch steht, wird den Flirt verweigern und am Gespinst einer abdeckenden, Exklusivität in der Menge erzeugenden Vertraulichkeit nicht mitwirken. Der Erzähler haftet an der Reisenden; baut sie aus; setzt dem Charaktergehäuse einen Turm auf und einen Erker vor. Sie könnte Brett heißen, wie die Heldin in Hemingways „Fiesta“. Die Ex-Krankenschwester lässt sich durch das Europa der Beaten Generation (Gertrude Stein) treiben. Sie nimmt die Grafen und die Boxer mit, aber ihre Liebe gehört dem impotenten Jake, der vor Sehnsucht männlich-melancholisch verglüht.

Jakes Tragik ist die Lächerlichkeit eines Unvermögens, dessen Gegenteil im Dutzend billiger zu haben ist. Davids Tragik ist die verborgene Homosexualität. Man kann Jake und David einfach theweleiten. David unterwirft sich den Konventionen zum Nachteil jener, die an ihn glauben. Er erkennt sich zutreffend verhaftet in „selbstgefälliger Masturbation“, egal mit wem. Seine Sicht auf die Verlobte, eine trinkfeste Hella, gleicht einem Akt der Selbstverteidigung und so auch des selbstsüchtigen Zynismus. Davids Urteile hängen von den Urteilen ab, mit denen er rechnet.

Der Kritik aus setzt David die Liebe zu Giovanni. Der Liebhaber stellt einen Limes vor das Märchenland, in dem David mit sich selbst Blindekuh spielt.

James Baldwin beschreibt ein Erwartungsdreieck mit emanzipatorischem Impetus. David nutzt die Gelegenheit eines vermiedenen Geständnisses, Marken seiner erotischen Keimzeit zu erinnern. Er spricht aus dem Fenster, während er sich Giovanni gegenüber ausschweigt.

Das wirkt enorm theatralisch. Coney Island liefert den Schauplatz erster sexueller Erfahrungen.

„Es war Sommer. Wir hatten keine Schule … Ich glaube, es fing beim Duschen an.“

Der verachtete Vater

Man kann sich denken, wie es weitergeht. Die Redundanz und das Leiernde der Evolution erzeugen ihre Kakofonie hinter einer Lärmschutzwand. David steht davor und fühlt sich auf poetische Weise einsam. Übrigens ist er weiß, so wie die Objekte seiner Begierde weiß sind. Ein Schwarzer Schriftsteller erzählt von der Liebe unter weißen Männern. Zum Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung ist das unerhört. Baldwin sieht sich Schwierigkeiten ausgesetzt, die wir uns, glaube ich, nicht mehr ernsthaft ausmalen können.

Davids Vater tritt als milder Trinker auf. Zwei Sätze und schon kennt man das Programm. Es nährt die Verachtung im Sohn. Die Verachtung, die den vermeidenden Vater trifft, verankert sich in David. Die Inkorporation lässt sich nicht lange ignorieren. David entzieht sich dem Verderben. Er strebt eine Hipster-Existenz in der alten Welt an. Boris Vian grüßt von einer Brücke über die Seine.

Paris ist für David eine Offenbarung der Freiheit in konkreter Armut. Er geht da in eine unbestimmte Lehre. Im zweiten Lehrjahr kommt Giovanni ins Spiel. Der Name sagt es an. Auch Giovanni verkehrt als Expatriierter im Milieu. Das Milieu bietet den Schutz verständnisvoller Patrone.

„Hin und wieder führte die Polizei (nach vorwarnender Absprache mit dem Wirt) eine Razzia durch.“

...

Junge Provinzfranzosen finden ein Auskommen als Köche bei Exilamerikanern, während ihre Landsleute in Indochina fallen. Baldwin schildert abweichende Lebensversuche als Pittoresken im Räuber- & Gendarmspielstil. 

P.S.

Bessie Smith - The genius sings the Blues - I Ain't Got Nobody