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08.03.2020, Jamal Tuschick

Morgen erscheint der neue Roman der Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher: „Ich an meiner Seite“. Das Mainlabor präsentiert vor der Besprechung fünf Fragen an die Autorin.

Unbedingte Angelegenheit

Sie haben 2019 den Bachmannpreis gewonnen. Die Jury hob die politische Relevanz der Erzählung, die Sie dort präsentiert haben, besonders hervor. Auch Ihr neuer Roman Ich an meiner Seite ist ein vielschichtig politischer Text. Bedingen sich Literatur und Gesellschaftskritik für Sie?
Heute, hier, als Frau, als Schriftstellerin, als Österreicherin: Ja.

Die Hauptfigur in Ich an meiner Seite ist Arthur. Er ist 22 Jahre jung, hat gerade 26 Monate Gefängnis hinter sich und muss jetzt einen Weg ins Leben finden. Stimmt es, dass es für Arthur ein reales Vorbild gibt?
Ja. Rückblickend eigentlich überraschend, dass ich wirklich genau diesem Menschen begegnet bin, der beides vereint: die Erfahrung, eine Haftstrafe erlebt zu haben, und die Bereitschaft und Fähigkeit, diese mit mir – und schließlich auch mit anderen – zu teilen.

Mit Hilfe einer gewagten Therapie soll es Arthur gelingen, ein zweites Ich zu erfinden, das sich in möglichst vielen Situationen als vorzeigbar und tauglich erweisen soll. Klingt ein bisschen so wie das, was wir auf Facebook und Instagram machen, oder?
Das ist der Weg, den diese Therapie vorzeigen möchte. Schöner, besser, strahlender zu sein, als man ist, und durch diese Vorspiegelung falscher Tatsachen auch tatsächlich so zu werden. Das Ganze geht natürlich vollkommen schief!

Der eben aus der Haft entlassene Arthur wächst einem ganz schnell ans Herz. Insgesamt spürt man beim Lesen Ihres Romans eine starke Empathie, die Sie den Figuren entgegenbringen. Können Sie ein bisschen beschreiben, wie Sie vorgehen?
Puh, das ist schwierig. Das können andere besser, die wirklich etwas vom Reden übers Schreiben verstehen. Ich persönlich glaube, dass der Entwurf einer Figur weniger konzeptuell funktioniert, sondern vielmehr und vielleicht sogar grundsätzlich dadurch, dass die Autor*in der Figur absolut zugewandt ist. Dazu gehört auch, anständig mit ihr umzugehen, sie nicht auflaufen zu lassen für billige Pointen. Ich spüre gegenüber meinen Figuren eine erzählerische Verpflichtung ihnen würdig zu sein. Das funktioniert nur, wenn ich alles über sie weiß.

Der Bachmannpreis hat Sie und Ihre literarische Arbeit, nach den zahlreichen Preisen, die Sie schon für Ihren Debütroman erhalten haben, noch einmal stärker ins Rampenlicht gerückt. Hat diese Aufmerksamkeit Einfluss auf Ihr Schreiben?
Das hoffe ich doch. Das Schreiben ist so eine unbedingte Angelegenheit. Vage Freundschaften, lauwarme Interessen, alles sowas bleibt zwangsläufig neben dem Schreiben auf der Strecke. Wenn dabei dann nicht einmal Literatur herausschaut, wird es bitter. Kann das vermieden werden, ist es schon viel.