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09.03.2020, Jamal Tuschick

Allgemeinplätze privater Natur

„Ein historischer Roman unter Vermeidung des Genres wie auch jeder Ideologie“ wünscht sich die Erzählerin geschrieben zu haben. Sie verkündet das an einem Anfang, in dem der Himmel über Zagreb nicht zufällig Erwähnung findet. Es geht um Kroatien, die Großeltern und das Mehr, nach der jede strebt, die eine Genrebezeichnung wählt, deren Bedingungen aber extravagant nicht erfüllen werden.

Ivana Sajko (c) Hassan Abdelghani

Radikalisierte Denkfigur – Auch Zagreb lag mal auf einem Meeresboden

In einer Epoche der Politik lassen sich Fortschritte nur mit politischen Mittel erreichen. Mit dieser Einschätzung meldet sich ein Akteur zu Wort, der das Politische bald zuspitzt bis zum militärischen und dieser radikalisierten Denkfigur das Kleid der Revolution überstreift.

Ivana Sajko, „Familienroman“, Roman, aus dem Kroatischen von Alida Bremer, Voland & Quist, 173 Seiten, 20,-

So burlesk und agitprop-folkloristisch geht es los und weiter. Die Erzählfäden wehen im Wind eines eskapistischen Zugriffs vom bewaffneten Widerstand zur Mutter, wie sie Schnecken ausgräbt und versteinerte Fischgräten aus Schlammklumpen schält. Auch der Raum, den Zagreb topografisch einnimmt, erstreckte sich einmal über einen Meeresboden. Daran erinnern „zerbrochene Gehäuse“.  

Erst wird ein Hügel besiedelt, dann der nächste. Maulwürfe müssen weichen. Die ersten Kirchen werden geweiht. Alles dreht sich um das Christentum als dem stärksten Zivilisationsmotor in Europa. Wo Leute sich vermehren, da lässt sich jede Pest gern zum Grassieren nieder.

Ivana Sajko beschreibt den Weg von der Kathedrale zum Theater. Das entspricht der Verwandlung von Verheißungen in heiße Luft.

Erst Regen, dann Bomben. Hat man keine Epidemie, dann bebt eben die Erde.

Die Erzählerin bilanziert: „Viel Mühe, und am Ende (hat) es sich nicht gelohnt.“

Im Roman spricht sich ein fundierter Pessimismus aus, der allerdings nicht allein gelassen wird.

Ivana Sajko (geboren 1975 in Zagreb, Kroatien) ist Autorin, Regisseurin, Performerin, Mitgründerin der Theatergruppe »BAD co.« und Redaktionsmitglied des Kunstmagazins »Frakcija«. Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen gehört die Chevalier de l‘ordre des Arts et Lettres. Auf Deutsch erschienen bisher »Rio Bar«, »Archetyp: Medea. Bombenfrau. Europa«, »Trilogie des Ungehorsams« und »Auf dem Weg zum Wahnsinn (und zur Revolution)«. 2018 wurde sie für »Liebesroman« mit dem Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt ausgezeichnet.

Endlich Hoffnung – Im Wald wächst eine neue Welt heran

Mit Siebenmeilenstiefeln eilt die Erzählerin von der Vor- und Frühgeschichte mit ihren stummen Zeugen zu „den deutschen Panzern“ im Weichbild der Romanhauptstadt.

Zug/Gegenzug – Den Panzern folgen Partisanen.  

Ivan Goran Kovačić interessieren die Details der Grausamkeit: „Durchschnittene Kehlen. Zerquetschte Brustkörbe. Durchlöcherte Schädel.“

Kovačić versucht unter Vermeidung des Symbolismus und der „surrealistischen Imagination“ dem Thema Tod unter verschärften Bedingungen gerecht zu werden. 1940 erscheint ein Text und dem Titel Die Angst in der Kunst.

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Vier Generationen und eine Erzählerin, die sich den Tücken der Erinnerung stellt.
Ivana Sajko erzählt vom Partisanenkampf im Zweiten Weltkrieg, von der Titozeit und vom Himmel über Zagreb, vom letzten Krieg in Europa und von Liebe und Tod.
Ratlosigkeit und Hoffnung wechseln sich ab mit Idealismus und Enttäuschung, das Private kreuzt das Öffentliche, die Geschichte einer kleinen Familie die große Geschichte unseres Kontinents.
 
Zu den Jahrestagen der Revolution marschiert die Freiheit barfuß durch die Stadt und winkt mit roten Nelken. Dann ersetzt sie die Nelken durch Bücher. Später die Bücher durch Werkzeuge. Und dann die Werkzeuge durch Waffen. Und jetzt winkt sie nicht mehr, sondern sie schießt. So hat sie es versprochen. Die Freiheit stirbt jung, deshalb blutet sie ununterbrochen. Jemand muss die Spuren wegwischen, die auf die vollgeschriebenen Seiten tropfen und zu den Seitenrändern fließen. Vielmehr muss ununterbrochen jemand kontrollieren, ob vielleicht etwas zwischen die Zeilen geraten ist. Kurzum, jemand muss ausgesprochen aufmerksam lesen.