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11.03.2020, Jamal Tuschick

Natürlich ist Monique ein Produkt der Bourgeoisie und ihre Emanzipation eine bürgerliche Spielart. Auch der Bruch mit der Familie und die Hinwendung an das lockere Leben bleiben bis in die Feinzeichnungen genretypisch. Die neue Frau existiert wie alle ihre Vorgängerinnen und zeitgenössischen Rollenmodellrivalinnen in den Spiegeln der Attraktivität. Das Besondere ist die politische Dimension. Margueritte rahmt das weibliche Selbstbewusstsein sexy ein; dies in Opposition zu degradierenden Vorlagen. Er kontert verätzende Darstellungen selbstbewusster Frauen und prägt so ein Epochenbild.

Pariser Paare

Monique Lerbier gibt die bezaubernde Elevin. Als Verlobte schwärmt sie für ihren Bräutigam.

„Sie (kleidet Lucien) in die Regenbogenfarben ihrer Träume. Ihre vertrauensselige, impulsive Natur (geht) gern über das alltägliche Maß hinaus.“

Selbstverständlich siezt man sich als Pariser Paar der vornehmsten Klasse. Doch täuscht sich Lucien, wenn er glaubt, die ersten Vorhaltungen seiner Frau seien Sperenzchen der Demut.

„Unter den scherzenden Vorwürfen (fühlt) er das Glück der Unterwerfung.“

Lucien fühlt das Falsche.

Victor Margueritte, „La Garçonne“, Roman, aus dem Französischen von Jsoeph Chapiro, neu bearbeitet von Sophia Sonntag, ebersbach & simon, 282 Seiten, 22,-

Die Fabrikantentochter Monique kennt die Not der Nachrangigkeit nicht. Nebenbei diskutiert sie die Fragen der Zeit. Als Salontigerin streift sie durch ihr Revier der Genres. Sie beachtet die Gepflogenheiten in den Tempeln der Homosexualität und der Polygamie. Sie informiert sich bei einem Professor mit „sokratischem Schädel“ über „die sexuelle Frage“ und klärt ihren Standpunkt zur Abtreibung, damals noch in Anführungszeichen.

Monique „hat keine Angst vor deutlichen Worten“. Es geht ihr so auf der geistigen Ebene wie einer Helena-Darstellerin, die (auf der körperlichen Ebene) „mit unerschütterlicher und immer wieder enttäuschter Hoffnung eine Umarmung (sucht), die ihre blasierten Sinne tatsächlich zu erschüttern“ vermag.

Invertiert inkliniert

Der Roman ist ein Themenpark. Victor Margueritte literarisiert Thesen nicht anders als Marcel Proust vor ihm. Ich nenne Proust, weil er mir gerade von Didier Eribon in dessen „Betrachtungen zur Schwulenfrage“ vergegenwärtigt wird. Auch Proust war nicht so frei, wie ich lange dachte. Er achtete die Pathologie in den akademischen Verdikten zum „Uranismus“ viel zu sehr. Für ihn war der homosexuelle Mann eine Frau in gewisser Weise. Das stellte die Homosexualität der Aktiven in Abrede. Der Wille zur Penetration bewahrte in Prousts Augen den Stecher vor dem Unwerturteil der Perversion. Gide warf Proust vor, er habe die Homosexualität „abgestempelt“.

Monique bewegt sich auf der von Gide, Wilde und Proust diktierten Diskurshöhe. Eher herablassend nimmt sie eine „Geschichte der Sitten“ zur Kenntnis, so wie sie ein Professor Unrat französischer Provenienz verbreitet. Sie gestattet sich ihre invertierte Inklination, um es so wie Proust zu sagen, zunächst als Caprice im Einklang mit dem Zeitgeist. Monique tanzt auf der Spitze eines historischen Augenblicks, der maskuline Frauen und feminine Männer auf dem Gesellschaftsball zulässt. Der Fotograf der Stunde heißt Brassaï.

Das XX. Jahrhundert gestattet der Frau die Entdeckung ihrer Sinnlichkeit

Die Verlobung platzt wie ein fauler Scheck. Monique entschlüpft dem bürgerlichen Kokon in die Jazzwelt. Der Autor fegt zusammen, was dazu gehört, so wie der Bubikopf und die „wilden Rhythmen“. Die Heldin nimmt Kontakt mit der Arbeitswelt auf. Sie entdeckt die vulkanische Seite ihrer Existenz. In den Entgrenzungserfahrungen liegt die Quintessenz. Ein beinah versöhnliches Fazit endet mit dem Schluss, dass Frauen und Männer gleichermaßen „Spielbälle der Triebe“ seien. Dem Feministen Margueritte kam es darauf an, der weiblichen Sexualität den Charakter einer Komplementärfunktion zu nehmen und deren Eigenständigkeit abzusichern. Zwar setzt sich der paternalistische Herrschaftstext auch in seinen Formulierungen durch, aber man erkennt doch, dass Margueritte etwas Emanzipiertes oder zumindest Emanzipierendes erzählen wollte. Sein Credo lautete: Die weibliche Sexualität wurde Jahrhunderte unterdrückt. Von daher kommt eine gewaltige Energie auf uns zu. Wir wissen noch nicht, wie das Vollbild aussieht und lassen uns jetzt erst mal überraschen.   

„Ein junges Mädchen, wie es sich gehört“

Paris in den rauchenden Zwanzigerjahren des XX. Jahrhunderts - Für Lucien ist Monique nur der Beifang. Ihn reizt an seiner Braut vor allem das Vermögen ihres Vaters. Zunächst schlägt Mademoiselle Monique alle Warnungen in den Wind. Blauäugig verehrt die höhere Tochter ihren Verführer, der in dieser Rolle mit den auf Rennfahrer umgeschulten Kriegsassen konkurriert. Lucien ist einer der großen unter den Herzensbrechern in den Arenen der oberen Zehntausend.

*

„Ein junges Mädchen, wie es sich gehört“, ist Monique Lerbier von jeher nicht. Schon als Kind unterscheidet sie so zwischen Mädchen und Frauen, das sie eine Tante zu den Mädchen in einer altersunabhängigen Zählweise rechnet. Dem „alten Mädchen“ fühlt sich Monique in besonderer Weise verwandt. Sie erkennt in der anderen sich selbst, auch wenn sie von den Einzelheiten noch keine Ahnung hat.

Das konventionelle Milieu seufzt: Ach, wäre Monique nur ein Junge geworden. Dabei ist sie so ausgesprochen gern ein Mädchen. Sie spürt den Zauber ihres Geschlechts in einem autoerotischen Super Flow. Alle Erdungsversuche gleichen Fesselungen. 

Eine Welt stürzt ein, als sich Monique vom Vater sagen lassen muss:

„Du weißt, dass Lucien zuerst mein Teilhaber und dann erst mein Ehemann wird.“

Nun begreift die Gefoppte den Schwindel. Sie ist dem Alarmcharme eines Mitgiftjägers erlegen.

„Aber Vater! Warum hast du mir das nicht gesagt?“

Victor Margueritte (1866 bis 1942) schrieb den Roman wie ein Theaterstück. Sein 1922 erstmals erschienener Best- & Longseller wurde auch mehrmals theatralisch aufbereitet. Eine pompös-pointierte Psychologie sowie rauschende Auftritte und hölzerne Aufbauten legten das im Kontext eingeholter Theaterbegriffe nah. Eine Bühnenohnmacht ist immer das nächste. Und dann auch wieder nicht. Die radikale Moderne spitzt durch Volants. Margueritte war ein feministischer und pazifistischer Autor. Seine Ansichten setzten ihn heftigsten Anfeindungen aus. Man schnitt ihm die Ehre ab.

Natürlich ist Monique ein Produkt der Bourgeoisie und ihre Emanzipation eine bürgerliche Spielart. Auch der Bruch mit der Familie und die Hinwendung an das lockere Leben bleiben bis in die Feinzeichnungen genretypisch.

Die neue Frau existiert wie alle ihre Vorgängerinnen und zeitgenössischen Rollenmodellrivalinnen in den Spiegeln der Attraktivität.

Das Besondere ist die politische Dimension. 

Margueritte rahmt das weibliche Selbstbewusstsein sexy ein; dies in Opposition zu degradierenden Vorlagen. Er kontert verätzende Darstellungen selbstbewusster Frauen und prägt so ein Epochenbild.

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