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12.03.2020, Jamal Tuschick

Ambitionierte Zweitklassigkeit

Brighton 1959. Das Varieté am Ende des Piers wirkt magnetisch auf das Publikum der Sommersaison. Für viele Seebadbesucher ist der Theaterbesuch ein Urlaubshöhepunkt. Sie übersehen die triste Mechanik der Entertainmentmaschine zugunsten einer geborgten Freude an der Travestie.

Graham Swift beschreibt eine traumatisierte Gesellschaft mit poröser Basis. Das Empire ist im Eimer.

Brighton, bevor die Mods kamen

Magisches Luftgeschäft

Eingebetteter Medieninhalt

Brighton 1959. Das Varieté am Ende des Piers wirkt magnetisch auf das Publikum der Sommersaison. Für viele Seebadbesucher ist der Theaterbesuch ein Urlaubshöhepunkt. Sie übersehen die triste Mechanik der Entertainmentmaschine zugunsten einer geborgten Freude an der Travestie.

Großbritannien steckt in einer Depression. Die Weltkriegssieger sehen aus wie Verlierer. Abgewetzt und in gewendeten Kleidern gestatten sie ihren Reserven vor dem Hausiererhumor zu kapitulieren.

Auf der anderen Seite des Geschehens agieren beste Freunde. Sie ergeben ein Paar zu dritt in zwei Ausführungen. Im ersten Durchgang spielt der „flinke Jack“ die zweite Geige als unerhörter Verehrer mit wechselnden Bekanntschaften. Die Namen seiner „Gespielinnen“ sind „rasch vergessen“. Sie kommen aus demselben Niemandsland, in dem Jacks Vater als untergetauchter Niemand noch lebt.

Jack Robbins‘ Bühnendebüt datiert auf das Jahr 1945. Als Vierzehnjähriger trat er zum ersten Mal auf: in Cliftonville, Kent. Jack hat eine Karriere vor sich. Als das Romanportal aufschwingt, ist der Unterhaltungskünstler achtundzwanzig und sich seines Metiers gewiss.

Graham Swift, „Da sind wir“, Roman, aus dem Englischen von Susanne Höbel, dtv, 159 Seiten, 20,-

Der Seemannssohn Ronnie „Pablo“ Deane verkörpert ein Gegenmodell zu dem eleganten Durchstecher Jack. Zunächst harmoniert er privat und beruflich im magischen Luftgeschäft mit Evie White, die zum Showgirl „abgerichtet“ wurde.  

Graham Swift erzählt von alleinstehenden Müttern, die ihre Töchter wie Haustiere dressieren und sie für Pfennige in Revuen auftreten lassen. Sie unterschreiten die Margen der Arbeiterklasse im Londoner East End auch in ihren Perspektiven. Diese Aussichtslosigkeit wird tradiert. Ihr entgeht Evie in eine ambitionierte Zweitklassigkeit. Sie verbessert sich nach Kräften und in diesem Rahmen wechselt sie von Ronnie zu Jack.

Swift beschreibt eine traumatisierte Gesellschaft mit poröser Basis. Das Empire ist im Eimer.

Die erste Generation von Nachkriegsvolljährigen teilt die Erfahrung der Evakuierung und einer übergangenen Entwurzelung. Ihre Kohorte stellt nicht mehr die eingeborene Unteroberschicht eines Weltreichs. Vielmehr stehlen die Akteure sich als seelisch expatriierte Habenichts gegenseitig die Schau.

Jahrzehnte später zieht Evie ein paar Erinnerungsladen auf. Kaum, dass es in all dem Krimskrams um die Romanhauptfigur Ronnie geht. Fast alles dreht sich um Jack, der es als Schauspieler und Produzent weit gebracht hat und mit viel Geld seine und Evies Angelegenheiten auf ein akzeptables Niveau hieven konnte. Sie blieb an seiner Seite, was sie gestrieztermaßen von Kindesbeinen an war: eine Person aus eigener Kraft mit einem eigenen Namen und einem eigenen Lächeln. Ohne Scheu gesteht sie sich ihren eigenen Egoismus ein.

Evie hat sich nach der Decke gestreckt und ist auf der Speckseite gelandet. Doch nagt an ihr ein Milchzahn der Armut. Der Gestank der Not, die Zinkwanne lehnte am Abort, konserviert sich in ihrer Nase.

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