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13.03.2020, Jamal Tuschick

Gesichtsteig

Plötzlich verliert der Roman sein Furnier, die fränkische Täfelung, und man begreift, was Paulini jetzt noch antreibt. Das ist so einer, der sich zu DDR-Zeiten bereits daran gestört hat, wenn jemand Ticket statt Eintrittskarte sagte.

Am vorläufigen Ende vom Lied „synchronisiert“ Paulini „die Literaturen“ in einer Buchhandlung mit angeschlossenem Antiquariat. Nun erlebt ihn der Leser in seinem Zielhafen, sein Schöpfer malt Idyllen. So ein Leben braucht eine Sackgasse, in der es nisten kann. Paulini liefert der institutionalisierten Entschleunigung das passende Profil. Er existiert in einem Refugium, dessen Haftschale ein maroder Staat ist. Dann ist der Schleichtanz zu Ende ...

Eingebetteter Medieninhalt

Eine Begabung zur Eigenart zeigt sich früh. Norbert „Jesus“ Paulini, auch Prinz Vogelfrei*, Sohn eines alleinerziehenden, Straßenbahnen führenden Dresdner Drehers, gibt klangvollen Wörtern eigenmächtige Bedeutungen.

*Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben!
Stets Bein vor Bein macht müd und schwer!
Ich lass mich von den Winden heben,
Ich liebe es, mit Flügeln schweben
Und hinter jedem Vogel her.
(Friedrich Nietzsche)

Manche Kinder fegen jedem Ball entgegen. Norbert fühlt sich von Silbenflummis magisch angezogen. Er schläft auf einem Bücherturm: dem Erbe seiner früh verstorbenen Mutter. Ab und zu konsultiert Norbert die Erinnerungen seines Vaters an ein Familienleben, das nicht stattgefunden hat. Früh steht sein Berufswunsch fest. Norbert will Leser werden. Er wird Regel- und Messtechniker, bevor er ohne innere Vorbehalte seinen Wehrdienst absolviert – hauptsächlich als Regimentsbibliothekar.

Paulini steigert sich zum Buchhändler. Ich kürze die Laufbahnbeschreibung ab. Schließlich figuriert Paulini als elbflorentinische Instanz unter DDR-Antiquaren. Er gewinnt die Aura eines Logenschließers, in dem sich wiederum der Kirchendiener alter Schule konserviert.

Ingo Schulze, „Die rechtschaffenen Mörder“, S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 21,-

Der schnurrige Charakter schreit förmlich nach dem Glück im Winkel und variiert selbstverständlich den deutschen Michel hinter dem Ofen. Zwei, drei die Grenzen zum Fabelhaften überschreitende Spezialfertigkeiten kommen dazu und fertig ist die Laube.

Das ist unser Mann für die nächsten Stunden, während das Virus um die Ecken schleicht und Vögel tot vom Himmel fallen.

Was sofort auffällt: Paulini erlebt die DDR als kommode Gesellschaft. Ihn zieht es in Nischen und da lässt man ihn sein. Sogar bei der NVA entspricht man den Neigungen eines Verschrobenen. Obendrein gibt es eine erotische Grundversorgung für den Gehemmten.

So wie Paulini dient, machen Verdienstvollere Urlaub. Am vorläufigen Ende vom Lied „synchronisiert“ Paulini „die Literaturen“ in einer Buchhandlung mit angeschlossenem Antiquariat.

Nun erlebt ihn der Leser in seinem Zielhafen, sein Schöpfer malt Idyllen. So ein Leben braucht eine Sackgasse, in der es nisten kann.

Paulini liefert der institutionalisierten Entschleunigung das passende Profil. Er existiert in einem Refugium, dessen Haftschale ein maroder Staat ist.

Dann ist der Schleichtanz zu Ende, Paulini hat Familie und verliert sie weitgehend wieder. Er glaubt Ansprüche zu haben. Er irrt sich. Mit vierzig beweist Paulini seine Anpassungsfähigkeit an einer Netto-Kasse. Er verbiegt sich so gut er kann. Als seine Verhältnisse schon desolat bis zu Zwielichtigkeit sind, gibt er sich zwei Kriminalbeamten gegenüber als Gegner der gesamtdeutschen Verhältnisse zu erkennen. Er schmettert die Pegida-Arie.

Schulze ist dem bis zur Wut verstimmten Bürger auf der Spur. Plötzlich verliert der Roman sein Furnier, die fränkische Täfelung, und man begreift, was Paulini jetzt noch antreibt. Das ist so einer, der sich zu DDR-Zeiten bereits daran gestört hat, wenn jemand Ticket statt Eintrittskarte sagte.

Gesichtsteig

Im zweiten Teil erfährt Paulini die Aufwertung einer gründlichen Betrachtung von außen. Ein Oberschüler mausert sich zum Fachmann für bibliophile Sachen. Er entpuppt sich als Liebhaber in einem Konkurrenzverhältnis mit Paulini und als Autor des ersten Teils. Der so spät und wie durch eine Hintertür eintretende Erzähler heißt Schultze. Er gibt seinem Helden noch ein paar Ecken und Kanten, so dass man Paulini deutlicher sieht und am deutlichsten, dass er so skurril, verschroben und versprengt nicht ist wie es zunächst und lange den Anschein hat. Vielmehr zeigt die Nachlese einen kompakten, mitunter überraschend beweglichen Zeitgenossen, kräftig da, wo Muskelarbeit die angeborene Erosion verschleiert; doch verraten vom Gesichtsteig.

Paulinis Entschlossenheit fehlt der Kern. Das ist gut beobachtet vom Kollegen Schultze, der selbst weiß, dass auch seine Struktur auf die falsche Weise nachgibt.

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