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13.03.2020, Jamal Tuschick

Das 20. Jahrhundert sei ohne Hannah Arendt gar nicht zu verstehen, schrieb der Schriftsteller Amos Elon. Arendt prägte maßgeblich zwei für die Beschreibung des 20. Jahrhunderts zentrale Begriffe: Totalitarismus und Banalität des Bösen. Dabei blieben Arendts Urteile selten unwidersprochen. Der Band folgt ihrem Blick auf das Zeitalter totaler Herrschaft, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, die Erblasten der Nachkriegszeit, den Eichmann-Prozess, das politische System und die Rassentrennung in den USA, Zionismus, Feminismus und Studentenbewegung.

Nachdenken über Hannah Arendt

Bei Piper erscheint am 16. März »Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert«. Der Band begleitet die gleichnamige Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin, die am 27. März beginnt.

Mit Beiträgen von Micha Brumlik, Ursula Ludz, Marie Luise Knott, Jerome Kohn, Wolfram Eilenberger, Norbert Frei, Barbara Hahn, Thomas Meyer, Ingeborg Nordmann und Liliane Weissberg. Dorlis Blume, Monika Boll, Raphael Gross (Hrsg.)

Eingebetteter Medieninhalt

Micha Brumlik widerspricht Arendt punktuell. Er referiert Arendts Feststellung einer „Anomalie: (diese) lag in der Tatsache, dass … ein Volk in eine politische Rolle gedrängt wurde, dass selbst keine politische Repräsentanz hatte“.

Denken ohne Geländer

Sie untersuchte die Bedingungen des politischen Handelns im säkularen Zeitalter. Ihre Urteile waren politisch furios und standen stets im Feuer der Kritik. Die wichtigste Denkerin des 20. Jahrhunderts plädierte für ein „Denken ohne Geländer“ in der Abwesenheit eines absoluten Wahrheitsbegriffs.

Auch Arendt entstand als freistehende Leitfigur unter dem Druck feindlicher Kräfte. Der Antisemitismus löste sie aus ihren akademischen Zusammenhängen und zwang sie zu politischen Auffassungen. Sie kritisierte den politischen Zionismus, während sie ihm die Argumente lieferte. Den Antisemitismus erklärte sie auch als Reaktion auf Intransparenz in den heruntergekommenen Nationalstaaten, die eine fatale Transzendenz in den Preisgaben ziviler Kontrollen da erzeugten, wo das Bürgerrecht nicht mutterländlich griff. Enthemmte Bürger, so Arendt, trieben in den Kolonien den Imperialismus auf totalitäre Spitzen. Überall profitierten sie von ihren eigenen Unterscheidungen. Sie waren die weißen Haie der Urteilsketten. Bei Susan Neiman, die in den US-Südstaaten aufwuchs, fand ich das Sprichwort:

„Als Katholik … wäre ich beunruhigt. Als Jude würde ich meine Koffer packen. Als Schwarzer hätte ich mich längst aus dem Staub gemacht.“

Der jüdische Patrizieradel hatte europäische Fürstentümer und koloniale Exploitationsexpeditionen finanziert. Bloßgestellt von der (Ressentiments erheischenden) Konstellation eines Reichtums ohne Macht, suchte er unter den entfesselten Imperialisten des 19. Jahrhunderts nach einer neuen Rolle zwischen Separation und Assimilation.

Micha Brumlik widerspricht Arendt punktuell. Er referiert Arendts Feststellung einer „Anomalie: (diese) lag in der Tatsache, dass … ein Volk in eine politische Rolle gedrängt wurde, dass selbst keine politische Repräsentanz hatte“.

Brumlik fasst nach: Arendts Analyse hatte zwei normative Voraussetzungen:

Juden sind im ethnischen Sinn ein Volk.     

Erst der Nationalstaat vermag den Bürger schützend in (seine) Rechte zu setzen.

Zieht man die Positionen auf Arendts Linie zusammen, hat man die Begründung für den Nationalzionismus. Arendt selbst wurde „als erklärte Nichtzionistin für die Zionistische Vereinigung tätig“.

„Politisch werde ich immer nur im Namen der Juden sprechen, sofern ich durch die Umstände gezwungen bin, meine Nationalität anzugeben.“    

Wird fortgesetzt.