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14.03.2020, Jamal Tuschick

Lässt sich – politisch gesehen – etwas von den Deutschen lernen? Als Susan Neiman, eine jüdische Amerikanerin, in den 1980er-Jahren nach Berlin zog, stieß das viele ihrer Freunde vor den Kopf. Doch Neiman blieb in Berlin und erlebte hier, wie die Deutschen sich ernsthaft mit den eigenen Verbrechen auseinandersetzten: im Westen wie im Osten, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Als dann mit Donald Trump ein Mann Präsident der USA wurde, der dem Rassismus neuen Aufschwung verschaffte, beschloss sie, dorthin zurückzukehren, wo sie aufgewachsen war: in die amerikanischen Südstaaten, wo das Erbe der Sklaverei noch immer die Gegenwart bestimmt. Susan Neiman verknüpft persönliche Porträts mit philosophischer Reflexion und fragt: Wie sollten Gesellschaften mit dem Bösen der eigenen Geschichte umgehen?

Antifaschisten von Anfang an

Erinnerungskultur ist ein deutsches Wort. Sein englischer Schatten umreißt allenfalls die Silhouette des Bedeutungstanks. Obwohl das Schuldbewusstsein im Land der Täter eine unübersehbare Größe darstellt, wird es von nicht wenigen Familiennarrativen förmlich aufgehoben. Täter sind immer die anderen, während der eigene Opa von der eigenen Geschichte nichts mitbekam. Die massenmörderische Komplizenschaft der Wehrmacht wurde bereits in den 1940er Jahren festgestellt. Trotzdem hielt sich die Legende von der „sauberen Wehrmacht“ noch lange.

Susan Neiman, „Von den Deutschen lernen“, übersetzt aus dem Englischen von Christiana Goldmann, Hanser Berlin, 569 Seiten, 28,-

Deutschland schwankt zwischen privater Verdrängung und persönlicher sowie offizieller Schuldeinsicht. Die in Berlin lebende amerikanische Philosophin Susan Neiman vergleicht die deutsche Gemengelage mit amerikanischen Einordnungen der Sklaverei und genozidalen Politiken, ohne dem Revisionismus eine Fahrrinne zu graben.  

Neiman kommt zu dem verblüffenden Schluss, dass in der DDR eine bessere Aufarbeitung des Faschismus stattgefunden habe als in der Bundesrepublik. Die Botschaft des Antifaschismus sei schließlich bei jenen als vernichtende Absage angekommen, die ihre Ideale im Machtverlauf verloren hatten. Die Philosophin erklärt die friedliche Revolution von Neunundachtzig als Folge einer antifaschistischen Erziehung. An anderer Stelle schildert sie, wie die Konföderierten ihre Sezessionskriegsniederlage ideologisch in einen Sieg umdichteten. Lässt sich so nicht auch Neimans DDR-Analyse verstehen?

Dazu bald mehr.

Susan Neiman,1955 in Atlanta, Georgia, geboren, war Professorin für Philosophie an den Universitäten Yale und Tel Aviv, bevor sie im Jahr 2000 die Leitung des Einstein Forums in Potsdam übernahm. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt „Warum erwachsen werden“. Sie lebt in Berlin.

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