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16.03.2020, Jamal Tuschick

Courtroom Drama

Auf dem Tiefpunkt ihres Lebens in Amerika entdeckt Young eine Zufriedenheit, die sie nie zuvor erlebt hat. Sie erfreut sich „am Gefühl des Holzlöffels in ihrer Hand, an der schlichten Bewegung, mit der sie geschnittene Zwiebeln in die Flüssigkeit“ rührt.

Alles ist hin. Eine mühsam, um den Preis von Zugehörigkeit und anderen Annehmlichkeiten aufgebaute Migrationsexistenz wurde von einem harten Schicksal zerschlagen. Während sie Bohnenpaste in brodelndes Wasser rührt, bedenkt Young ihre Lage als Frau eines gelähmten Mannes und Mutter einer Tochter mit zerrütteter Psyche („eines katatonischen Wracks mit vernarbtem Gesicht“). Und doch …

Einwanderung auf der Überholspur

Eingebetteter Medieninhalt

Auf dem Tiefpunkt ihres Lebens in Amerika entdeckt Young eine Zufriedenheit, die sie nie zuvor erlebt hat. Sie erfreut sich „am Gefühl des Holzlöffels in ihrer Hand, an der schlichten Bewegung, mit der sie geschnittene Zwiebeln in die Flüssigkeit“ rührt.  

Angie Kim, „Miracle Creek“, übersetzt von Marieke Heimburger, hanserblau, 508 Seiten, 22,-

Angie Kims Debütroman „Miracle Creek“ erschien 2019 wie ein Komet am Himmel der amerikanischen Literatur. So präzise ist meines Wissens noch nie über die Einwanderung auf der Überholspur geschrieben worden. Koreanische Aufsteigerfamilien betreiben Migration auf der Grundlage von Strategiehandbüchern. Sie ziehen das Beste aus zwei Welten zusammen, ohne Rücksicht auf persönliche Belange: mit dem Ziel, ihre Kinder sofort da als soziale Raketen zu installieren, wo die Planlosen erst nach drei, vier Generationen hinkommen.

Kim beschreibt die mitunter zweifelhafte Kreativität von Leuten, die gelernt haben, alles für möglich zu halten und sich selbst in Kategorien von Versuchsreihen zu denken. In gleichermaßen solidarischen und selbstsüchtigen Systemen organisieren sie individuelles und kollektives Fortkommen. So bleiben die Männer in Korea, wo sie allein und verwahrlost sieben Tage pro Woche Doppelschichten durchhalten, während ihre Ehefrauen und Kinder bei koreanischen Vorreiterfamilien erste Anker in Amerika setzen. Das Ganze läuft wie auf Schienen unglaublich strukturiert und auf die entscheidenden Punkte konzentriert ab.  

Pak Yoo tritt als Guru der alternativen Medizin in einem High-End-Kasperkostüm auf. Er betreibt ein „Miracle Submarine“ in Miracle Creek, Virginia. Das notdürftig futuristisch designte Wunderunterseeboot ist eine Druckkammer, in der Yoos Patienten reinen Sauerstoff atmen: als Therapie für Autismus, Zerebralparese und Unfruchtbarkeit. Die Patienten absolvieren Tauchgänge. Eines Tages kreuzen Aktivistinnen vor dem U-Boot auf und fordern die Einstellung des ominösen Heilbetriebs. Sie sind nicht weniger durchgeknallt als Yoo und seine wundersüchtige Kundschaft. Ein Tumult nähert sich der Chaosstufe und ein Sauerstofftank fängt Feuer. Sechs Tauchgänger*innen bangen um ihr Leben, zwei sterben.

Das ist die Vorgeschichte. Das juristische Nachspiel beherrscht die Romanbühne. Der Prozess findet unweit von Miracle Creek in Pineburg statt. Kim schildert die kleinststädtischen Kulissen mit offensichtlichem Vergnügen an der post-konföderierten Ländlichkeit. Alle Akteure sind jedenfalls nicht Schwarz mit Ausnahme des Staatsanwalts, der als angenehm wenig hochtrabender Zeitgenosse eine gute Figur macht. Der Angeklagten stellt er in einem Staat, in dem an der Todesstrafe festgehalten wird, eine Verurteilung wegen Mordes in Aussicht.

Elizabeth Ward zeigt sich unbeeindruckt. Eben noch war sie die im Druckbetankungsmodus Wein trinkende Rabenmutter in der Jogginghose. Jetzt erscheint sie distinguiert, dem Staatsanwalt ebenbürtig. Man fragt sich, wo Elizabeth die Insignien des Bürgerlichen abgestaubt hat.  

Sie könnte ihren eigenen Sohn ermordet haben.

Miese Spermienqualität

Das Geschehen voran treiben nicht zuletzt die Wahrnehmung von Pak, Young und Mary Yoo. Mary (natürlich ist der Name eine Konzession an die neue Heimat) ist das „katatonische Wrack“. Die in sie gesetzten Erwartungen wurden nicht erfüllt. Ihre Mutter illuminiert die Einsicht, dass Enttäuschungen keine Rolle mehr spielen. Young wirft sich auf jeden Sonnenstrahl und reagiert bis zur Absurdität euphorisiert von „winzigen Freudenwitzelchen“. Gleichzeitig garantiert sie der Anpassung den absoluten Gehorsam ihrer Abteilung. Ein furchtbares Geheimnis verbindet sie mit dem invaliden Scharlatan Pak.

Kim beschreibt traumhaft souverän, wie Fehlanpassung zum Killer wird. Den koreanischen Adaptionsexpert*innen (Eroberern auf der Fleißschiene) fehlt das Freakvokabular. Sie bleiben auch dann noch in ihren Laufrädern, wenn sie nur noch heiße Luft generieren.

Einen Gegentext liefert der vor Gericht als Geschädigter und Zeuge gefragte, aus Maryland stammende Arzt Matt Thompson. Als Gatte einer Koreanerin kennt er die „typisch koreanische Voreingenommenheit“ im Plural ihrer Erscheinungen. Kein Durchschnittsamerikaner hält so viele Ressentiments für möglich, wie sie Matt im Haus seines Schwiegervaters begegnen. Bei den Chos hat die Einwanderung auf der Überholspur hingehauen. Für sie stellt der Amerikaner in ihrer Familie keine Verbesserung dar, zumal er schuld daran sein könnte, dass Janine noch nicht schwanger wurde. Die Schwiegereltern äußern sich unverhohlen zum Heikelsten in Matts Leben: seinem unzulänglichen Samen.

Für Matt ist „die östliche Medizin Quacksalberei.“ Von den Angehörigen seiner Frau unter Druck gesetzt, war er trotzdem in der Druckkammer, als der (in seinen Augen) phantastische Budenzauber in Brand geriet.  

Angie Kim wurde in Südkorea geboren und kam als Teenager nach Baltimore. Sie studierte Jura in Stanford und Harvard und arbeitete als Anwältin. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Virginia. Einer ihrer Söhne war jahrelang in Sauerstofftherapie.

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