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17.03.2020, Jamal Tuschick

Abglanz der Schäbigkeit

Jim verkörpert den zeitgenössischen Outlaw. Seelisch ankert er im Faustrecht. Er will Männer überwinden, um sich gesteigert zu erleben. In seinem Willen zur Dominanz erkennt Jim die einzige Gewissheit seiner Existenz.

"Schreiben ist eine zweite Chance", glaubt David Vann. Nach seiner Einschätzung lässt sich das, was man im Leben versiebt hat, in der Literatur ausgleichen. 

Eingebetteter Medieninhalt

Dämonenfieber

Jim „will ohne Verantwortung sein, ohne Bindungen, ohne Folgen, ohne Gefühle, nur mit dem primitiven Bewusstsein, an einem unberührten Ort etwas zu sehen, zu hören und zu riechen. Aber sie lassen nicht zu, dass er sich versteckt.“

David Vann, „Momentum, Roman, aus dem Englischen von Cornelius Reiber, Hanser Berlin, 300 Seiten, 24,-

Fraglich ist, wer sie sind? Sind es Furien im Kopf? Haben Dämonen Jim auf eine Todesliste gesetzt?

Was wir wissen/Aus dem Klappentext

Jim ist Ende dreißig und depressiv. Aus Alaska, wo er lebt, fliegt er nach Kalifornien, wo er aufgewachsen ist. Sein jüngerer Bruder Gary holt ihn vom Flughafen ab – er will auf Jim aufpassen und hofft, dass dieser im Kreis der Familie seine Lebensfreude zurückgewinnt. Doch während Jim wie ein Geist durch die Hinterlassenschaften seines alten Lebens wandelt, wird er von seinen Gedanken vorwärtsgetrieben, auf das Ende zu.  

Abglanz der Schäbigkeit

Jim sucht Erlösung. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Neben der Verzweiflung beherrschen ihn Dirty Harry-Phantasien.

Jims Idol ist Clint Eastwood in seiner Paraderolle als Dirty Harry, bürgerlich Harry Callahan. Jim verherrlicht einen fiktiven Inspektoren-Charakter. Das zeigt, was ihm fehlt. Der Mangel erschöpft sich im Recht – in dem Recht, (als Delegierter eines staatlichen Monopols) Gewalt auszuüben.

Jim schleppt einen Bärentöter mit sich herum, um waffentechnisch zu Callahan aufzuschließen. Seine Erotikrevuen Hausmacher Art haben ihre glänzenden Vorlagen in der Hustler-Sterilität. Wirklich scharf machen Jim aber nur Kammerspielszenen, in denen Frauen halbnackt auf den verschlissenen Tagesdecken der Stundenhotels (Marken im Streifgebiet des legalen Killers Callahan) das Unvermeidliche erwarten. Sie befinden sich (seelisch schockstarr) in einem Irrtum. Sie etablieren sich animierend darin. Für unvermeidlich halten sie Sex. Tatsächlich erwartet sie der Tod; zubereitet von einem wahnsinnigen Serienmörder.

Jim spielt mit dem Augenblick der weiblichen Bereitschaft. Er platziert die Garantin der Wollust, so dass sie im Visier seiner Erregung eine idealtypische Totalität bildet. Er fragt sich: sind wir nicht alle Puppen an unsichtbaren Fäden?

Jim versagt als Vater und Ehemann und als jemand, der wenigstens mit sich selbst Geduld haben sollte. Sein Schöpfer beschreibt einen Überforderten so treffend, dass einem die ganze Ausstrahlung des Wortes Desperado aufgeht. Verzweiflung ist der Trigger.

Nachtrag

Mit neun passten mir die Reitstiefel meiner Tante, die eine famose Turnierreiterin war. Ein von der Heldin aufgegebenes Paar trug ich voller Stolz, solange es eben ging. Die ganze Familie lebte in einem Zustand, der in seinen Beschreibungen stets nur angetippt wurde. Ein leicht dahin gesagtes Wort mit Zauberkraft war Reiterei. Wir existierten wie ein Stamm in der Reiterei und zwar auf dem Territorium der Koppel. So hieß das Anwesen im Familienmund. Daran denke ich, während ich im Darßer Urwald am Saum der ursprünglichen Uferlinie, wo vor dreitausend Jahren (bis zu einem Strömungsumschwung) Ostseewellen aufliefen, David Vanns Roman lese.

In unserem Stamm drehte sich viel Feierliches um Pferde und Feuer. Ich war der Enkel des Chefs und sein designierter Nachfolger. Alle sagten Chef zu meinem Großvater, auch seine Frau und die Kinder. Sein Glanz färbte auf mich ab; ich habe mehr Nächte mit ihm verbracht als jeder andere, abgesehen von meiner Großmutter. Mir gegenüber wurde er noch einmal jung und zeigte den kaum alphabetisierten Knaben, der sich aus großer Not zu befreien wusste.

Ich stehe in einer Galerie vom Wind gedrückter Kiefern auf dem alten Kliff. Ich sehe malerisch gewachsene Buchen, Fichten, Eiben, Lärchen, Douglasien und Erlenbrüche. 

Bruchwald in einem Urwald an der Ostsee

Das Wasser steht wie in den Everglades. In solchen Milieus geht Jim auf die Jagd, gern mit seinem Bruder Gary und noch lieber mit David, der sich mit den Mitteln eines Halbwüchsigen kunstvoll bewaffnet hat. Jim ist stolz auf das Repertoire des Sohns, während ihm zu seiner Tochter nicht viel einfällt.

Jim testet eine Armbrust Marke Eigenbau.

„Man kann mit (ihr) nicht gut zielen, das Lederstück hinter dem Pfeil ist zu hoch angebracht.“

Trotzdem gelingt David ein Volltreffer. Mich erinnert dieser Moment im Roman an ein ursprünglich unbegreifliches Wohlwollen meines Großvaters, als er mich einmal mit einer Zwille antraf; die Andacht, mit der er die Bastelarbeit in Augenschein nahm.

Im Roman grassieren solche archaisch-pathetischen Konstellationen. Jim geht mit seinen Kindern und dem Bruder auf Wachteln. Er konfrontiert die Angehörigen mit seiner Unausgeglichenheit. Er leidet unter geistiger Blasenschwäche. Er ist unglaublich weit weg von dem Mann, der er sein möchte (und als Vater, Ex-Ehemann und Liebhaber auch sein müsste).

Jims Idol ist Clint Eastwood in seiner Paraderolle als Dirty Harry, bürgerlich Harry Callahan. Jim verherrlicht einen fiktiven Inspektoren-Charakter. Das zeigt, was ihm fehlt. Der Mangel erschöpft sich im Recht – in dem Recht, (als Delegierter eines Monopols) Gewalt auszuüben.

David Vann wurde 1966 auf Adak Island/Alaska geboren. Seine Romane sind vielfach preisgekrönt und erscheinen in 22 Ländern. David Vann lebt in Neuseeland und ist derzeit Professor an der University of Warwick in England.