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18.03.2020, Jamal Tuschick

Michka liebt Wörter. In guten Stunden beweist ihnen die ehemalige Korrektorin eine zärtliche Genauigkeit, während im Weiteren Aphasie ihr Sprachvermögen dezimiert.

Zärtliche Genauigkeit

Eingebetteter Medieninhalt

Marie Chapier betrachtet Michéle Seld, genannt Michka, mit den Augen der Liebe. Sie war ein der Verwahrlosung anheimgestelltes Kind in der Nachbarschaft, um das sich Michka kümmerte. Jetzt kümmert sich Marie. Sie sieht „ein junges Mädchen … das versehentlich alt geworden ist“. Dankbarkeit bestimmt Maries Verhältnis zu der Vergreisenden. Und Dankbarkeit wird für Michka zu einem Halt in den Strudeln des Vergessens. In ihrer Reise ans Ende der Nacht begegnet sie sich selbst noch einmal als das von guten Menschen verborgene und so vor der Deportation bewahrte Kind in der Zeit faschistischer Besatzung. Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit setzt Michka eine Anzeige in die Zeitung. Sie bittet ihre Lebensretter um ein Lebenszeichen.

Delphine de Vigan, „Dankbarkeiten“, Roman, auf Deutsch von Doris Heinemann, Dumont, 164 Seiten, 20,-

Sie war mal wer. Manchmal erinnert sich Michka daran. Dann hört ein Mündel auf, vor Angst und Abhängigkeit zu zerfließen. Michka verbrachte ihr Arbeitsleben als Fotojournalistin und Korrektorin. Nichts entging ihr. Sie fand alle „Satzfehler, Syntaxfehler, Konjugationsfehler, Wiederholungen“.

Marie lädt sich mit dem Duft des Haarsprays ihrer Freundin auf. Sie bedauert empathisch die Verkleinerungen, „kleine Schritte, kleine Schläfchen“, im Schlepp einer zunehmenden Hinfälligkeit. Sie weiß noch nicht, dass alte Menschen in ihren Zuständen selig nisten.

Auch der Logopäde Jérôme zeigt ein produktives Interesse an den Prozessen der Wortmachtverluste seiner Patientin. Immer wieder durchbricht Esprit den Panzer der Reduktion. Dann knallt Michka dem Jungspund was vor den Latz. Plötzliche Schärfe fräst den Entmündigungssprech. Auch Michkas aus den Geysiren der Wortfindungskatastrophen geschöpften, unfreiwilligen Verballhornungen (Erweiterungen des Standardvokabulars) liefern der Kommunikation Kleinode.

Nachtrag

Nur so am Rand. Der Roman ist als Rückblende aufgezogen. Auf der ersten Seite steht:

„Heute ist eine alte Dame, die ich liebte, gestorben.“

Der Einstieg paraphrasiert einen der berühmtesten ersten Sätze:

„Heute ist Mutter gestorben.“ (Albert Camus, „Der Fremde“)

Delphine de Vigan © Delphine Jouandeau

Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹ und 2018 der Roman ›Loyalitäten‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

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