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19.03.2020, Jamal Tuschick

Apostel der Antimoderne - Am 25. Juli 1967 besuchte Paul Celan Martin Heidegger auf seinem Schwarzwälder Maulwurfhügel. Das Todtnauberger Treffen ging als „Gipfeltreffen“ (Michel Deguy), „Wallfahrt“ (H.-G. Gadamer) und „Höllenfahrt“ (Jean Bollack) in die Geschichte ein. Es war zuerst das Letzte, ein Höllenritt jedenfalls für den Holocaustüberlebenden. Zu ertragen hatte Celan Heideggers historische Ungerührtheit im Schlepp einer sich auf das Welthöchste berufende Unschuld. Ein paar Mal sei er vor und während des III. Reichs entgleist. Mehr habe er sich nicht vorzuwerfen. So äußerte sich Heidegger. Entscheidend bleibt, dass dieser Apostel der Antimoderne damit durchkam; dass ihm Republikanerfürsten wie Rudolf Augstein das Gemurmel und die wegwerfenden Bemerkungen durchgehen ließen. Die zweite bundesrepublikanische Restauration koinzidierte mit dem Achtundsechziger-Aufbruch. Zeitgenössisch gewendete ewig Gestrige, so wie der Spiegel-Mann Georg Wolff, der mit Augstein gemeinsam Heidegger abhörte, zitierten Adorno und jonglierten mit den Begriffen der Frankfurter Schule. Auch davon erzählt Hans-Peter Kunisch in seinem Faktenthriller „Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung“.

Freiburger Heimspiel

Eingebetteter Medieninhalt

Drei Männer verhehlen voreinander ihre Mühe, gefasst zu bleiben, während sie auf einem geländerfreien Holzsteg ein Moor überqueren. Hans-Peter Kunisch schildert, was die Wanderer sehen: „Wacholdergebüsch, Sumpfklumpen, Farnhügel“. Der Dritte in einem weltberühmten Gelegenheitsbund sei, so führt der Autor aus, der Freiburger Germanist Gerhart Baumann. Beide Jahrhundertfiguren haben sich zu dem „epochalen Ereignis“ (Baumann) in einem badischen Wald geäußert.

„Er hat seine berühmten Gäste … hergefahren.“

An anderer Stelle nennt Kunisch den Philologen Gerhard Neumann in der Rolle des Fahrers, der in dem Gedicht Todtnauberg verewigt wird:

Krudes, später, im Fahren,
deutlich,

der uns fährt, der Mensch,
der’s mit anhört,

die halb-
beschrittenen Knüppel-
pfade im Hochmoor,

Feuchtes,
viel.

Das Weitere ist dem aus Karlsruhe gebürtigen Baumann angepasst. Seine akademische Laufbahn war ein Freiburger Heimspiel.

*

Am 24. Juli 1967 liest Paul Celan in Freiburg. Er folgt einer Einladung von Baumann und Neumann. Der imperiale Gastgeber („Das Sein spricht Deutsch“) ist aber Martin Heidegger. Der Philosoph legt Wert darauf, Buchhändler darüber in Kenntnis zu setzen, dass er von Celan jedes publizierte Gedicht kennt.

„Ich kenne alles von ihm.“

Heidegger rät zu einem Ausflug in den Schwarzwald gemeinsam mit dem Dichter aus Paris. Er deklariert den Aufwand im Freien als Kur für den in seinen Augen „heillos Kranken“. Der Doyen des Antimodernismus erscheint vollkommen unangefochten auf seiner Höhe. Die nationalsozialistische Barbarei ist ihm dem Selbstvernehmen nach so entgangen wie er ihr. Heidegger hat an der Freiburger Universität den Sturm gepredigt und allein dem Prediger sind die Flügel der herausfordernden Ignoranz gewachsen. Ihn ficht Adornos vernichtendes Urteil über den Kulturmüll nach Fünfundvierzig nicht an.

Heidegger begegnet Celan in seiner Todtnauberger Klause als Hüttenwirt. Der Gast hinterlässt eine Spur im Hüttenbuch: „Mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen“. Bald darauf (am 1. August) schreibt Celan in Frankfurt am Main „Todtnauberg“. Er reagiert auf die monumentale Hartleibigkeit des ungerührten Schwarzwälders, der allein Celans Genie, nicht aber der deutschen Schuld zu konzedieren bereit ist:

„Seitdem haben wir vieles einander zugeschwiegen.“

Heideggers Versprechen richtet sich so vage wie theatralisch auf den Tag, an dem sich „noch einiges aus dem Ungesprochenen“ lösen lassen wird. Auch das Interview, das er im Jahr zuvor Rudolf Augstein und dem Ex-SS-Mann Georg Wolff gegeben hat, ist vor seinem Tod nicht zur Veröffentlichung bestimmt.

Heidegger enthält sich und bleibt doch beharrlich. Das macht ihn zum Feind des Angereisten. Beide, der zu seinem Glück Bodenständige und der zu seinem Leid in der Luft Wurzelnde, verfügen über die Kraft, bis zur Zugänglichkeit einander zu trotzen.

Es treffen sich Abgedichtete. Es heißt, Celan habe sich gegen Heideggers Antisemitismus lyrisch immunisiert.

Die Landschaft von Todtnauberg ist eine natürliche Metapher. Seit 1922 residiert Heidegger nach Belieben wetterfest und almselig in der Alljahresfrische mit der lauschigen Anschrift Auf der Sturmhöhe. Dahin steuerte er den Holocaustüberlebenden, um sich ihm zuzumuten.

„Celan hat beide Elternteile in einem deutschen Lager in der Ukraine verloren.“

Hans-Peter Kunisch, „Todtnauberg“, dtv, 350 Seiten, 24,-

Celan erscheint in Freiburg nicht zuletzt als Beweiserbringer dafür, „dass nach dem Holocaust Gedichte in deutscher Sprache möglich sind“. So paraphrasiert Kunisch ein Adorno-Wort. Celan befindet sich unter Leuten, die ihre „Schuld gegenüber dem Jüdischen Volk nicht abgetragen“ haben. Er zeigt sich entschlossen, lediglich aus Übersetzungen vorzutragen.

Bald mehr.

1934 überhörte Martin Heidegger einen Ruf aus der Reichshauptstadt. Öffentlichkeitswirksam verschrieb er sich der Bodenständigkeit und pries seine geistige Schwitzhütte im Südschwarzwald als Zwingburg der Antiurbanität. In einem lyrischen Reflex listet Celan Gegenstände im Arsenal der Verstiegenheit auf: „Arnika, Augentrost, der Trunk aus dem Brunnen mit dem Sternwürfel drauf.“ Der Dichter kontert die Kälte des Philosophen mit einer Art fiebrigen Kaltblütigkeit. Celan weiß, dass sich für Heidegger alles darum dreht, in einem Haus aus Lügen als großer Mann dazustehen. Dass einem überragenden Geist nichts Gescheiteres einfällt, erlebt Celan als Krux. Er spricht vom Kruden und sammelt Ungereimtheiten. Mit besseren Gründen, als Hannah Arendt sie formulierte, hätte Celan angesichts der seelischen Verstopfung Heideggers von der Banalität des Bösen sprechen können. Stattdessen nahm er es auf sich, Heideggers Reaktion auf „Todtnauberg“ unterkomplex zu finden.

Todtnauberg

Arnika, Augentrost, der
Trunk aus dem Brunnen mit dem
Sternwürfel drauf,

in der
Hütte,

die in das Buch
– wessen Namen nahms auf
vor dem meinen? –,
die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute,
auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen,

Waldwasen, uneingeebnet,
Orchis und Orchis, einzeln,

Krudes, später, im Fahren,
deutlich,

der uns fährt, der Mensch,
der’s mit anhört,

die halb-
beschrittenen Knüppel-
pfade im Hochmoor,

Feuchtes,
viel.

Heidegger spielte den Enttäuschten. Enttäuscht zeigte er sich vom Nationalsozialismus, der die erhoffte Erneuerung nicht gebracht hatte. Mit diesem Mist kam er Augstein und dessen Schreibterrier Wolff bei dem als Verschlusssache bis zum Tod gehandelten Interview von 1966. Wolff konnte gewisse Fragen gar nicht stellen, ohne sich selbst in Frage zu stellen. Den Ex-SS- und SD-Führer qualifizierte Nazi-Insiderwissen als Augstein-Adlatus.

Bruno Latour beschreibt den Faschismus der 1920er und -30er Jahre als ein Amalgam von Traum & Technik. Die Protagonisten der faschistischen Keimzeit verbanden „die Rückkehr zu einer ver-dichteten Vergangenheit mit revolutionären Idealen und der industriellen Modernisierung“. Der Faschismus blieb ein Produkt der Anstrengungen, im Takt der Moderne zu marschieren. Er wurde in den 1920er Jahren von Ernst Jünger als ein Kampf mit allen Mitteln gegen den augenblicklichen Bestand begriffen. Die Heidegger-Jünger-Kohorte wollte Tabula rasa machen in einer antimaterialistisch grundierten Annahme der Moderne. Einig war man sich in der Demokratieverachtung und dem Ekel vor der Weimarer Republik. Reaktionäre, die sich revolutionär fanden, schrieben Geschichte. Sie förderten den Faschismus, in dem sich nach ihren Begriffen eine von Alarich über Arminius bis Albion vor dem Ende des ersten christlichen Jahrtausends germanisch geprägte und in der Rezeption verkitscht erfundene und verklärte Vergangenheit mit einer fabelhaften Maschinenzukunft in Science Fiction Manier kreuzte. Der Faschismus brachte den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts in die römische Dimension – Weltherrschaft nach den Maximen einer Sklavenhaltergesellschaft. Der globale Herrschaftsvirus hatte sich in der Neuzeit nach der Reconquista mit dem Gold der Mayas und Azteken zuerst im Süden Europas ausgebreitet, dann den Westen infiziert und erst im späten 19. Jahrhundert Deutschland erreicht. Man wähnte sich an der Reihe. Kein Zweifel, dass Heidegger als pseudoweiser Schwarzwälder die Kollektivvision bei jeder Gelegenheit unterschlug. Offiziell war man als Seniordeutscher in den Sechzigern politisch verkatert und larmoyant.

Kunisch erwähnt einen legendären Gipfel im Breisgauer Dunstkreis der übrigen Ereignisse. Im Rahmen eines Freiburger FDP-Parteitags kommt es zu einem Streitgespräch zwischen Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke auf einem Autodach.

Kunisch lässt keinen Zweifel an Heideggers Kalkül. In einer dritten Versuchsanordnung trifft Celan im Juni Achtundsechzig ein. Diesmal begehen Heidegger und Baumann mit dem Besucher das Tiefenhäuser Moor. Der Sidekick wird zum Akteur. Baumann war in der NSDAP und Soldat der Wehrmacht, schreibt Kunisch. Der gebürtige Freiburger gehört zum selben Jahrgang wie Celan.

Das Tiefenhäuser Moor

In Rückblenden leuchtet Kunisch die Vergangenheit seines Favoriten aus. Bereits 1943 stößt Celan auf Heideggers Werk. Die Spur wird heiß in Nachkriegsbegegnungen mit Ingeborg Bachmann. Diese beiden sehen sich in Wien und erkennen auf Gleichrangigkeit. „Fünf Jahre jünger, ist (Bachmann) schon in einer Celan vergleichbaren Position: Noch ohne Buch, aber von Erwartungen umgeben.“ Bachmann promoviert über und „gegen“ Heidegger. Nach ihren Begriffen stößt Heidegger nur scheinbar ins Unsagbare vor. In Wahrheit komme der Pseudopionier gegen Wittgenstein nicht an und über die Wolkenvokabular-Huberei eines Mythendreschers nicht hinaus. Berühmt wird Bachmann bald auf der ganzen Linie und so auch als Spiegel-Titelbildpersönlichkeit.

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