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19.03.2020, Jamal Tuschick

Intrusion

Noch immer wird über Vergewaltigung in einem Zusammenhang mit Ehre und Schande gesprochen. Das stellt die Philosophin Christine Freitag in ihren existenzphilosophischen Überlegungen zur Notfallseelsorge fest.

Jede sexuelle Attacke erzeugt einen durchgreifenden Unfrieden, der als Anpassungsstörung diagnostiziert wird. Nach dem Schema Vermeidung, Überwältigung, Selbst- und Weltentfremdung wehrt die Angegriffene einen Zumutungshagel ab. Sie reißt oder gefriert.  

Christine Freitag, Vergewaltigung. Psychotraumatologisches Grundlagenwissen und existenzphilosophische Überlegungen für Notfallseelsorge und seelsorgerliche Begleitung“, Claudius Verlag, 246 Seiten, 24,-

Die Vermeidung von Erinnerungen induziert eine Gefühlsblockade. Die Opfer negieren das Geschehen. Um sich das psychische Gleichgewicht auf einer labilen Basis zu garantieren, werden „Reize, die an die Vergewaltigung erinnern, vehement verdrängt“. „Dieses Verhalten macht es möglich, dass die … Vergewaltigung … sogar Nahestehenden … verschwiegen werden kann.“

Inès Bayard beschreibt in „Scham“ eine typische Vergewaltigungsfolge, die mir sowie einer Gegenleserin wenig plausibel erschien, von Christine Freitag jedoch bestätigt wird.

Bayards Zentralfigur Marie Campan verändert nach einer Vergewaltigung, die sie ihrem Mann Laurent verschweigt, die Beziehungskoordinaten, ohne sich zu den Vertragsänderungen einzulassen. Marie schließt ihren Gatten in den Schuldturm ein, der dem Vergewaltiger, einem Vorgesetzten, vorbehalten bleiben sollte.

Der Vergewaltiger hat das Ehepaar Campan geschändet, doch nur Frau Campan kann die negativen Ausschläge im Schlepp der Tat empirisch begreifen. Laurent machen die Veränderungen ratlos. Seine von keiner Sonne der Empathie beschienene Ratlosigkeit deutet an, dass er sich im Seelenhaushalt seiner Frau nicht gut auskennt. Marie ist dem erfolgreichen Anwalt als Vermögensberaterin lange passend genug erschienen. Er sieht sich selbst auf dem Sprung, den Status Double Income no Kid zu relativieren. Man „arbeitet“ an der Vergrößerung der Familie mit ungleich verteilten Lasten.

Geheuchelte Normalität und Scheinanpassung

Marie erträgt Laurent nicht mehr. Das verhehlt sie ihm (so lange wie möglich). Sie heuchelt Normalität. Freitag bestätigt den Kurs, der sich aus Verdrängung und Vermeidung so ergibt, dass das Opfer „relativ rasch in die Alltagsroutine zurückfindet“, ohne da je wieder heimisch zu werden.

In der Scheinanpassung manifestiert sich „die mangelnde Erinnerungsfähigkeit“ als psychischer Schutzschirm.

Aus der Vorschau

Nur ein Drittel der Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, sucht professionelle Hilfe. Der häufigste Grund für Schweigen ist Scham. Noch immer lastet die Gesellschaft den Betroffenen häufig eine Mitschuld am Verbrechen an. Dieses Buch will das Erleben und die Auswirkungen einer Vergewaltigung sichtbar machen, um Seelsorgerinnen und Seelsorgern die Chance zu geben, die Gefühlslage einer betroffenen Frau zu verstehen und ihr konkret und individuell passende Hilfe anzubieten. Es ist aber auch eine Handreichung für diejenigen, die sich (noch) nicht an Hilfseinrichtungen wenden wollen.

Christine Freitag ist Philosophin und Religionswissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre in der Krisenintervention gearbeitet und lebt mit ihrer Familie in Graz.