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20.03.2020, Jamal Tuschick

„Ich habe mehr Privilegien als je eine Person in meiner Familie hatte. Trotzdem bin ich am Arsch.“ Diese Selbstwahrnehmung gehört zu einem Strauß „interessanter Gefühle“. Sie oszillieren im Grandiosen, sobald die Erzählerin in Olivia Wenzels erstem Roman „1000 Serpentinen Angst“ auf einer New Yorker Dachterrasse zwei Gläser Rotwein getrunken hat.

Interessante Gefühle

Eingebetteter Medieninhalt

Wenn ein See deiner Kindheit sich in eine „national befreite Zone“ verwandelt, dann weißt du, der rechte Terror hat eine Punktlandung hingelegt. Plötzlich machen sich Hakenkreuzzuggespanne auf einem Amboss deiner ostdeutschen Prägung breit. Ein Initiationsschauplatz voller Erinnerungsspröde wird überrollt. Im Gegensatz zu fast allen kannst du nicht einfach die politische Farbe wechseln und Nazi werden. Denn du bist Schwarz. Du bist der Feind.

„Bäh, da war ja ein … im Wasser.“

Die milden Protestnoten des Verzichts, mit denen andere das Feld am Ufer räumen, sind ein schwacher Trost und in deinem Fall nicht statthaft. Du brauchst eine postheroische Lösung. Also setzt du dich mit deinem eben noch schwer gegen dich eingenommenen Freund zu einem bedrängten Vater. Nein, das tust du nicht. Du verzichtest auf den Akt der Solidarität zugunsten der Sicherheit deines auf Abbruch des Aufenthalts vor Ort insistierenden Freundes.

„Den Kindern werden die nichts tun. Uns schon. Wir fahren jetzt.“

Die Faschos sollen sich nicht provoziert fühlen. Die auf dem Rückzug verständigte Polizei findet den See nicht. Die Erzählerin erinnert sich an das Staatsversagen auf einem Langstreckenflug. Sie hat ausreichend Zeit, um auf allen möglichen Ebenen der Wahrnehmung zu gucken, was los ist. Ständig ermahnt sie sich und ruft sich zur Ordnung.   

Olivia Wenzel, „1000 Serpentinen Angst“, Roman, S. Fischer Verlag, 348 Seiten, 21,-

Olivia Wenzel erzählt in ihrem ersten Roman von den Schwierigkeiten des Schwarzseins mit ostdeutsch-kleinstädtischen Vorzeichen.  

Was zuvor geschah

Eine junge Frau punkt in der DDR. Sie färbt ihr Haar himmlisch blau und lässt sich ein mit einem Angolaner. Sie wünscht sich fort in adoleszenter Exzessbereitschaft. Sie träumt von einem „gemeinsamen Leben unter einer anderen Sonne“. Am vorläufigen Ende der Geschichte setzt das Regime auf Zerstörung. „Der Afrikaner“ wird ausgewiesen, die soeben Mutter von Zwillingen gewordene Dissidentin verliert im Stasiknast ihre Festigkeit.

Man entlässt sich in eine andere Gefangenschaft mit pulverisierter Psyche. Sie erfüllt ihren Erziehungsauftrag im Versagen. Sie kommt auch nach Neunundachtzig nicht vom Fleck. Sie schillert in den Pathologien ihres Dramas. Der Sohn stirbt gewaltsam, die Tochter erklärt sie für zu tot. Sich selbst weist sie ein. Aber noch nicht mal der Einschluss ist von Dauer. Sie bleibt verurteilt zur Unfreiheit im offenen Vollzug einer prekären Existenz.

Das beschreibt Olivia Wenzel eindringlich. Der Text perforiert die Membran der zwanghaften Unaufmerksamkeit. Er durchdringt den Schirm einer ständigen Befragung der Informations- und Ablenkungsdienste im Dauerfeuer rundgemailter Botschaften.

Der verwaiste Zwilling vereinsamt familiär. In Reichweite verblieben ist eine Großmutter, den die Erzählerin als „eitlen Teenager“ wahrnimmt.

In dieser Beobachtung steckt ein ungeschriebener DDR-Roman. Die Kinder kamen früh, die Frauen wurden auf den Hochpunkten der zweiten Attraktivitätskurve Großmütter. Daraus ergab sich eine eigene Kultur der Verbindung von zwei sexuell aktiven Generationen. Mütter und Tochter rivalisierten in einer Arena. Die Großmutter prahlt mit einer hochtoupierten Erscheinung. Sie ist stolz „auf ihre auffallende Schönheit“.  

In der Handlungsgegenwart ist sie allerdings als niedliche Alte bei der Liebe zum Heizkissen angekommen.

Die Kindheitstristesse der Erzählerin liest sich so DDRig, dass man immer wieder über solche Lappalien wie Reisefreiheit etc. stolpert. Ja, die Zentrallinie im Roman zieht sich durch die Berliner Republik, aber das Heranwachsen vollzieht sich in einem anachronistischen Regime.

Die Abgehängten grüßen dich.

*

„Ich habe mehr Privilegien als je eine Person in meiner Familie hatte. Trotzdem bin ich am Arsch.“

Diese Selbstwahrnehmung gehört zu einem Strauß „interessanter Gefühle“. Sie oszillieren im Grandiosen, sobald die Erzählerin auf einer New Yorker Dachterrasse zwei Gläser Rotwein getrunken hat.

Olivia Wenzel, 1985 in Weimar geboren, Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Uni Hildesheim, lebt in Berlin. Sie schreibt Theatertexte und Prosa, machte zuletzt Musik als Otis Foulie. Wenzels Stücke wurden u.a. an den Münchner Kammerspielen, am Hamburger Thalia Theater, am Deutschen Theater Berlin und am Ballhaus Naunynstrasse aufgeführt. Neben dem Schreiben arbeitet sie in Workshops mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In der freien Theaterszene kollaboriert sie als Performerin mit Kollektiven wie vorschlag:hammer. »1000 Serpentinen Angst« ist ihr erster Roman.

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