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21.03.2020, Jamal Tuschick

Gut Feind

Drei Männer verhehlen voreinander ihre Mühe, gefasst zu bleiben, während sie auf einem geländerfreien Holzsteg ein Moor überqueren. Hans-Peter Kunisch schildert, was die Wanderer sehen: „Wacholdergebüsch, Sumpfklumpen, Farnhügel“. Der Dritte in einem weltberühmten Gelegenheitsbund sei, so führt der Autor aus, der Freiburger Germanist Gerhart Baumann. Die Jahrhundertfiguren äußern sich zu dem „epochalen Ereignis“ (Baumann) in einem badischen Wald nach Maßgaben sehr unterschiedlicher Temperamente.

Hannah Arendt - Eine an Irritationen und Aversionen reiche Beziehung zu Heidegger veranlasst die Philosophin 1969 ihrem Denkvater und Ex-Liebhaber nachzusagen, er habe „die geistige Physiognomie des Jahrhunderts entscheidend mitbestimmt“.

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Von 1952 bis 1969 währt Paul Celans Beschäftigung mit Martin Heidegger. Kurz vor Celans Selbstmord am 20. April 1970 besucht der Poet den inkriminierten Philosophen noch einmal im Schwarzwald. Bis zum Schluss bleibt man gut Feind füreinander, lehrreich in jedem Fall. Vielleicht überschätzen die Koryphäen Celans Wirkung auf einen Mann, der seine Sturheit beibehält und sich unerschütterlich wohl nicht nur zeigt. Wenn Celan Heidegger unterstellt, er habe an den nationalsozialistischen Verbrechen wenigstens gewürgt, erschöpft sich die Wahrheit wahrscheinlich darin, dass ihm eine solche Kur lieb gewesen wäre. Eine an Irritationen und Aversionen nicht weniger reiche Beziehung zu Heidegger veranlasst Hannah Arendt 1969 ihrem Denkvater und Ex-Liebhaber nachzusagen, er habe „die geistige Physiognomie des Jahrhunderts entscheidend mitbestimmt“.

So einen hebt man nicht einfach aus dem Sattel seiner Gewissheiten. 

Hans-Peter Kunisch, „Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung“, Roman, dtv, 350 Seiten, 24,-

„Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch.“

Das ist der Punkt. Celan wohnt nirgendwo mehr auch nur mit Behagen. Heidegger wohnt mächtig auch noch mit achtzig. Seine Ursprungsumgebung haftet an. Sie hat sich nicht mit der Zeit verdrückt.

Heidegger fällt nicht aus der Zeit.

Er bietet ihr die reaktionäre Stirn. Niemand verstellt ihm die Wege zu seiner ihm seit fünfzig Jahren vertrauten Universität in der Studentenrevolte. Heidegger nimmt Einladungen an und sitzt sie akademisch ab.

Kunisch erwähnt einen legendären Gipfel im Breisgauer Dunstkreis der übrigen Ereignisse. Am Rand eines Freiburger FDP-Parteitags kommt es zu einem Streitgespräch zwischen Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke auf einem Autodach.

Ich lese, Heidegger habe in Celan einen Nachfolger Hölderlins erkannt. Gewinnt Celan nicht den höchsten Wert für den Halbgeächteten als jemand, mit dem er sich ganz und gar unangefochten präsentieren kann?

In einem zweiten Durchgang wiederholt Heidegger den Todtnauberger Test mit „dem jungen Mann (als Fahrer), dessen Namen (er) immer wieder vergisst“. Es handelt sich um den in dieser Rolle historisch verbürgten Germanisten Neumann, der seinen privaten Volkswagen einsetzt und sich schwersten gedanklichen Erschütterungen auf einer Reichsautobahn bis in alle Ewigkeit ausgesetzt sieht. Er befrachtet die Situation in der Kabine mit Erinnerungen an seine nationalsozialistische Kindheit. Irgendwas stimmt nicht mit dem Gelehrten auf dem Weg zur Professur. 

Um die Sache richtig darzustellen. Heidegger nimmt in kalkulierter Überzahl und weiser Voraussicht Rücksicht auf seine Befürchtungen. Angst vor Celan haben nicht wenige. Heidegger setzt zumal auf den in einem zweiten Auto vorausfahrenden Adlaten Silvio Vietta als Verstärkung. Es gibt ein Interview mit Vietta über Heideggers Antisemitismus. Vietta bestreitet vehement alle Vorwürfe. Offenbar ist er der richtige Mann für eine (im übertragenen Sinn) schlagende Verbindung.

Kunisch lässt keinen Zweifel an Heideggers Kalkül. In der dritten Versuchsanordnung trifft Celan im Juni Achtundsechzig im Breisgau ein. Diesmal begehen Heidegger und Baumann mit dem Besucher das Tiefenhäuser Moor. Der Sidekick wird zum Akteur. Baumann war in der NSDAP und Soldat der Wehrmacht, schreibt Kunisch. Der gebürtige Freiburger gehört zum selben Jahrgang wie Celan. Die Männer begegnen sich in unerklärter Gegnerschaft. 

Freiburger Heimspiel

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Drei Männer verhehlen voreinander ihre Mühe, gefasst zu bleiben, während sie auf einem geländerfreien Holzsteg ein Moor überqueren. Hans-Peter Kunisch schildert, was die Wanderer sehen: „Wacholdergebüsch, Sumpfklumpen, Farnhügel“. Der Dritte in einem weltberühmten Gelegenheitsbund sei, so führt der Autor aus, der Freiburger Germanist Gerhart Baumann. Die Jahrhundertfiguren äußern sich zu dem „epochalen Ereignis“ (Baumann) in einem badischen Wald nach Maßgaben sehr unterschiedlicher Temperamente.

„Er hat seine berühmten Gäste … hergefahren.“

An anderer Stelle nennt Kunisch den Philologen Gerhard Neumann in der Rolle des Fahrers, der in dem Gedicht Todtnauberg verewigt wird:

Krudes, später, im Fahren,
deutlich,

der uns fährt, der Mensch,
der’s mit anhört,

die halb-
beschrittenen Knüppel-
pfade im Hochmoor,

Feuchtes,
viel.

Das Weitere ist dem aus Karlsruhe gebürtigen Baumann angepasst. Seine akademische Laufbahn war ein Freiburger Heimspiel.

*

Am 24. Juli 1967 liest Paul Celan in Freiburg. Er folgt einer Einladung von Baumann und Neumann. Der imperiale Gastgeber („Das Sein spricht Deutsch“) ist aber Martin Heidegger. Der Philosoph legt Wert darauf, Buchhändler darüber in Kenntnis zu setzen, dass er von Celan jedes publizierte Gedicht kennt.

„Ich kenne alles von ihm.“

Heidegger rät zu einem Ausflug in den Schwarzwald gemeinsam mit dem Dichter aus Paris. Er deklariert den Aufwand im Freien als Kur für den in seinen Augen „heillos Kranken“. Der Doyen des Antimodernismus erscheint vollkommen unangefochten auf seiner Höhe. Die nationalsozialistische Barbarei ist ihm dem Selbstvernehmen nach so entgangen wie er ihr. Heidegger hat an der Freiburger Universität den Sturm gepredigt und allein dem Prediger sind die Flügel der herausfordernden Ignoranz gewachsen. Ihn ficht Adornos vernichtendes Urteil über den Kulturmüll nach Fünfundvierzig nicht an.

Heidegger begegnet Celan in seiner Todtnauberger Klause als Hüttenwirt. Der Gast hinterlässt eine Spur im Hüttenbuch: „Mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen“. Bald darauf (am 1. August) schreibt Celan in Frankfurt am Main „Todtnauberg“. Er reagiert auf die monumentale Hartleibigkeit des ungerührten Schwarzwälders, der allein Celans Genie, nicht aber der deutschen Schuld zu konzedieren bereit ist:

„Seitdem haben wir vieles einander zugeschwiegen.“

Heideggers Versprechen richtet sich so vage wie theatralisch auf den Tag, an dem sich „noch einiges aus dem Ungesprochenen“ lösen lassen wird. Auch das Interview, das er im Jahr zuvor Rudolf Augstein und dem Ex-SS-Mann Georg Wolff gegeben hat, ist vor seinem Tod nicht zur Veröffentlichung bestimmt.

Heidegger enthält sich und bleibt doch beharrlich. Das macht ihn zum Feind des Angereisten. Beide, der zu seinem Glück Bodenständige und der zu seinem Leid in der Luft Wurzelnde, verfügen über die Kraft, bis zur Zugänglichkeit einander zu trotzen.

Es treffen sich Abgedichtete. Es heißt, Celan habe sich gegen Heideggers Antisemitismus lyrisch immunisiert.

Die Landschaft von Todtnauberg ist eine natürliche Metapher. Seit 1922 residiert Heidegger nach Belieben wetterfest und almselig in der Alljahresfrische mit der lauschigen Anschrift Auf der Sturmhöhe. Dahin steuerte er den Holocaustüberlebenden, um sich ihm zuzumuten.

„Celan hat beide Elternteile in einem deutschen Lager in der Ukraine verloren.“

Celan erscheint in Freiburg nicht zuletzt als Beweiserbringer dafür, „dass nach dem Holocaust Gedichte in deutscher Sprache möglich sind“. So paraphrasiert Kunisch ein Adorno-Wort. Celan befindet sich unter Leuten, die ihre „Schuld gegenüber dem Jüdischen Volk nicht abgetragen“ haben. Er zeigt sich entschlossen, lediglich aus Übersetzungen vorzutragen.

Zugeschwiegen

Apostel der Antimoderne - Am 25. Juli 1967 besuchte Paul Celan Martin Heidegger auf seinem Schwarzwälder Maulwurfhügel. Das Todtnauberger Treffen ging als „Gipfeltreffen“ (Michel Deguy), „Wallfahrt“ (H.-G. Gadamer) und „Höllenfahrt“ (Jean Bollack) in die Geschichte ein. Es war zuerst das Letzte, ein Höllenritt jedenfalls für den Holocaustüberlebenden. Zu ertragen hatte Celan Heideggers historische Ungerührtheit im Schlepp einer sich auf das Welthöchste berufende Unschuld. Ein paar Mal sei er vor und während des III. Reichs entgleist. Mehr habe er sich nicht vorzuwerfen. So äußerte sich Heidegger. Entscheidend bleibt, dass dieser Apostel der Antimoderne damit durchkam; dass ihm Republikanerfürsten wie Rudolf Augstein das Gemurmel und die wegwerfenden Bemerkungen durchgehen ließen. Die zweite bundesrepublikanische Restauration koinzidierte mit dem Achtundsechziger-Aufbruch. Zeitgenössisch gewendete ewig Gestrige, so wie der Spiegel-Mann Georg Wolff, der mit Augstein gemeinsam Heidegger abhörte, zitierten Adorno und jonglierten mit den Begriffen der Frankfurter Schule. Auch davon erzählt Hans-Peter Kunisch in seinem Faktenthriller „Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung“.

1934 überhörte Martin Heidegger einen Ruf aus der Reichshauptstadt. Öffentlichkeitswirksam verschrieb er sich der Bodenständigkeit und pries seine geistige Schwitzhütte im Südschwarzwald als Zwingburg der Antiurbanität. In einem lyrischen Reflex listet Celan  bei seinem Auftritt im Sommer der Liebe Gegenstände im Arsenal der Verstiegenheit auf: „Arnika, Augentrost, der Trunk aus dem Brunnen mit dem Sternwürfel drauf.“ Der Dichter kontert die Kälte des Philosophen mit einer Art fiebrigen Kaltblütigkeit. Celan weiß, dass sich für Heidegger alles darum dreht, in einem Haus aus Lügen als großer Mann stehen zu bleiben. Dass einem überragenden Geist nichts Gescheiteres einfällt, erlebt Celan als Krux. Er spricht vom Kruden und sammelt Ungereimtheiten. Mit besseren Gründen, als Hannah Arendt sie formulierte, hätte Celan angesichts der seelischen Verstopfung Heideggers von der Banalität des Bösen sprechen können. Stattdessen nahm er es auf sich, Heideggers Reaktion auf „Todtnauberg“ unterkomplex zu finden.   

Todtnauberg

Arnika, Augentrost, der
Trunk aus dem Brunnen mit dem
Sternwürfel drauf,

in der
Hütte,

die in das Buch
– wessen Namen nahms auf
vor dem meinen? –,
die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute,
auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen,

Waldwasen, uneingeebnet,
Orchis und Orchis, einzeln,

Krudes, später, im Fahren,
deutlich,

der uns fährt, der Mensch,
der’s mit anhört,

die halb-
beschrittenen Knüppel-
pfade im Hochmoor,

Feuchtes,
viel.

Heidegger spielte den Enttäuschten. Enttäuscht zeigte er sich vom Nationalsozialismus, der die erhoffte Erneuerung nicht gebracht hatte. Mit diesem Mist kam er Augstein und dessen Schreibterrier Wolff bei dem als Verschlusssache bis zum Tod gehandelten Interview von 1966. Wolff konnte gewisse Fragen gar nicht stellen, ohne sich selbst in Frage zu stellen. Den Ex-SS- und SD-Führer qualifizierte Nazi-Insiderwissen als Augstein-Adlatus.

*

Bruno Latour beschreibt den Faschismus der 1920er und -30er Jahre als ein Amalgam von Traum & Technik. Die Protagonisten der faschistischen Keimzeit verbanden „die Rückkehr zu einer ver-dichteten Vergangenheit mit revolutionären Idealen und der industriellen Modernisierung“.  Der Faschismus blieb ein Produkt der Anstrengungen, im Takt der Moderne zu marschieren. Er wurde in den 1920er Jahren von Ernst Jünger als ein Kampf mit allen Mitteln gegen den augenblicklichen Bestand begriffen. Die Heidegger-Jünger-Kohorte wollte Tabula rasa machen in einer antimaterialistisch grundierten Annahme der Moderne. Einig war man sich in der Demokratieverachtung und dem Ekel vor der Weimarer Republik. Reaktionäre, die sich revolutionär fanden, schrieben Geschichte. Sie förderten den Faschismus, in dem sich nach ihren Begriffen eine von Alarich über Arminius bis Albion vor dem Ende des ersten christlichen Jahrtausends germanisch geprägte und in der Rezeption verkitscht erfundene und verklärte Vergangenheit mit einer fabelhaften Maschinenzukunft in Science Fiction Manier kreuzte. Der Faschismus brachte den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts in die römische Dimension – Weltherrschaft nach den Maximen einer Sklavenhaltergesellschaft. Der globale Herrschaftsvirus hatte sich in der Neuzeit nach der Reconquista mit dem Gold der Mayas und Azteken zuerst im Süden Europas ausgebreitet, dann den Westen infiziert und erst im späten 19. Jahrhundert Deutschland erreicht. Man wähnte sich an der Reihe.   

Kein Zweifel, dass Heidegger als pseudoweiser Schwarzwälder die Kollektivvision bei jeder Gelegenheit unterschlug. Offiziell war man als Seniordeutscher in den Sechzigern politisch verkatert und larmoyant.

Adorno, Eich, Richter

Die Kahlschlag-Poeten um Richter, der Celan abwürgte, produzierten nach Adorno nur "Müll".

Adorno erklärt 1967 die Virulenz des Faschismus mit einer paradoxen Reaktion. Deklassierte und von Deklassierung bedrohte Schichten mit einem bürgerlichen Selbstverständnis verweigern die Ablehnung jener kapitalistischen Kräfte, die sie bedrohen. Stattdessen suchen sie da ihre Feinde, wo ein Widerstand gegen den Kapitalismus Gestalt annimmt.

Zwar ermüdete der verlorene Krieg „die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus“, doch hob er sie nicht aus den Angeln.

Adorno analysiert den gleichermaßen neuen und alten Rechtsradikalismus vor dem Hintergrund monumental erstarrter Blöcke. Den Nationalismus der in den Blöcken eingeschlossenen Staaten rückt er in die Nähe von „Fiktionen“ angesichts „der untergeordneten Rolle“ einzelner Nationen. Doch gerade in dieser Inferiorität entfalte sich das ideologische Inferno sowie die dämonischen Dimensionen des Nationalismus.

Adorno exponiert sich verschärfende Gegensätze zwischen Stadt und Land – einer Ursache von Kriegen in der Zukunft. Besonders hervor hebt Adorno „den unbewussten Wunsch nach der Katastrophe“ als einem Vereinigungsphantasma. Der Deklassierte scheitert im Verein mit der Welt. Mit ihm gehen alle unter. Bis dahin sucht er völkische Einigkeit. Der politische Kompromiss erscheint ihm als „Verfallsnorm“.

„Der Antisemitismus hat die Juden überlebt“

Adorno bezeichnet den Antisemitismus als „Planke in der Plattform“ des Rechtsradikalismus. Er überlebt in gespenstischen Rationalisierungen und einer Anspielungskunst, die mit den Registern der Indizierung Katz und Maus spielt.

Adorno sieht im Verlust des imperialistischen Überbaus eine Ermattungsquelle. Wie weit auch immer die Verblendung reicht, sie erreicht den faschistischen Expansionsfuror vor Fünfundvierzig nicht. Der Redner endet mit einer Aufforderung zum Engagement.

„Wie diese Dinge weitergehen … das ist an uns.“

Da ist er wieder: der Appell an eine gegen den Antisemitismus in den Durchgängen der Herdenimmunisierung versicherte Zivilgesellschaft im Aktionsmodus. Der in jeder Hinsicht versprengte Celan möchte das Denkmal Heidegger abreißen und des Deutschen michelhaft-hohles Verhehlen dekonstruieren.  

Celan ist nicht nach Todtnauberg gekommen, um sich einen Bären aufbinden zu lassen.

Um an einer anderen Stelle neu anzusetzen.

Kunisch beschreibt Celan als Sohn eines „erfolglosen Mannes“ mit „großen zionistischen Überzeugungen“. Celan soll Medizin studieren. „Das Reich“ ist ihm verschlossen, als er 1938 nach Frankreich geht. Unterwegs passiert er die „Reichskristallnacht“ im Zug.

Ein Onkel nimmt ihn auf. Claire und Yvan Goll zeigen sich angetan. Ein Zerwürfnis beginnt als zärtliche Angelegenheit.  

Lyrische Reinigung

Paul Celan ist nicht begeistert von der Aussicht, das gärende Denkmal Martin Heidegger zu treffen. Celan liest zwar in Freiburg (ohne Mikrofon und ziemlich undeutlich), dazu hat er sich von den Germanisten Baumann und Neumann breitschlagen lassen, aber sein vornehmes Ziel ist Frankfurt, wo ihn sein Verleger Siegfried Unseld erwartet. (Mit verschränkten Armen vor seinem Jaguar. So stelle ich mir das gerade vor. Der alte Hitlerjunge als bundesrepublikanischer Gründervater und sein von den Knobelbecherveteranos der Gruppe 47 herabgesetzter Vorzeige-Gedächtniswahrer.)

„Hans Werner Richter … verwies Celans melodisches Vortragspathos … in die Synagoge und verglich es mit dem … Singsang von Joseph Goebbels.“

Der Antisemitismus bricht durch. Die Barbaren wollen den Schuldkuchen unter sich aufteilen. Ich sehe sie förmlich mit ihren Förmchen im Strategiesandkasten der Harmlosigkeit. Die Kahlschläger SS-Günter G., Möchtegern-NSDAP-Günter E*. und Alfred (wegen der Karriere lass ich mich von meiner jüdischen Frau scheiden) A. dem Sinn nach: Wir brauchen nur einen Marcel Reich-Ranicki. Den machen wir satt. Dafür exkulpiert er uns. In dieser Betrachtung irrlichtern Martin Walsers Mordphantasien (Siehe „Tod eines Kritikers“) und sein Keulen-Vortrag 1998 in der Frankfurter Paulskirche in jenem Spuklicht, das durch die Wirtschaftswunderruinen geistert und von Celan in Conrad’scher Ich habe das Grauen gesehen und es hört einfach nicht auf-Manier wahrgenommen wird.

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*Günter Eich stellte 1933 als Märzgefallener** einen Aufnahmeantrag und unterfiel dem Aufnahmestopp.

** „Politischer Opportunismus oder die vermeintlich notwendige Sicherung der familiären und beruflichen Existenz trieben Hunderttausende Märzgefallene in die Partei der Sieger. Die Führung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) sah sich daher gezwungen, am 1. Mai 1933 eine Aufnahmesperre in Kraft zu setzen.“ Quelle

G. Eichs „Inventur“ das Kahlschlag-Gedicht/Lyrik um den Preis der Poesie (mutierter Weyrauch)

Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.

Celan in Freiburg, Heidegger breitet sich in der Hotellobby aus

Celan schwankt zwischen kantig konturierter Ablehnung der verstrickten Paradeexistenz ohne Ach und Aber und einer gefühlten Nachbarschaft von Poesie und Philosophie. Kunisch rekommandiert nicht zu viel Saumseligkeit:

„Seit er Heideggers Sprache zum ersten Mal begegnet ist, liest Celan sie immer wieder mit Staunen.“

Aber auch:

„Er will diesem zwielichtigen Menschen mit dem Treffen keinen Persilschein ausstellen.“

Unvollendet und geheimnisvoll soll nach Kennerauffassung sein, was da dräut in der Lobby eines Freiburger Hotels zunächst. Jedenfalls will sich Celan nicht auf einem Foto mit Heidegger wiedererkennen. Der Zurückgewiesene reagiert lakonisch. Zu denken ist an Höckes Reaktion auf die Thüringer Handschlagverweigerung. Ich erinnere an das ausweichende Lächeln; die schamlose Attitüde. Dann eben nicht.

Die Aufnahme hätte einer Rehabilitation entsprochen. Deren eben nicht aus der Luft gegriffene Verweigerung entspricht einem Urteil des Überlebenden. Heidegger geht darüber hinweg. Dann eben nicht.

Im Roman ordnet Kunisch den Eklat der leicht herabwürdigend eingeführten Gattin des Germanisten Baumann zu. An anderer Stelle ist von einem Mann (Pressefotografen?) in dieser den Dichter aufschreckenden Rolle die Rede.

Hans-Peter Kunisch, „Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung“, Roman, dtv, 350 Seiten, 24,-

In Rückblenden leuchtet Kunisch die Vergangenheit seines Favoriten aus. Bereits 1943 stößt Celan auf Heideggers Werk. Die Spur wird heiß in Nachkriegsbegegnungen mit Ingeborg Bachmann. Diese beiden sehen sich in Wien und erkennen auf Gleichrangigkeit.

„Fünf Jahre jünger, ist (Bachmann) schon in einer Celan vergleichbaren Position:

Noch ohne Buch, aber von Erwartungen umgeben.“

Bachmann promoviert über und „gegen“ Heidegger. Nach ihren Begriffen stößt Heidegger nur scheinbar ins Unsagbare vor. In Wahrheit komme der Pseudopionier gegen Wittgenstein nicht an und über die Wolkenvokabular-Huberei eines Mythendreschers nicht hinaus. Berühmt wird Bachmann bald auf der ganzen Linie und so auch als Spiegel-Titelbildpersönlichkeit.

Celan steigt tiefer in den Brunnen. Er zieht „die Asche* ausgebrannter Sinngebung“

*von Millionen Menschen

in einen Kontext sprachlicher Offenbarungen; des Glaubens an die Vollkommenheit der Schöpfung unter den Lügen der Zeit; an lyrische Reinigungen einer kontaminierten Weltsicht.

Indem man zu einer ursprünglichen (naiven) Schau zurückkehrt, gewinnt man sich selbst auf der höchsten Stufe des Seins.

Kunisch verweist auf die rückgewandte Utopie, die diesem Denken Räume aufmacht – Echokammern des Entsetzens, die Celan durchschreitet, nicht ohne immer weiter Schaden zu nehmen; vor allem aber auch sentimental von dem Reaktionär getrennt.

Gauche du cœur

Celan ist ein Gefühlslinker, wie Kunisch darlegt. Trotzdem macht er kein Ende mit Heideggers Primeln.

Celan durchschaut den Philosophen als einen Nationalsozialisten, der sich verstellt und für die Zukunft faschistische Depots anlegt. Kunisch fasst Heidegger zusammen:

Die Philosophie des Nationalsozialismus habe mit ihren Nachkriegsinterpretationen nichts gemein. Heidegger besteht auf „innere Wahrheit und Größe dieser Bewegung“.

Hinzu kommt, dass da, wo Heidegger herkommt, der katholische Antisemitismus seit Jahrhunderten zuhause ist. „Im ländlichen Oberschwaben“ gehört die Judenfeindlichkeit zur richtigen Religion, so Kunisch.

Trotzdem nähert sich der weitgehend willkommene Celan dem komfortabel Verfemten auch mit schönen, ein gemeinsames Vergnügen evozierenden Gedanken. Ihm ist Heidegger lieber als die „patentierten Antinazis wie Böll und Andersch*“, die an ihren Verfehlungen nicht würgen.

*„Ich sehe, wieviel Niedertracht in einem Andersch oder Böll steckt.“

Kunisch erkennt nicht, wo Heidegger würgt. Der „weltberühmte Paria der universitären Philosophie“ wirkt vielmehr berechnend auf eine Verbesserung seines Rufs bedacht.

Vielleicht ist das der triftigste Grund, weshalb Heidegger zu Celan aufschließt und dabei so tut, als sei er der Konzertmeister und Celan ein vorspielender Geiger: um im deutschen Frühling von Siebenundsechzig noch einmal Auftrieb zu kriegen.