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21.03.2020, Jamal Tuschick

Intrusion

In meiner therapeutischen Arbeit berichteten Frauen immer wieder von den Folgen nach dem Erleben sexualisierter Gewalt. Aus traumatherapeutischer Perspektive konnte ich mit den Klient_innen vieles durcharbeiten.

Ein Gespräch mit Christine Freitag über ihre Untersuchung „Vergewaltigung. Psychotraumatologisches Grundlagenwissen ...“

Noch immer wird über Vergewaltigung in einem Zusammenhang mit Ehre und Schande gesprochen. Das stellt die Philosophin Christine Freitag in ihren existenzphilosophischen Überlegungen zur Notfallseelsorge fest.

Jede sexuelle Attacke erzeugt einen durchgreifenden Unfrieden, der als Anpassungsstörung diagnostiziert wird. Nach dem Schema Vermeidung, Überwältigung, Selbst- und Weltentfremdung wehrt die Angegriffene einen Zumutungshagel ab. Sie reißt oder gefriert.

Christine Freitag, „Vergewaltigung. Psychotraumatologisches Grundlagenwissen und existenzphilosophische Überlegungen für Notfallseelsorge und seelsorgerliche Begleitung“, Claudius Verlag, 242 Seiten, 24,-

Jamal Tuschick:

Wie bist Du zu diesem Thema gekommen?

Christine Freitag:

In meiner therapeutischen Arbeit berichteten Frauen immer wieder von den Folgen nach dem Erleben sexualisierter Gewalt. Aus traumatherapeutischer Perspektive konnte ich mit den Klient_innen vieles durcharbeiten, aber die individuellen Glaubensbezüge der Frauen blieben dabei stets unbeachtet. Dabei sind es gerade diese existenziellen Verflechtungen, die Aufmerksamkeit benötigen nach traumatischen Ereignissen, weil sie wichtige Ressourcen im Heilungsgeschehen sein können.

Jamal Tuschick:

Du beschreibst einen Vorgang vermeintlicher Re-Stabilisierung nach einem sexuell grundierten Angriff als „Scheinanpassung“. Das Opfer erlebt sich nicht mehr in der Realität seiner Verletzung, sondern befindet sich in einem nicht wahrgenommenen Ausnahmezustand. Kannst Du bitte den Leser*innen im Mainlabor diesen Prozess anschaulich machen?

Christine Freitag:

Typischerweise entwickeln Menschen, die belastenden Situationen ausgesetzt waren, Folgereaktionen. Betroffene versuchen mit dem Erlebten umzugehen, indem sie in einen emotionalen Abwehrmodus wechseln. Das bedeutet, sie verdrängen alle Erinnerungen und Gefühle, die mit dem Geschehen in Verbindung gebracht werden. Manchmal führt dies zur Wiederaufnahme ganz alltäglicher Tätigkeiten unmittelbar nach dem Schreckensereignis. Dieses Vermeidungsverhalten ist ein wichtiger Schutzmechanismus, damit sich Betroffene vor einer emotionalen Überforderung schützen können. Typisch für die ersten Tage und Wochen nach dem Ereignis sind aber auch Intrusionen. Darunter versteht man sich aufdrängende Gedanken und Erinnerungen, die nur schwer oder gar nicht kontrolliert werden können von den Betroffenen. Dieses Wechselspiel aus Vermeidung und Intrusion ist eine normale krisenhafte Folge auf unnormale Ereignisse und verlangt den Betroffenen viel Kraft ab.

Jamal Tuschick:

Nach einer Erhebung unter Frauen aus achtundzwanzig EU-Staaten, waren 2.8 Millionen Frauen vor dem fünfzehnten Lebensjahr wenigstens einmal sexualisierter Gewalt ausgesetzt. 1.5 Millionen Frauen waren bereits Opfer einer Vergewaltigung. 1.7 Millionen Frauen entkamen einer versuchten Vergewaltigung oder stimmten dem Geschlechtsakt nur aus Angst zu. Nur dreißig Prozent der Opfer suchten Hilfe. Wie erklärst Du diese Diskrepanz zwischen den Straftaten und ihrer Verfolgung? Gibt es ein gesellschaftliches Tabu, das gebrochen werden muss, um mit seinen traumatischen Erfahrungen im öffentlichen Raum sichtbar zu werden? Du erwähnst in Deiner Untersuchung sogenannte „Vergewaltigungsmythen“ und andere Opferschuld- bzw. Täterexkulpationsnarrative.

Christine Freitag:

Studien belegen, dass 99 Prozent der Sexualstraftäter männlich und 93 Prozent der Opfer weiblich sind. Daher wird in der Forschungsliteratur auch oft das Mann-Frau-Machtgefälle als Rahmenbedingung genannt, vor der sexualisierte Gewalt überhaupt stattfinden kann ("man-made-desaster"). Vor allem in phallokratisch strukturierten Gesellschaften, häufig in rigiden Religionsgemeinschaften, werden Frauen immer noch verantwortlich gemacht für die sexuelle Bedürfnisbefriedigung von Männern. Das hat zur Folge, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen kaum wahr- und ernstgenommen wird. Umgekehrt haben aber auch Frauen dafür zu sorgen, dass sie Männer nicht erregen, wenn sie kein Interesse an Sexualkontakten haben. Im Falle einer Vergewaltigung tendieren Frauen, die so sozialisiert wurden, dann dazu, sich aus Scham keine Hilfe zu holen, weil sie sich selbst immer eine Mitschuld am Geschehenen zuschreiben. Dabei hat auch der Gesetzgeber im Jahr 2016  mit der Neufassung des dreizehnten Abschnitts des deutschen Strafgesetzbuches (§174-184) den Schutz auf sexuelle Selbstbestimmung verbessert und Vergewaltigung als einen personalen Gewaltakt bestimmt. Und Selbstbestimmung meint immer, dass der Wille einer Person in den Mittelpunkt gerückt wird - daher gilt in jedem Fall: Eine Frau, die nein sagt, meint auch nein.

Jamal Tuschick:

Zum Schluss, ich bin an dem Wort „Psychohygiene“ hängengeblieben. Beschreibt das eine Strategie der Eigensicherung auf der Helfer*innenseite?

Christine Freitag:

Ja, Psychohygiene meint, dass sich Helfer_innen Strategien zulegen, die ihnen dabei helfen, die Betreuung gut für sich abzuschließen. Solche Strategien können freilich nicht vorgeschrieben werden, bekannt ist aus der Forschungsliteratur aber, dass vor allem Gespräche mit Kolleg_innen sehr hilfreich sind, damit ein guter Abschluss gefunden werden kann. Auch Sport, Schlaf, Erholung und alles andere, was normalerweise gut tut, kann helfen. Wichtig ist für Helfer_innen, dass sie sich schon vor den Einsätzen Gedanken darüber machen, welche Strategien geeignet sind für sie.

Individuelle Glaubensbezüge

Jamal Tuschick:

Liebe Christine, ich danke Dir. Mir fällt gerade noch was ein. Mit schwebte als Titel u.a. ein Wort aus Deinem Buch vor: „Individuelle Glaubensbezüge“. Möchtest Du etwas zu Deiner religiösen Selbstgewissheit oder zu Deiner Gottesgewissheit sagen? In einer paternalistischen Welt voller Gewalt ist es in jedem Fall eine individuelle Leistung, so hoffnungsstark zu sein.

Christine Freitag:

Ich habe mit Gott lange gehadert. Die westliche Theologie, die durchgehend einer männlichen Logik folgt, war abschreckend und befremdend für mich. Erst die Auseinandersetzung mit einer feministisch orientierten Theologie ließ mich aufhorchen. Dort fand ich einerseits durch die Perspektive einer selbstbestimmten Marienfigur eine weibliche Instanz, mit der ich mich identifizieren konnte. Andererseits ist Gott für mich nicht mehr der dominante, weltbeherrschende Schöpfer, der den Mann privilegiert hat, vielmehr ist er für mich ein freiheitsgebender, liebender Begleiter geworden, der Frauen viel mehr zutraut, als es Männern lieb ist.

Geheuchelte Normalität und Scheinanpassung

Die Vermeidung von Erinnerungen induziert eine Gefühlsblockade. Die Opfer negieren das Geschehen. Um sich das psychische Gleichgewicht auf einer labilen Basis zu garantieren, werden „Reize, die an die Vergewaltigung erinnern, vehement verdrängt“. „Dieses Verhalten macht es möglich, dass die … Vergewaltigung … sogar Nahestehenden … verschwiegen werden kann.“

Inès Bayard beschreibt in „Scham“ eine typische Vergewaltigungsfolge, die mir zunächst wenig plausibel erschien, von Christine Freitag jedoch bestätigt wird.  

Bayards Zentralfigur Marie Campan verändert nach einer Vergewaltigung, die sie ihrem Mann Laurent verschweigt, die Beziehungskoordinaten, ohne sich zu den Vertragsänderungen einzulassen. Marie schließt ihren Gatten in den Schuldturm ein, der dem Vergewaltiger, einem Vorgesetzten, vorbehalten bleiben sollte.

Der Vergewaltiger hat das Ehepaar Campan geschändet, doch nur Frau Campan kann die negativen Ausschläge im Schlepp der Tat empirisch begreifen. Laurent machen die Veränderungen ratlos. Seine von keiner Sonne der Empathie beschienene Ratlosigkeit deutet an, dass er sich im Seelenhaushalt seiner Frau nicht gut auskennt. Marie ist dem erfolgreichen Anwalt als Vermögensberaterin lange passend genug erschienen. Er sieht sich selbst auf dem Sprung, den Status Double Income no Kid zu relativieren. Man „arbeitet“ an der Vergrößerung der Familie mit ungleich verteilten Lasten.

Marie erträgt Laurent nicht mehr. Das verhehlt sie ihm (so lange wie möglich). Sie heuchelt Normalität. Christine Freitag bestätigt den Kurs, der sich aus Verdrängung und Vermeidung so ergibt, dass das Opfer „relativ rasch in die Alltagsroutine zurückfindet“, ohne da je wieder heimisch zu werden.

In der Scheinanpassung manifestiert sich „die mangelnde Erinnerungsfähigkeit“ als psychischer Schutzschirm.

Jamal Tuschick:

Ines Bayard beschreibt in ihrem Roman „Scham“ den ehelichen Friedensverlust in quälenden Szenen. Die Szenen illustrieren auf eine vermutlich nicht kalkulierte Weise den Augustinischen Ehebegriff, der in einer Zusammenführung antagonistischer Positionen mündet. Die Überschreitungen der Grenzen von Keuschheit und Moral in diesem Kontext folgen einer Kündigung nüchterner Übereinkünfte. Sie führen in die tristeste Verzweiflung. Irgendwann besteht das Paar aus Getrennten, die sich mehr oder weniger ungewaschen Pornofilme anschauen. Die von ihrem Chef vergewaltigte Marie wirft ihrem Mann Laurent vor, sie nicht zu kennen (sie nicht gekannt zu haben, als sie noch jemand war). Die Vergewaltigung offenbart nebenbei den gähnenden Krater der aller konventionellsten Gleichgültigkeit. Kehrt man von den Romanturbulenzen zu Foucault zurück, erkennt man die historische Wurzel des anteilnehmenden Unverständnisses. Das Unverständnis rührt von einer Diskretion und einem Takt aus den Jahrtausenden arrangierter, auf Besitzstandswahrung und Fortsetzung der Familie begründeter Ehen. Ist es nicht auch so, dass die Vergewaltigung das in einer guten Ehe gewahrte Geheimnis der Gattenfremdheit (als Voraussetzung erwachsener Zweisamkeit) zerstört?

Christine Freitag:

Wenn du mit Geheimnis der Gattenfremdheit die Levinassche Formulierung "den Anderen als Rätsel verstehen" meinst, dann stimme ich dir teilweise zu. Ein traumatisches Ereignis -und insbesondere eine Vergewaltigung- ist immer eine wahnsinnige Belastungsprobe für ein Liebespaar, daher freilich auch mit einer Abflachung der Beziehungsintensität verbunden. Trotzdem kann aber gerade eine Beziehung zwischen Liebenden ein exklusiver Heilungsraum werden: Der Verlust der Verbundenheit kann bearbeitet werden, wenn die Qualität der Beziehung in den Mittelpunkt gerückt wird. Dabei geht es nicht um das Mitteilen von Details, sondern um die Arbeit an der Liebesfähigkeit beider Partner. Denn gerade jetzt hat die Betroffene es verdient, geliebt zu werden. Und wenn offenbar wird, dass nicht nur die Frau, sondern beide -in jeweils unterschiedlichen Weisen- betroffen sind, dann kann langsam auch wieder ein gemeinsam geteilter Raum wachsen.

Aus der Vorschau

Nur ein Drittel der Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, sucht professionelle Hilfe. Der häufigste Grund für Schweigen ist Scham. Noch immer lastet die Gesellschaft den Betroffenen häufig eine Mitschuld am Verbrechen an. Dieses Buch will das Erleben und die Auswirkungen einer Vergewaltigung sichtbar machen, um Seelsorgerinnen und Seelsorgern die Chance zu geben, die Gefühlslage einer betroffenen Frau zu verstehen und ihr konkret und individuell passende Hilfe anzubieten. Es ist aber auch eine Handreichung für diejenigen, die sich (noch) nicht an Hilfseinrichtungen wenden wollen.

Christine Freitag ist Philosophin und Religionswissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre in der Krisenintervention gearbeitet und lebt mit ihrer Familie in Graz.

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