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22.03.2020, Jamal Tuschick

Leere Bühne

„Melancholie des Reisens“ - Michael Roes begreift Aden als leere Bühne. Es gibt keinen, der in dieser glühenden Schlucht die Kraft hat, in einem Drama aufzutreten.

Auf dem Kratergrund

Fast elf Jahre verbringt Rimbaud in „der Winterhauptstadt“ des Jemens. Der Expatriierte verflucht Aden als „scheußlichen Felsen“. Er beklagt die Hitze und entbehrt Gras und „gutes Wasser“. Sein Überleben hängt von lauter technischen Vorgängen ab, wie etwa der Destillation von Meerwasser. Er lässt sich eine Fachbibliothek mit Abhandlungen über Schiffbau und artesische Brunnen“ schicken.

Er versachlicht und entschlackt sich. Den Künstler Rimbaud schickt er zum Teufel, ohne ihn loszuwerden. Daran erinnert Michael Roes in Aufzeichnungen aus dem Jahr 2009. Der Autor sieht sich in Aden um.

Michael Roes, „Melancholie des Reisens“, Schöffling, 531 Seiten, 28,-

Das älteste Quartier füllt einen Vulkankrater aus.

„Man sieht und berührt nichts als Lava und Sand.“

Das Heer der Obdachlosen

Roes begreift die Stadt als leere Bühne. Es gibt keinen, der in dieser glühenden Schlucht die Kraft hat, in einem Drama aufzutreten. Der Reisende steigt dahin auf, wo Geflüchtete campieren, deutlich abgesetzt von den Eingesessenen auf dem Kratergrund. „Schreiender Armut“ zum Trotz kommen Menschen aus Somalia, Eritrea und dem Sudan in den Jemen. Ihr Ziel gleicht der Endstation vor Kopf einer Sackgasse.

Auf der Haut kristallisiert das Meerwassersalz. Man glitzert und riecht wie ein gestrandeter Fisch im ersten Verwesungsstadium. Das geht jetzt wieder zu weit. Roes geht den Fehldeutungen der Beziehung zwischen Rimbaud und Verlaine nach. 434.500 Euro war einem Liebhaber der Revolver wert, mit dem Paul Verlaine im Sommer 1873 in Brüssel zwei Schüsse auf Rimbaud abfeuerte.

Selbst der Revolutionär Rimbaud verkleidete den Beziehungsexzess heteronormativ. Seine katholische Prägung setzte sich letztlich durch.

Kabul

Die Bundeswehr bietet ein Sicherheitstraining für Leute an, die es wissen wollen. Der korrekte Verhaltenskorridor ist schmal. Roes erlebt Landsleute als halbe Kinder in Uniform. Er fragt sich, was sie sehen in ihren Panzern, die vor den Wracks sowjetischer Panzer in einen narrativen Zusammenhang geraten.

Die Stadt atmet eine Geschichte der Zerstörung. Sie ist voller Geflüchteter, die in Kabul nicht fremder sind als Roes. Als Komplementär wirkt Pasolini. Wenigstens in einigen Stimmungen teilt Roes mit ihm „ein Lieben ohne Erkennen“.

Roes philosophiert über das Reisen. Er bedenkt seine Motive. Er trifft Feststellungen:

„Der wahre Reisende ist ein eher schweigsamer Mensch.“

„Nur zu Fuß lernt man einen … Ort kennen.“

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