MenuMENU

zurück zu Main Labor

22.03.2020, Jamal Tuschick

Solotanz im Spiegelsaal des Selbst

Eingebetteter Medieninhalt

„Arthur (Galleij) kennt niemanden, der eine Blutspur so konsequent übersehen kann wie der Therapeut … Konstantin Vogl“, genannt Börd. Der promovierte Bewährungshelfer ist aus dem Himmel von Academia gefallen und hart auf den Asphalt eines gesellschaftlichen Randbezirks geschlagen. Arthur rechnet Börd zu jenen Akteuren der Rechtspflege, die Delinquenz vor allem als Kontrollverlust interpretieren. In Therapien, die so nicht genannt werden dürfen, weil trotz des Titels Voraussetzungen fehlen, erarbeiten solche Rückfälligkeitsvereitler*innen nach dem Starring-Prinzip eine „Optimalversion“, die den Gefährdeten im Rehabilitierungsrausch auf den Klippen der Legalität halten sollen. Die Fama suggeriert einen Solotanz im Spiegelsaal des „ureigenen Selbst“.

Das ist wenigstens schön gedacht und dem wegen Internetverbrechen verurteilten Helden in Birnbachers neuem Roman nicht unlieb.

Birgit Birnbacher, „Ich an meiner Seite“, Roman, Zsolnay Verlag, 267 Seiten, 23,-

Arthur gerät in einen Strudel der Maßnahmen. Alles geschieht zu seinem Wohl: als sei er in Wahrheit ein Rekonvaleszent und nicht bloß ein entlassener Sträfling, der das Glück hat, nur eine Verurteilung zugeben zu müssen.   

Da gibt es eine Geschichte, die Arthur gar nicht kennt. Sein Erzeuger, der Armeetaucher und Campingplatzwart Ramon, wandte sich einst von Arthurs spröder Mutter Marianne ab, um die Tankstellenkassiererin Jean zu freien; da er Jean so viel entgegenkommender fand als die eigenköpfige M.

Sechsstöckige Häuser im Vierkant

Arthur erinnert das Glück, nicht nur in der Eisenbahnersiedlung von Bischofshofen im Salzburger Land, sondern auch im andalusischen El Rocio „vierzig Kilometer außerhalb von Jerez de la Frontera“ aufgewachsen zu sein; gemeinsam mit Bruder Klaus; einem zuverlässigen Absolventen des Standardprogramms.

Klaus hält sich an das Erwartbare auch als rüde Pubertierender. Er erfüllt die Erwartungen jener, die Ansprüche anmelden.

Klaus funktioniert als Glied in der Generationenkette, während sich Arthur zum Ausscheren genötigt sieht.

Arthur ist seiner Andersartigkeit gegenüber machtlos.  

Birnbacher schaltet immer wieder zurück in den Vergangenheitsgang. Dann sieht der Leser einen Ausgangspunkt hier und eine flott-finale Drehung da. Plötzlich und unerwartet spielt Georg als Mariannes „Lebensabschnittspartner“ eine bedeutende Rolle im Familienensemble. Sein Wort gilt im freundlich übernommenen Wohnzimmer. Mit fremdenfeindlicher Energie treibt er die Familie nach Spanien. Er migriert nicht zuletzt wegen der bosnischen Türken auf dem „Abstandsgrün“ zwischen den Waschbetonbunkern.  

Marianne und Georg ziehen ein Sterbe-Resort auf. Arthur begegnet darin der unruheständigen Schauspielerin Grazetta. Sie ist gekommen, um zu gehen. Doch der Tod will von ihr noch lange nichts wissen. Grazetta übernimmt Aufgaben in Arthurs Leben.

Anpassung als Intervention

Der „Leise Arthur“ erzieht einen Kongenialen zum Freundfeind. Princeton, „manipulativ, aber nicht hinterfotzig“, erscheint brillanter, ist aber nicht rundum versichert gegen Arthurs forciert blassen Supersmooth Style.

„Dünn wie eine Fliege, schwer wie ein Stein“, ist Arthur in seiner ungeschmückten Selbstgewissheit. Milla, Tochter eines Pharmamoguls, komplettiert den Bund. Gemeinsam fahren sie aufs Meer hinaus. Die Ereignisse überschlagen sich.

Aus der Ankündigung

Arthur, 22, still und intelligent, hat 26 Monate im Gefängnis verbracht. Endlich wieder in Freiheit stellt er fest, dass er so leicht keine neue Chance bekommt. Ohne die passenden Papiere und Zeugnisse lässt man ihn nicht zurück ins richtige Leben. Gemeinsam mit seinem unkonventionellen Therapeuten Börd und seiner glamourösen Ersatzmutter Grazetta schmiedet er deshalb einen ausgefuchsten Plan. Eine kleine Lüge, die die große Freiheit bringen könnte ... Humorvoll und empathisch erzählt Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher davon, wie einer wie Arthur überhaupt im Gefängnis landen kann, und geht der großen Frage nach, was ein „nützliches“ Leben ausmacht.

Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Soziologin und Autorin in Salzburg. 2016 erschien ihr Debütroman "Wir ohne Wal", sie wurde u. a. mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung, dem Rauriser Förderungspreis und dem Theodor Körner Förderpreis ausgezeichnet. 2019 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis.