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23.03.2020, Jamal Tuschick

Besonders gelungen finde ich die Geschichte „Die Zeit ist ein Einweck-Gummi. Sie ist ohne Anfang und Ende“ von Alissa Walser. Die Autorin nutzt die Vorgabe zu einem kunstvollen Arrangement in der Manier eines Prosagedichts. Erzählt wird von Leuten im Verborgenen, die am liebsten einen Frieden aus dem Hut zaubern würden; tatsächlich aber vor den Wirkungen eines Krieges auf der Hut sein müssen.

Ein wichtiger Vorstoß: Das erste Buch mit literarischen Geschichten in Einfacher Sprache

Zeit ohne Ende

Mit Geschichten von Alissa Walser, Anna Kim, Arno Geiger, Henning Ahrens, Jens Mühling, Judith Hermann, Julia Schoch, Kristof Magnusson, Maruan Paschen, Mirko Bonné, Nora Bossong, Olga Grjasnowa und Ulrike Almut Sandig.

Kristof Magnusson erzählt vom Glück, eine Wohnung für sich allein zu haben, nach der obligatorischen Wohngemeinschaftszeit. Nun möchte der Erzähler die Tür hinter sich zu machen können, ohne von den Erwartungen anderer gehemmt zu werden. Magnusson beschreibt im Gegenlicht der Vereinzelung Schwierigkeiten des halbwegs unverbindlichen Zusammenlebens mit Leuten, die einen auf engstem Raum unentwegt zu Arrangements zwingen.

Hauke Hückstädt (Herausgeber), Alissa Walser, Anna Kim, Arno Geiger, „Lies. Das Buch. Literatur in einfacher Sprache“, 288 Seiten, 18,-

Magnusson klimpert auf dem Klavier der Armut und der Ambivalenz. Kaum fasst der Erzähler sein Glück, wird es ihm auch schon zu wenig. Sein Schöpfer macht es dann auch noch spannend. Mir gefällt aber der stille Einstieg am besten. Ein Fünfundzwanzigjähriger findet in Frankfurt am Main eine bezahlbare Wohnung mit Fußbodenheizung und großen Fenstern. Er muss nur zwei Minuten laufen bis zur Zeil. Er kann gehen, wohin er will. Auf den Straßen begegnet seiner Aufmerksamkeit nichts Böses. Kaum, dass er bemerkt wird: der junge Mann in Mainhatten.

*

Anna Kims Heldin heißt Frau Kleinau. Sie ist supermittig; ein Maßstab für den Durchschnitt. Solange man jung ist, findet man das Durchschnittliche erbärmlich. Ältere wissen jedoch, die Fähigkeit, sich schnittig zu halten, setzt Exzellenz voraus. In jedem Daseinsabschnitt knicken Kandidat*innen weg, weil ihr Limit erreicht wurde. Dann ist das Spiel aus. Bis dahin geht Frau Kleinau auch gern im Schlosspark spazieren. Ein Bach durchquert die Anlage.

Auch Kims Versuch der Einfachheit zeigt, wie schwierig es ist, der Vielschichtigkeit des Sozialen mit einfachen Worten gerecht zu werden. Die alljährlichen Produktionen der Schülerschreibwerkstätten zeigen stets aufs Neue, dass die bloße Selbstermächtigung oder das angeregte Schreiben keine tragfähige Grundlage in schlichten Formulierungen haben. Es gilt etwas Zwanghaftes zwischen unterkomplexer Realitätserfassung und verkehrt-komplizierter Darstellung. Ich habe das einfache Stück, die tadellose Prosa in der Konsequenz einer redlichen Gegenständlichkeit nie gesehen. Die von der Vorgabe eingehegten Berufsschriftsteller*innen werden als Schlichtschreiber*innen zu Schreibschüler*innen. Sie vergessen in der Bewältigung, das Formerzwingung nichts Äußerliches ist und eine Autorin nicht einfach so nach dem Inhalt greifen kann: wie nach einer gefrorenen Scholle im Kaltlager.

Besonders gelungen erscheint mir die Geschichte „Die Zeit ist ein Einweck-Gummi. Sie ist ohne Anfang und Ende“ von Alissa Walser. Die Autorin nutzt die Vorgabe zu einem kunstvollen Arrangement in der Manier eines Prosagedichts. Erzählt wird von Leuten im Verborgenen, die am liebsten einen Frieden aus dem Hut zaubern würden; tatsächlich aber vor den Wirkungen eines Krieges auf der Hut sein müssen.  

Aus der Vorschau

Gar nicht so leicht, es einfach zu machen. Literatur muss nicht kompliziert, verrätselt oder wortgewaltig sein, um ihre Wirkung zu entfalten. Wie man sich in der Wahl der Mittel beschränken und doch überraschend vielseitig, vielschichtig und abwechslungsreich sein kann, zeigen diese fünfzehn Geschichten. Entstanden unter dem Eindruck, dass die zeitgenössische Literatur mittlerweile große Kreise kaum noch erreicht, hat Hauke Hückstädt ausgezeichnete Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen, einfach zu schreiben und vorzulesen. Als Summe erfolgreicher Veranstaltungen präsentiert er diese Geschichtensammlung, die sich allen und für alles öffnet. Ein abenteuerliches Leseerlebnis!

Hauke Hückstädt, geb. 1969 in Schwedt/Oder, siedelte 1984 nach Hannover über, machte dort eine Lehre zum Tischler und schloss nach Abitur und Zivildienst 1999 das Studium der Germanistik und Geschichte an der Leibniz Universität Hannover ab. Von 1995 bis 2001 war er im Leitungsteam der Veranstaltungsinstitution Literarischer Salon Hannover tätig, schrieb Literaturkritiken für Radio und Zeitungen, veröffentlichte Gedichte, Übersetzungen, Aufsätze, Porträts, Reden und Essays. Im Sommer 2000 war er Assistent der Programmleitung Wörter:Welt im Deutschen Pavillon auf der EXPO 2000. Von Oktober 2000 bis April 2010 war er Geschäftsführer und Programmleiter der Veranstaltungsinstitution Literarisches Zentrum Göttingen e. V. Seit 2004 erhielt er in loser Folge Lehraufträge der Georg-August-Universität Göttingen sowie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main zu Themen der Gegenwartspoesie und Literaturvermittlung. Im September 2008 war er als 1. Artist in Residence an der Universität Nanjing in China tätig. Seit Juli 2010 ist er Leiter des Literaturhaus Frankfurt am Main e. V. Hückstädt lebt in Frankfurt am Main, ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.