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24.03.2020, Jamal Tuschick

Die Ratlosigkeit der Tiere

Wir haben jetzt viel Zeit. Wir sehen uns in der Lage um, die Boccaccio im „Decamerone“ schildert. Der Autor machte ein Landhaus vor Florenz zum Schauplatz einer Begegnung Heimgesuchter anno 1348. Sieben Frauen und drei Männer sind vor der Pest in die florentinischen Hills geflüchtet. Angehoben von Sommerfrische-Empfindungen und gedämpft von Angst stellen sie die Gegenwärtigkeit eines schrecklichen Todes in den Glanzschatten der Erzählkunst. Der italienische Literaturvorsprung ergibt sich aus dem Einschluss schwerwiegender Bedrückung und altem Wissen. Die Pest gebar die Neuerer der Renaissance auf einem römischen Feldbett.

Friedrich liebt Almas Michaelis-Raute als besonders schöne Stelle.

Eingebetteter Medieninhalt

In einem verfilmten Traum fasst ein aztekischer Priester auf dem Spitzplateau einer Pyramide durch den Panzer eines verlorenen Konquistadors und entreißt mit bloßer Hand der Brust das Herz. Ebenso stark beginnt Valerie Fritschs Roman „Herzklappen von Johnson & Johnson“. So lebensecht gemalt sind die Weintrauben als zeitgenössischer Hirsch an einer Wand der Wohnzimmerkathedrale, dass Vögel durch die offenen Sommerfenster einfliegen und die Leinwand ernten. Für die alleingelassene, von Geburt an energische Alma wird die Ratlosigkeit der Tiere zum Schlüsselkinderlebnis.

Alma zählt zu jenen, die Lebenslücken anachronistisch werden lassen, indem sie sie ausfüllen. Sie erwartet das Jetzt: eine der Zukunft gewachsene Gegenwart für sie persönlich. (Die Zukunft gehört jenen, die sie kommen hören: so lautet ein Motto des Romans.) Ab der ersten Seite besteht kein Zweifel daran, dass Alma die Schritte hört.

Valerie Fritsch, „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Roman, Suhrkamp, 174 Seiten, 22,-

Sie bemerkt:

Der Vater schützt sich mit Dankbarkeit. Die Mutter wehrt sich mit Schweigen. Sie putzt vor, um die Putzfrau zu beeindrucken. Die schmallippige Kontrollsucht gehört zur Tagesform. Alma lernt die Mutter als „Irre im Nachthemd“ noch einmal anders kennen.

Die Tochter läuft sich warm in mütterlicher Wäsche. Im nächsten Augenblick ist sie „gerade noch jung“. Sie fällt einem Mann so zu wie er ihr. Friedrich Gruber wirkt wie das Abschlussmodell am Ende aller Baureihen. In ihm nistet die Gattungskatastrophe und sogar der Abbruch des Irdischen in seiner Totalität.

Das ist natürlich weiter nichts als eine Projektion der Braut. Ich widme mich ihr, weil sich in ihrer Umgebung Feste feiern lassen. Alma und Friedrich verweigern dem Schicksal das Recht, ihr Verhältnis zu adeln. Der stumpfeste Zufall soll Heiratsmakler gespielt haben. Obwohl so manches zu Tal gefahren wird, vor allem jedoch Almas steiles Ankommen in der Welt, kriegt die Konstellation gleich wieder einen Hyperdreh, indem der triste Friedrich zum delikat-leptosomen Heiland des Weltendes hochgejazzt wird.

Bitte verstehen Sie die Einlassung nicht als Einwand. Fritsch erzählt in bester Laune zum Frommen des Auditoriums. Wir haben jetzt viel Zeit. Wir sehen uns in der Lage um, die Boccaccio im „Decamerone“ schildert. Der Autor machte ein Landhaus vor Florenz zum Schauplatz einer Begegnung Heimgesuchter anno 1348. Sieben Frauen und drei Männer sind vor der Pest in die florentinischen Hills geflüchtet. Angehoben von Sommerfrische-Empfindungen und gedämpft von Angst stellen sie die Gegenwärtigkeit eines schrecklichen Todes in den Glanzschatten der Erzählkunst. Der italienische Literaturvorsprung ergibt sich aus dem Einschluss schwerwiegender Bedrückung und altem Wissen. Die Pest gebar die Neuerer der Renaissance unter einem römischen Baldachin.

Friedrich liebt Almas Michaelis-Raute als besonders schöne Stelle über den „Dellen der Oberschenkel“. Gemeinsam haben sie Sex bis zur Benommenheit, aber auch das Glück, das durch manche Fernbeziehung geistert.

Dann kommt Emil ins Spiel. Er ist wieder so ein Autonomer wie Alma ursprünglich befremdlich selbständig war. Sein Unique Selling Point ist die Schmerzlosigkeit.

„Narben sind die Medaillen des Lebens.“ E. Hemingway

Mit neun schmückt ihn ein „Veteranenkörper“. Auf Fotos sieht man ihn „bandagiert wie ein Boxer“. Er badet in dem Drachenblut seiner Unempfindlichkeit.

Emil marschiert durch Glastüren und lässt sich das Blut auf die Zungen tropfen. 

Mir gefällt, dass nicht jeder dritte Satz darauf verweist, wie gefährlich es ist, keinen Schmerz zu empfinden.

Für die Normalität, die Alma ihrem Sohn ermöglicht, bezahlt sie mit ihrer Grandezza. Sie rettet ihr Kind aus einem Instinkt, der sie selbst nicht schützt. Alma existiert genauso ohne Alarm wie Emil.

Das muss man sich klarmachen. Beide fahren bei Rot über die Ampeln.

Aus der Vorschau

Alma und Friedrich bekommen ein Kind, das keinen Schmerz empfinden kann. In ständiger Sorge um ihren Jungen, ist es vor allem Alma, die ihn unaufhörlich auf körperliche Unversehrtheit kontrolliert. Jeden Abend tastet sie das Kind ab, um keine Blessur zu übersehen. Und nichts fürchtet die junge Mutter mehr als die unsichtbare Verletzung eines Organs, die ohne ein Zeichen bleibt. Halt findet Alma bei ihrer Großmutter, die jetzt, hochbetagt und bettlägerig und nach lebenslangem Schweigen, zu erzählen beginnt: vom Aufwachsen im Krieg, von Flucht, Hunger und der Kriegsgefangenschaft des Großvaters. Mit dem Kind auf dem Schoß, das keinen Schmerz kennt, sitzt Alma am Bett der Schwerkranken, die sich nichts mehr wünscht, als ihren Schmerz zu überwinden. Und in den Geschichten der Großmutter findet sie eine Erklärung für jene scheinbar grundlosen Gefühle der Schuld, der Ohnmacht und der Verlorenheit, die sie ihr Leben lang begleiten.

Wie wird ein Kind zum Menschen, zu einem mitfühlenden sozialen Wesen, wenn es die Verwundbarkeit nicht kennt? Wenn es nicht versteht, wie sehr etwas wehtun kann? In eindringlichen Bildern erzählt Valerie Fritsch von einem Trauma, das über die Generationen weiterwirkt, sie lotet die Verletzlichkeit des Menschen aus und fragt nach dem Wesen des Mitgefühls, das unser aller Leben bestimmt.

Valerie Fritsch © Jasmin Schuller

Valerie Fritsch, 1989 in Graz geboren, wuchs in Graz und Kärnten auf. Nach ihrer Reifeprüfung 2007 absolvierte sie ein Studium an der Akademie für angewandte Photographie und arbeitet seither als Photokünstlerin. Sie ist Mitglied des Grazer Autorenkollektivs plattform. Publikationen in Literaturmagazinen und Anthologien sowie im Rundfunk. 2015 erschien Winters Garten im Suhrkamp Verlag. Sie lebt in Graz und Wien.

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