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27.03.2020, Jamal Tuschick

„Quarantäne bedeutet auch geteilte Geborgenheit: Wohl dem, der Dach, Kühlschrank und Internet hat – und am besten auch noch einen Schreibtisch, mit dem die Gedanken überall hinfliegen können.“ Aus der FAZ

Suizidale Tauben

Sie spricht von „deinem Vater“, als wäre er nicht auch ihr Mann gewesen. Er liegt auf einem Friedhof mit einer Vergangenheit als besserer Schindanger. Da bleibt manches im Dunkeln in einem Verhältnis armer Leute, zu dem Lois als Tochter aufschließt, ohne je richtig Anschluss zu finden.

Eingebetteter Medieninhalt

Ab und zu entgeht er den Einhegungsstrategien. Dann entweicht der in einem zeitgemäß akkurat frisierten Liebhaber entmündigte und stationär behandelte Patriarch und flattert noch einmal als Irrer im Nachthemd (alter weißer Mann) um die Ecken der Anstalt.

Der Wicht besteht auf etwas aus dem Urwald von gestern.

„Er spricht plötzlich sehr energisch, dabei zittert seine Stimme.“

Lois hält dagegen, glaciert von einer Verwunderung ob der eigenen, unvertrauten Verve:

„Nur indirekt betrifft es dich, wenn ich dich betrüge.“

Paulina Czienskowski, „Taubenleben“, Roman, Blumenbar, 206 Seiten, 20,-

Der Zurechtgestutzte packt gedanklich ein. Er verlegt sich aufs Bier-Exen.

Schaum tritt über den Rand. Man geht in einer Kneipe zum Streit über: mit aus der Luft gegriffenen Argumenten, deren plötzliche Plausibilität den Akteuren Rätsel aufgeben könnte. Aber nicht jetzt.

Aus dem Zusammenhang einer Rezension gerissen:

„Wie kaum jemand anderes fängt Paulina Czienskowski das Lebensgefühl der Generation Y zwischen Anxiety, Sinnsuche, vermeintlicher Liebe als Ersatzreligion und der ständigen Beschäftigung mit sich selbst ein.“

Generation Y (kurz Gen Y) klemmt zwischen den X & Z-Kohorten. Erinnert sich noch wer an die X-Koordinaten? In Douglas Couplands erstem Roman „Generation X“ tauchen sie als Earth Tones auf. Den Eltern der Earth Tones war der amerikanische Traum zum Fetzen geraten. Ihre Deklassierung ertrugen sie in batikbunten Kostümen.

Die Eltern verwandten ihre Kreativität auf Weltanschauungstheater, das ihre Chancenlosigkeit kaschieren sollte.

In Couplands zweitem Roman, „Microsklaven“, spielen Armutssubkulturen keine Rolle. Es geht nun um Geeks, die für Bill Gates oder bei Nintendo arbeiten. Geeks träumen davon, mit ihren Rechnern sprechen zu können.

„Geek impliziert Geld“, schreibt Coupland. Geeks vergleichen sich mit Rechnern. Sie beschreiben sich als „menschliche Festplatten“.

„Mir wurde klar, dass die Menschen voll mit Bazillen und Viren sind, genau wie ein extrem vollgestopfter Quadra. Wir sind alle zweibeinige Terrarien.“

Die Könner stellen sich der Frage: „Was, wenn der Rechner doch sein eigenes Unbewusstes hat?“

Paulina Czienskowskis Y-Repräsentantin ist mehr Nörglerin als Nerd. Ein Seitensprung bestimmt den Kurs der Handlung.

Aus der Ankündigung

Als Lois nach einem One-Night-Stand auf das Ergebnis eines Bluttests wartet, entgleitet ihr ein Leben, das plötzlich nicht mehr tragfähig erscheint: Sie rüttelt an ihren Festen, hinterfragt bestehende Strukturen, zweifelt und sucht die Auseinandersetzung mit der abweisenden Mutter, die über den frühen Tod des Vaters nie hat sprechen wollen. Zwischen Zartgefühl und Ekstase, Handeln und Denken, Einsamkeit und Nähe erzählt Paulina Czienskowski von einer Protagonistin, die mit unsicherem Gang und großer Sensibilität nach dem eigenen Lebensweg sucht.

Lois trägt schwer an dem Erlebnis. Obwohl sie weiß, dass gewohnheitsmäßiger Betrug die Kernbeziehung anheben kann. Dann funktioniert der Hauptmann wie ein Totalisator, an dessen Schalter sich das in der Affäre erworbene Insiderwissen auszahlt.

Eine überraschende Gesprächswendung trennt Lois von dem Betrogenen. Nach einer letzten gemeinsamen Nacht ist die Zeit gekommen, das Leben an einem Ort, wo sich der Barmann wie in einem Film fühlen kann, zu feiern, bis erst die Tränen fließen, bevor sich „ein Kennenlernen zum Spektakel des Schicksals stilisieren“ lässt.

Lois nimmt eine Auszeit: zwar in einem fremden Bett, doch in der eigenen Stadt. „Besser hätte es nicht kommen können.“

Paulina Czienskowski © William Minke

Paulina Czienskowski ist freie Journalistin und Autorin. Sie lebt in Berlin, dort ist sie auch geboren und aufgewachsen. Sie hat in den USA und in Paris gelebt und in einer kleinen Stadt in Deutschland studiert, bevor sie für ein Volontariat an einer Journalistenschule zurück in ihre Heimat kehrte. „Taubenleben“ ist ihr erster Roman.

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