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28.03.2020, Jamal Tuschick

„Die Existenz des Menschen ist ein Nachteil für alle anderen Lebensformen.“ Carl Safina

Kichernde Eichhörnchen

Von einer „katastrophalen Dramatik des Weltgeschehens“ sprachen sie schon vor Corona. Sibylle Berg befragte Wissensgroßmeister*innen.

„Wir haben die Gewalt gegen Frauen so normalisiert, dass es fast unmöglich ist, zu erkennen, dass es sich schlicht und ergreifend um Terrorismus handelt.“ Valerie M. Hudson

„Soziale Medien sind hervorragende Manipulationsinstrumente.“ Sibylle Berg

Demokratieentleerung

Permanent sind wir mit Meldungen aus aller Welt konfrontiert, die wir weder einordnen noch anständig bewerten können. Und zum Handeln befähigen sie uns auch nicht. Was soll man gegen den aufkommenden Faschismus tun? Gegen schmelzende Gletscher? Gegen Überwachung und Verknappung des Wohnraums? Sibylle Berg versucht es in Gesprächen mit Wissenschaftler*innen herauszufinden. Während der Arbeit an ihrem Roman »GRM« sprach Sibylle Berg über zwei Jahre hinweg mit Expert*innen aus den verschiedensten Disziplinen – mit Systembiolog*innen, Neuropsycholog*innen, Kognitionswissenschaftler*innen, Meeresökolog*innen, Konflikt- und Gewaltforscher*innen. Über den Zustand in ihren Fachgebieten. Und über Ideen für eine Zukunft, die sich nicht wie ein Albtraum ausnimmt. Wie sich wehren gegen Parolen, die den Verstand beleidigen? Wie verhalten wir uns zu der Politik des Spaltens und Herrschens, die gerade weltweit ein Erfolgsmodell zu sein scheint? Was bedeutet die digitale Revolution, und gibt es eigentlich noch Hoffnung? Dieses Buch ist das Richtige für alle, die sich auch solche Fragen stellen und besser gewappnet sein wollen für das, was auf uns zukommt.

Sibylle Berg im Gespräch mit Lorenz Adlung – Jens Foell – Odile Fillod – Hedwig Richter – Lynn Hersham Leeson – Dirk Helbing – Jutta Weber – Iddo Magen – Valerie M. Hudson – Avi Loeb – Carl Safina – Robert Riener – Wilhelm Heitmeyer – Emilia Zenzile Roig – Rolf Pohl – Eliszabeth Anne Montgomery.

Eingebetteter Medieninhalt

„Kriege gegen Frauen sind Nebenprodukte der Entscheidung, den Männerbund gegenüber allen anderen Beziehungen zu begünstigen.“

Das stellt Valerie M. Hudson fest. Nach ihrer Überzeugung sind die „psychischen Kosten für eine Abkehr zu hoch“, als dass in absehbarer Zeit mit einem New-Framing zu rechnen sei.

Wikipedia: Valerie M. Hudson (born 1958) is an American professor of political science in the Department of International Affairs at The Bush School of Government and Public Service at Texas A&M University as of January 2012. Prior to coming to Texas A&M, Hudson was a professor of political science at Brigham Young University for over 24 years. She is most noted for having co-authored the book Bare Branches which discussed the effects of China's demographic decisions on sex ratios in China and other countries.

Der pessimistische Bescheid reagiert auf eine optimistische Frage. Sibylle Berg selbst hält echte Gleichberechtigung für erreichbar in zwei Generationen.

Sibylle Berg, „Nerds retten die Welt. Gespräche mit denen, die es wissen“, Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 22,-

Hudson ist Mormonin. Sie äußert sich kritisch zur Flüchtlingspolitik. Berg rutscht über die Klippen. Sie ignoriert die Einladungen zum Widerspruch und moderiert wie eine andere Sandra Maischberger konsensorientiert.

„Ich bin eine ausgelaugte Optimistin“, sagt Nelson ziemlich zum Schluss. Ihr folgt Wilhelm Heitmeyer. Der Soziologe prägte den Begriff der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Ihm wurde „Kulturrassismus“ vorgeworfen. Nach der Veröffentlichung einer Untersuchung zu islamistischen Einstellungen türkischstämmiger Jugendlicher sah er sich Angriffen ausgesetzt.

Wikipedia: Wilhelm Heitmeyer (* 28. Juni 1945 in Nettelstedt) ist ein deutscher Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld, dessen Gründungsdirektor er von 1996 bis 2013 war. Seitdem ist er dort im Rahmen einer Forschungsprofessur tätig.

„Wer zu früh bestimmte Probleme aufwirft, muss mit Abstrafung rechnen.“

Heitmeyer warnt vor „neuen Normalitätsstandards“ auf der Grundlage rechter Interventionen in den systemrelevanten Abteilungen der Gesellschaft. Begünstigt werden solche Prozesse von „Demokratieentleerungen“. Er wirbt für „Wutplätze“ in Zeitungen, die Jugendlichen einen publizistischen Raum geben, der den Entscheidungsträger*innen einen Spiegel vorhält.

Rolf Pohl, Soziologe, Männlichkeitsforscher – Er lehnt sich gegen die grassierende Verkürzung perception is reality auf.

Eingebetteter Medieninhalt

Symphonie der Zellen

Die Pathologin Elizabeth Anne Montgomery schwärmt von einer „Symphonie der Zellen“.

Valerie M. Hudson: „Wir haben die Gewalt gegen Frauen so normalisiert, dass es fast unmöglich ist, zu erkennen, dass es sich schlicht und ergreifend um Terrorismus handelt.“

Der Physiker und Soziologe Dirk Helbing sagt: „Diktaturen sind heimliche Verbündete von Krisen“. 

Wäre es nicht klüger zu sagen: Krisen sind heimliche Verbündete von Diktaturen. Sie stellen die Züge, auf die Totalitäre aufzuspringen lohnend finden. 

Robert Riener, Professor für Sensomotorische Systeme, hält Beteiligungen an vierundzwanzig Patenten rund um die Verbesserung der Konstitution körperlich stark eingeschränkter Personen. Er gewinnt seine Bedeutung bei der Verminderung und Aufhebung von Lähmungen. Er schafft Technik für eine überalterte Gesellschaft.  

Die Historikerin Hedwig Richter sagt: „Um aus der Geschichte zu lernen, ist es wichtig zu verstehen, welche Geschichten wir uns erzählen.“

Der Ökologe Carl Safina stellt fest: „Die Existenz des Menschen ist ein Nachteil für alle anderen Lebensformen.“

Informationsparadoxon und kosmische Bescheidenheit

Der Astrophysiker Abraham Loeb formuliert das Informationsparadoxon:

„Wohin gelangt die Information, die in das schwarze Loch hineingegangen ist. Die Quantenphysik besagt, dass eine Information nicht verschwinden kann, Hawkings Berechnungen hingegen haben gezeigt, dass sie es tut.“

Loeb plädiert für „kosmische Bescheidenheit“, wenn er jenen widerspricht, die glauben, dass wir Irdischen die einzigen Verkörperungen intelligenten Lebens im All sind.  

Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 25 Theaterstücke, 14 Romane und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Berg fungierte als Herausgeberin von drei Büchern und verfasst Hörspiele und Essays. Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, u.a. den Wolfgang-Koeppen-Preis (2008), den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (2016), den Schweizer Buchpreis (2019), den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2019), den Thüringer Literaturpreis (2019) sowie den Schweizer Grand Prix Literatur (2020).