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30.03.2020, Jamal Tuschick

Zwischenlösung Leben

Im Flur verstauben die Pfandflaschen. In einer Ecke stapelt sich das Altpapier. Vera ist noch zu jung, um in einer aufgeräumten Wohnung an die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu stoßen. Die Einraumnot- und Zwischenmietlösungen sind in jedem Fall nur Transitstationen und so völlig vorläufig wie der Ehemann und die Liebhaber, mit denen die Heldin in Helene Bockhorsts erstem Roman ihre Depression bekämpft.

Halluzinierte Entschlossenheit

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Den Lautsprecherboxen zu nah sitzt sie da. Dreimal fragt sie nach, nur um etwas in Erfahrung zu bringen, dass der Mühe nicht lohnt. So ist das Leben für Vera meistens.

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Veras suspendierter Hauptmann Anton baut rapide ab. Er wohnt in der Jogginghose und äußert sich zwanghaft kritisch zu allem Möglichen, wo hinein Vera Hoffnung setzt. Von jeher verknüpft Vera alte Hoffnungen mit wechselnden Erwartungen. Wieder und wieder gelingt es ihr, sich selbst zu täuschen, indem sie sich in Prozessen der Erneuerung wähnt, obwohl sie sich doch nur wiederholt.

Helene Bockhorst, „Die beste Depression der Welt“, Ullstein, 320 Seiten, 20.-

Helene Bockhorst Heldin Vera gibt gern nach. Doch ist das nicht immer angebracht. Zurzeit schreibt sie ein Buch über Depressionen und das verlangt auch Kommunikation mit Lektor Florian. Sie duscht, bevor sie sich von Florian den Kopf waschen lässt. Das Gel verspricht das Blaue vom Himmel.

Bockhorst erzählt so wie sie spricht: mit großem Vertrauen in das Erheiterungspotential der gedimmten Alltagsbewältigung des ein Leben lang dritthässlichsten Mädchens einer Schulklasse. Beim Sport und beim Sex findet sie unter ferner liefen statt. Ihr Schicksal ist die Antriebsschwäche. Manchmal bietet sie der Welt die Stirn einer halluzinierten Entschlossenheit und kommt sich dabei selbst wie ein taffer Wackelpudding vor.

Um sich Streben einzuziehen, die sie gerade halten, nimmt sich Vera vor, es noch einmal mit Meditation zu versuchen. Dabei fühlt sich dann nichts echt an, außer der Atemnot. Wer Bockhorsts Stück über Yoga* kennt,

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ist mit dem Abhandlungsmodus vertraut. Es steckt darin die Kraft, Herausforderungen zu entkräftigen und die feministischen Flunkereien junger Männer zu konterkarieren.  

*Yoga kriegt auch sein Fett weg. Der Niedergang der Hochachtung für spirituelle Gymnastik verdient Beachtung. Meines Wissens gibt es keine zweite Modeerscheinung, die haltbarer ist als die globale Hingabe an eine Gelenkigkeitsschule für Körper und Geist.  

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Besser in Form als Vera zeigt sich Pony, die mit Schnaps den Freundschaftsstartschuss gab, und nun, da sich Vera einen Kampffisch zugelegt hat, zum Kauf eines Kameraden für den Solisten im Aquarium rät.

Siamesischer Kampffisch und Takashi Amano

Vera bewundert den Revolutionär unter Aquarianern Takashi Amano. Ihren Kampffisch nennt sie Karl. Sie denkt über einen Selektionssturm im Wasserglas nach, um stets den besten Kampffisch in ihrer Reichweite ehrfürchtig füttern zu dürfen. Auch so äußert sich Unmut. Er diffundiert im Humor und in der Tierliebe. 

Die tote Beziehung am Roten Meer

Vera greift auf Anton zurück. Schauplatz der Ernüchterung im x-ten Akt eines undramatisch „toten“ Beziehungsgeschehen ist Ägypten. Viel mehr gibt es auch dazu nicht zu sagen. Vera plagt sich weiter mit ihrer Vergangenheit, an die sie sich lückenhaft beschämt erinnert, und mit einer Gegenwart, die sie kreativ verschläft.

Schließlich kommt auch die Callboy-Geschichte vor:

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Bis dahin nimmt Vera mit Karsten vorlieb, der ihr so viel bedeutet wie ein mittelmäßiges Sportgerät.

„Karsten schwitzt seit ein paar Minuten auf mir herum.“

Vera hatte wenigstens einmal guten Sex, an den sie sich nicht zuverlässig erinnert. Sie reist nach Japan, um da festzustellen, dass sie Lokalkolorit hasst und es egal ist, wo etwas stattfindet. Florian meldet sich und wirft Vera vor, sie würde ins Reiseführergenre abdriften. 

Aus der Vorschau

Vera war für fünf Minuten berühmt. Nachdem sie versucht hatte, sich umzubringen, ging ihr Blog viral. Nun soll sie einen Ratgeber zum Umgang mit Depressionen schreiben. Ihre Freundin Pony hat Zweifel, dass sie das schaffen wird. Sie selbst auch. Denn wie soll das gehen, wenn man ja nun eigentlich depressiv ist? Müde, antriebslos, nicht gerade an Erfolg interessiert? Wenn man geheiratet hat, unglücklich ist, aber nicht geschieden? Wenn man seine Oma vermisst, aber nicht weiß, ob sie noch lebt? Und hilft da meditieren? Oder gesünderes Essen? Vera probiert es aus – und scheitert, scheitert, scheitert. Um sich wirklich besser zu fühlen, muss sie sich ihren eigenen Problemen stellen. Ihrer Familiengeschichte. Den Lügen. Den Männern. Und das ist hart, lustig, fies und schön - und macht süchtig.

Helene Bockhorst (c) Sascha Moll

Helene Bockhorst ist Stand-Up-Comedienne und Poetry Slammerin. 2018 hat sie als erste Frau den Hamburger Comedy Pokal gewonnen, und nun ist sie mit ihrem abendfüllenden Solo-Programm „Die fabelhafte Welt der Therapie“ auf Tour.

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