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31.03.2020, Jamal Tuschick

Helene Bockhorst beschreibt sehr anschaulich die Distanz ihrer Heldin zu dem entweder lappenartigen oder fehlgesteuerten Balzverhalten ihrer Verehrer.

Das Leben vor Anton

Ich bin schon halb bei dem neuen Buch von Peter Handke. Darin „blaut und grünt (es) vorösterlich“. Wie Rufmord funktioniert, weiß ich auch deshalb, weil ich an Handke nicht denken kann, ohne zugleich an eine Erzählung zu denken, die als Beweis seiner Lächerlichkeit verstanden werden soll. Darin „kobolzt“ der im Weiteren als unsportlich und ungeschickt-gravitätisch geschilderte Dichter über den Hausberg der Rom nahen Stadt Tusculum. Da wandelten einst die Großköpfte der Bazon Brock/Hubert Burda-Liga durch Arkadien, während Handke Peinlichkeit mit Purzelbäumen erzeugte.

In Veras Welt

„Der wirksamste Schutz vor einer Beziehung ist die Ehe.“

Die Erzählerin vergleicht Männer mit Sportsachen und Schutzkappen von geringer Qualität. Sie beißt sich durch das Angebot; man möchte nicht dabei sein. Einer riecht nicht gut. Einer leibhaftet mit Sahne und Glitzersternchen. Das ist übrigens Karsten, ein Garant für schlechten Sex in Situationen, in denen schlechter Sex immer noch besser ist als allein daheim zu bleiben. Den himmlischen Heerscharen des Wohlbefindens entgeht Vera auch in der Beziehung mit Philipp, dem Bodybuilder.

Helene Bockhorst, „Die beste Depression der Welt“, Ullstein, 320 Seiten, 20.-

Helene Bockhorst beschreibt sehr anschaulich die Distanz ihrer Heldin zu dem entweder lappenartigen oder fehlgesteuerten Balzverhalten ihrer Verehrer.

Pablo zählt zu den Oldtimern der Kollektion. Er duscht spartanisch und besteht in den Zwischenzeiten auf sexuelle Abstinenz. Außerdem muss er sich die Haare mit viel Gel „machen“.

Schließlich wird es Vera zu bunt. Sie fährt ihr Narrenschiff in den Hafen der Ehe mit Anton, der den Rest kaum überragt. Vera verschweigt Antons Vorzüge.

Sie spart auch am Eigenlob. Man versteht nicht so richtig, welche Erwartungen Veras Lektor Florian in seine Autorin setzt. Ich wusste gleich, als Vera durch die Romantür kam, dass sie grundsätzlich nicht vertragsgerecht liefert. Das kann sie gar nicht. Man könnte ihr die ganze Arbeit abnehmen, Vera würde an der Abgabe scheitern und dann das Desaster kleinreden.

Sehr schön:

„Der Verlag muss vielleicht mal einsehen, dass du nicht die Lösung bist, sondern das Problem.“

Vera sprengt das Schema ihrer Mutter, die Bösartigkeit mit Fürsorge tarnt. Aber auch der Tochter fehlt ein qualifiziertes Schema zur Gestaltung ihrer Ablehnung und vielleicht auch zur selbstbegnadigenden Annahme ihrer „bösen Seite“.

Vera verwendet ein Wort mit vielen Bedeutungen, dass man selten liest: muckeln im Sinn von gemütlich. Das Wort fasst eine Menge mehr von undeutlich bis streitlustig. So wie Vera gestrickt ist, passt alles.

Ich bin schon halb bei dem neuen Buch von Peter Handke. Darin „blaut und grünt (es) vorösterlich“. Wie Rufmord funktioniert, weiß ich auch deshalb, weil ich an Handke nicht denken kann, ohne zugleich an eine Erzählung zu denken, die als Beweis seiner Lächerlichkeit verstanden werden soll. Darin „kobolzt“ der im Weiteren als unsportlich und ungeschickt-gravitätisch geschilderte Dichter über den Hausberg der Rom nahen Stadt Tusculum. Da wandelten einst die Großköpfte der Bazon Brock/Hubert Burda-Liga durch Arkadien, während Handke Peinlichkeit mit Purzelbäumen erzeugte.

Seit 1980 begrüßt mich bei jedem neuen Anlass, mich Handke zu widmen, die so routiniert wie skrupellos durchgezogene Bloßstellung. Sie widerspricht zugleich der Erwartung, man könne sich als Protagonist des Kulturbetriebs mit körperlicher Unbeholfenheit nicht diskreditieren. Der Wahn, es käme auf athletische Fähigkeiten nicht an, verhalf gewiss nicht nur einer Verlagsfußballmannschaft zur numerischen Spielstärke. Interessanterweise glaubte das bei Suhrkamp, als Suhrkamp noch der Verlag war, kein Mensch. Wo die Anpassung greift, bis kein Einwand den Wettbewerb vermindert, kommt niemand auf die Idee, die eigene Unbeholfenheit wirke unter Umständen nicht nur nicht beschämend, sondern käme sogar gut an als Feuerwerk eines unwichtigen Unvermögens auf der Torte der fachlichen Kompetenz.

*

„Das also ist das Gesicht eines Rächers!“ sagte ich zu mir, als ich mich an dem bewussten Morgen … im Spiegel ansah.“

So beginnt Peter Handkes „Maigeschichte „Das zweite Schwert“.

Es gibt keinen Grund, das erzählende Ich nicht in der Niemandsbucht ankern zu lassen. Handke spricht über seinen Erzähler hinweg. Er ist ich. Für mich ist er dieser Clown, zu dem ihn die italienische Infamie erklärt. Die näheren Umstände der Szene in einem Beiboot der Weltgeschichte voller Francesco Petrarca-Weihrauch ist mehr als einmal erzählt worden. Ich las eben eine Variante, wieder zum Nachteil Handkes. Ich glaube zu wissen, was die Zeugen zu Hyänen macht. Handke lässt sich leicht als jemand wahrnehmen, der sich der Einsicht zwanghaft verweigert, die beinah jeder als guten Rat zu beherzigen weiß: Wenn du nicht spielen kannst, dann lass dich nicht aufstellen.

Zwischenlösung Leben

Im Flur verstauben die Pfandflaschen. In einer Ecke stapelt sich das Altpapier. Vera ist noch zu jung, um in einer aufgeräumten Wohnung an die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu stoßen. Die Einraumnot- und Zwischenmietlösungen sind in jedem Fall nur Transitstationen und so völlig vorläufig wie der Ehemann und die Liebhaber, mit denen die Heldin in Helene Bockhorsts erstem Roman ihre Depression bekämpft.

Halluzinierte Entschlossenheit

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Den Lautsprecherboxen zu nah sitzt sie da. Dreimal fragt sie nach, nur um etwas in Erfahrung zu bringen, dass der Mühe nicht lohnt. So ist das Leben für Vera meistens.

*

Veras suspendierter Hauptmann Anton baut rapide ab. Er wohnt in der Jogginghose und äußert sich zwanghaft kritisch zu allem Möglichen, wo hinein Vera Hoffnung setzt. Von jeher verknüpft Vera alte Hoffnungen mit wechselnden Erwartungen. Wieder und wieder gelingt es ihr, sich selbst zu täuschen, indem sie sich in Prozessen der Erneuerung wähnt, obwohl sie sich doch nur wiederholt.

Helene Bockhorst Heldin Vera gibt gern nach. Doch ist das nicht immer angebracht. Zurzeit schreibt sie ein Buch über Depressionen und das verlangt auch Kommunikation mit Lektor Florian. Sie duscht, bevor sie sich von Florian den Kopf waschen lässt. Das Gel verspricht das Blaue vom Himmel.

Bockhorst erzählt so wie sie spricht: mit großem Vertrauen in das Erheiterungspotential der gedimmten Alltagsbewältigung des ein Leben lang dritthässlichsten Mädchens einer Schulklasse. Beim Sport und beim Sex findet sie unter ferner liefen statt. Ihr Schicksal ist die Antriebsschwäche. Manchmal bietet sie der Welt die Stirn einer halluzinierten Entschlossenheit und kommt sich dabei selbst wie ein taffer Wackelpudding vor.

Um sich Streben einzuziehen, die sie gerade halten, nimmt sich Vera vor, es noch einmal mit Meditation zu versuchen. Dabei fühlt sich dann nichts echt an, außer der Atemnot. Wer Bockhorsts Stück über Yoga* kennt,

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ist mit dem Abhandlungsmodus vertraut. Es steckt darin die Kraft, Herausforderungen zu entkräftigen und die feministischen Flunkereien junger Männer zu konterkarieren.

*Yoga kriegt auch sein Fett weg. Der Niedergang der Hochachtung für spirituelle Gymnastik verdient Beachtung. Meines Wissens gibt es keine zweite Modeerscheinung, die haltbarer ist als die globale Hingabe an eine Gelenkigkeitsschule für Körper und Geist.

Besser in Form als Vera zeigt sich Pony, die mit Schnaps den Freundschaftsstartschuss gab, und nun, da sich Vera einen Kampffisch zugelegt hat, zum Kauf eines Kameraden für den Solisten im Aquarium rät.

Vera bewundert den Revolutionär unter Aquarianern Takashi Amano. Ihren Kampffisch nennt sie Karl. Sie denkt über einen Selektionssturm im Wasserglas nach, um stets den besten Kampffisch in ihrer Reichweite ehrfürchtig füttern zu dürfen. Auch so äußert sich Unmut. Er diffundiert im Humor und in der Tierliebe. 

Die tote Beziehung am Roten Meer

Vera greift auf Anton zurück. Schauplatz der Ernüchterung im x-ten Akt eines undramatisch „toten“ Beziehungsgeschehen ist Ägypten. Viel mehr gibt es auch dazu nicht zu sagen. Vera plagt sich weiter mit ihrer Vergangenheit, an die sie sich lückenhaft beschämt erinnert, und mit einer Gegenwart, die sie kreativ verschläft.

Schließlich kommt auch die Callboy-Geschichte vor:

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Bis dahin nimmt Vera mit Karsten vorlieb, der ihr so viel bedeutet wie ein mittelmäßiges Sportgerät.

„Karsten schwitzt seit ein paar Minuten auf mir herum.“

Vera hatte wenigstens einmal guten Sex, an den sie sich nicht zuverlässig erinnert. Sie reist nach Japan, um da festzustellen, dass sie Lokalkolorit hasst und es egal ist, wo etwas stattfindet. Florian meldet sich und wirft Vera vor, sie würde ins Reiseführergenre abdriften.

Aus der Vorschau

Vera war für fünf Minuten berühmt. Nachdem sie versucht hatte, sich umzubringen, ging ihr Blog viral. Nun soll sie einen Ratgeber zum Umgang mit Depressionen schreiben. Ihre Freundin Pony hat Zweifel, dass sie das schaffen wird. Sie selbst auch. Denn wie soll das gehen, wenn man ja nun eigentlich depressiv ist? Müde, antriebslos, nicht gerade an Erfolg interessiert? Wenn man geheiratet hat, unglücklich ist, aber nicht geschieden? Wenn man seine Oma vermisst, aber nicht weiß, ob sie noch lebt? Und hilft da meditieren? Oder gesünderes Essen? Vera probiert es aus – und scheitert, scheitert, scheitert. Um sich wirklich besser zu fühlen, muss sie sich ihren eigenen Problemen stellen. Ihrer Familiengeschichte. Den Lügen. Den Männern. Und das ist hart, lustig, fies und schön - und macht süchtig.

Helene Bockhorst (c) Sascha Moll

Helene Bockhorst ist Stand-Up-Comedienne und Poetry Slammerin. 2018 hat sie als erste Frau den Hamburger Comedy Pokal gewonnen, und nun ist sie mit ihrem abendfüllenden Solo-Programm „Die fabelhafte Welt der Therapie“ auf Tour.

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