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01.04.2020, Jamal Tuschick

Sterbesolo

Eingebetteter Medieninhalt

Der Erzähler bricht zu einem Rachefeldzug auf; es nach einer alten Gewohnheit versäumend, die Haustür abzuschließen. In bewährter Handke-Manier poussiert er mit der eigenen Erscheinung. Er dehnt und streckt die seinem Ziel förderlichen Glieder und grimassiert geradezu in einer bemerkenswert leeren Welt. Er erinnert an eine pensionierte Briefträgerin, die sich auf ihrer letzten amtlichen Tour auch bei ihm mit einem Zettel verabschiedet hat, so wie er den Niedergang in der Nachbarschaft als Folge eines allgemeinen Absterbens analysierend registriert.

Ich will noch einmal auf den Anfang zurückkommen, um ihn vorzuverlegen. Das erzählende Ich nimmt nämlich ein Bad, bevor es aufbricht, nach den Jahren, in denen immer nur geduscht wurde.

Noch einmal von vorn.

„Das also ist das Gesicht eines Rächers!“ sagte ich zu mir, als ich mich an dem bewussten Morgen … im Spiegel ansah.“

So beginnt die „Maigeschichte“.

Es gibt keinen Grund, das erzählende Ich nicht in der Niemandsbucht ankern zu lassen. Handke spricht über seinen Erzähler hinweg zum Leser. Gleichzeitig endet der „Mülltonnenkrach“ in einer Art sphärischer Genugtuung. Die Nebengeräusche eines halbwegs ländlichen Vorstadtalltags verstummen im Takt der Vergreisung des Publikums.

Der Erzähler wundert sich über die Diskretion des Todes, die auf den Takt des Personals verweist. Bekanntlich bezahlt die bürgerliche Gesellschaft gern den hohen Preis dafür, dass der Tod hinter seiner Blende bleibt.

Peter Handke, „Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte“, Suhrkamp, 160 Seiten, 20,-

Aus der Ankündigung

Zurückgekehrt nach jahrelangem Unterwegssein in die Gegend südwestlich von Paris, drängt es den Helden drei Tage später bereits zu einem erneuten Aufbruch. Im Gegensatz zu vorangegangenen Welterkundungen verfolgt er diesmal ein unumstößliches Ziel: »›Das also ist das Gesicht eines Rächers!‹, sagte ich zu mir selber, als ich mich an dem bewußten Morgen, bevor ich mich auf den Weg machte, im Spiegel ansah.« Rache warum? Für die Mutter, die in einem Zeitungsartikel denunziert worden war, dem Anschluss ihres Landes an Deutschland zugejubelt zu haben. Rache an wem? Eine Journalistin, der Urheberin dieser wahrheitswidrigen Behauptungen, die in Tagesentfernung in den Hügeln um Paris wohnte.

Der Erzähler schreitet in seiner Gegend aus, ohne zielstrebig zu erscheinen. Er ist ein für seinen Urheber typischer Probeläufer.

Er wandert im Dior-Anzug ... plötzlich angefallen von dem fast ein Leben lang unbekannten Heimweh. Das heißt, Heimweh nach einem ruralen Flecken in der Agglomeration, die sich auch mit Versailles und Île-de-France ansprechen lässt.

Der Erzähler scheut das Glück und ruft die Harmonie in späten Abwandlungen von Lokalpatriotismus an.

Im Alter verlieren die Eigenarten ihren Reiz; obwohl man doch zunehmend eigenartiger wirkt. Das Allgemeine stellt sich vor das Individuelle in einer paradoxen Reaktion auf die Zumutungen jedes Sterbesolos.

Make Love not War richtete sich als 68er-Fanal an junge Leute. Rache nehmen zu wollen auf dem schmalen Grat der eigenen Hinfälligkeit entspricht einem Begehren zweiten Ranges. Wenn es für die Liebe nicht mehr reicht, kann man nur noch auf ihr Gegenteil spekulieren. Begehrt man den Tod, dann begehrt man im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Jede andere Aufwallung wäre noch peinlicher. Man ranzt total uninteressant in seinem Milieu. Sogar die Katze schleicht sich. Da macht man eben einen Rächer aus sich und zieht los. So dass sich melden lässt: „Und oft wurde ich auch nach dem Weg gefragt und wusste immer, wo was war. Oder fast immer.“

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