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02.04.2020, Jamal Tuschick

Indische Injektionen

1954 - Im Jetzt der Handlungsgegenwart qualmen in New York „hunderttausende Kohleheizungen“ und über die Straßenschäden klappern Busse und Laster. Ruß liefert dem Design der Moderne eine anachronistische Patina.

Das Dakota - Lauren Bacall residiert da so wie Judy Garland.

Eingebetteter Medieninhalt

Das Geschehen vollzieht sich an der Ecke 72nd Street und Central Park West im Schatten eines berühmten, in den 1880er Jahren erbauten Appartementhauses. 

Lauren Bacall residiert im Dakota so wie Judy Garland. John Lennon wird da seine letzte postalisch relevante Anschrift haben.   

Die Gegend ist ein Hotspot der Holocaust-Migration, folglich auch der Trauer und der vermiedenen Trauer. Die eingewanderten Europäer*innen vertrauen sich dem besinnungslosen Tempo einer schlaflosen Stadt an.

Christoph Ribbat, „Die Atemlehrerin. Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm.“ Suhrkamp, 191 Seiten, 22,-

Die Schweigeallianz jener, die vom Grauen angefasst wurden, dient auch der Abschirmung jener, die als Nachkommen die Chance haben, vorbehaltslos amerikanisch zu sein. In den Vereinigten Staaten feiert die Siegerkultur ein Goldenes Zeitalter, in dem die Mühseligen und Beladenen als Spielverderber*innen keine Auftrittsmöglichkeiten erhalten. Nur das, was als kollektive Herausforderung begriffen wird, so wie eine sowjetische Atombombenattacke darf die Begünstigten ängstigen. Das weiß jede überseeisch sozialisierte, allein wegen ihres komischen Akzents auffällige Oma.

Carola Speads (vormals Spitz) teilt die modisch kommunizierbaren Ängste ihrer Schüler*innen. Spitzenkräfte konsultieren die Atemlehrerin. Speads‘ Kuren passen zu der psychoanalytischen Grundierung eines New Yorker Lebensstils, die vielen Großerzählungen das Kolorit liefert.

„Jeder atmet, aber wer denkt schon über das Atmen nach?“

Speads lebt seit 1940 in Amerika. Seit 1946 hat sie die passende Staatsbürgerschaft. Doch quält sie immer noch ein „Kulturschock“. Das Leiden an Amerika sucht sich im Takt der Adaptionen neue Felder. Von der überfüllten U-Bahn bis zum Kapitalismus bietet sich alles Mögliche der Kritik an. Gleichzeitig konkurriert Speads mit anderen Einwanderern um Marktplätze für eine altweltliche Originalität in den Spektren innerspaciger Kosmologien. Nicht selten haben die psychoanalytischen Ableger verstaubte Vorgeschichten und lange Ahnenreihen.

Vermutlich noch im 19. Jahrhundert wurden Freuds Erkenntnisse indisch angereichert. Körperkonzepte erweiterten die Couchklärungen experimentell, siehe dann auch Wilhelm Reich. Auf einem Seitenweg solcher Fusionen ergab sich die Domäne der diplomierten Gymnastiklehrerin Carola Speads. Der Kundschaft verspricht sie „mehr Vitalität, Effizienz und Elastizität“.   

Carola Speads hält die Familie über Wasser. Das kommt nicht gut an. Die Ernährerrolle gehört zum Gattenrepertoire. Arbeitslosigkeit begreift man weithin als persönliches Versagen. Zumal Otto gern mit seinem Bruder und Isaak Bashevis Singer im Café sitzt und den verlorenen Heimaten hinterher sinniert.

In Speads‘ Atemklasse turnen Kettenraucher*innen in Badesachen vor einer Bücherwand. Die Groteske aus heutiger Sicht war eine Angelegenheit der gehobenen Mittelschicht. Man bewies Distinktion im Verständnis von Phänomenen, deren Namen (Stress* zum Beispiel) in anderen Milieus nur als Spottgegenstände kursierten.

*Stress galt als Managerkrankheit und wurde mit exzessivem Golfen assoziiert.

Man wusste es besser, zumal in der ätherischen Aura einer Meisterin.

Christoph Ribbat © Anna Weise

Christoph Ribbat, geboren 1968, ist nach Stationen in Bochum, Boston und Basel Professor für Amerikanistik an der Universität Paderborn. Sein Buch „Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne“ wurde 2016 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und in 14 Sprachen übersetzt.

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