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03.04.2020, Jamal Tuschick

Sanktionsfreies Vergessen

Keine zwei Jahre nach der Befreiung von Auschwitz verschoben sich die amerikanischen Prioritäten zum Nachteil der Opfer des Holocausts. Im Kalten Krieg konzentrierten sich starke Kräfte auf die Einbindung Westdeutschlands in die anglosphärisch-transatlantische Verteidigungsstrategie. Der Geschichtsverlauf begünstigte ein Klima der Verdrängung, das in der Bundesrepublik von vielen als Exkulpation gewertet wurde. Im wieder aufrüstenden Wirtschaftswunderdeutschland ergaben zwei Binsen die Leitlinien: „Wir sind wieder wer“ und „Wir sind noch mal davongekommen“.

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Die amerikanische Philosophin Susan Neiman kommt in ihrer Analyse „Von den Deutschen lernen“ zu dem verblüffenden Schluss, dass in der DDR eine bessere Aufarbeitung des Faschismus stattgefunden habe als in der Bundesrepublik. Die Botschaft des Antifaschismus sei schließlich bei jenen als vernichtende Absage angekommen, die ihre Ideale im Machtverlauf verloren hatten. Neiman erklärt die friedliche Revolution von Neunundachtzig zur Folge einer antifaschistischen Erziehung.

Samuel Salzborn, „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“, Hentrich & Hentrich, 130 Seiten, 15,-

Samuel Salzmann widerspricht dieser Auffassung. Die DDR verweigerte „in ihrer versteinerten Erinnerungskultur“ (Thiele) „jede Form der Verantwortung für den Nationalsozialismus“. Im Schatten der Referenzmacht Sowjetunion gab sie sich als „Siegerin der Geschichte“ aus. Sie verweigerte die Annahme einer Erblast. Salzmann skizziert den gedanklichen Ausweg: Der Faschismus ist eine Hochform des Kapitalismus und wir sind antikapitalistisch.

Die Virulenz des Faschismus erklärt Adorno mit einer paradoxen Reaktion. Deklassierte und von Deklassierung bedrohte Schichten mit einem bürgerlichen Selbstverständnis verweigern die Ablehnung jener kapitalistischen Kräfte, die sie bedrohen. Stattdessen suchen sie da ihre Feinde, wo ein Widerstand gegen den Kapitalismus Gestalt annimmt.

Österreich flüchtete in die Rolle eines nationalsozialistischen Opfers.

Salzmann bemerkt die Schuldabwehr in jedem Fall. Interessant ist die Begründung. Die Abwehr bezog sich weniger auf den Holocaust als auf die nun peinliche NS-Vergangenheit. Man deutete die eigene Geschichte um, bis sie im staatspolitischen Design der Fünfzigerjahre ausreichend Aspirationen der Normalität verhieß.

Sich so schnell wie möglich freizuschaufeln, entsprach der Staatsdoktrin wiederum in jedem Fall. Es ging darum, sich für den nächsten Anschluss freizulaufen. Niemand erkannte einen Nutzen darin, sich der Schuld zu stellen. Salzborn erinnert daran, dass die Blockbildung im Westen „rechtsextreme und rechtskonservative Parteien“ als Motoren einer aggressiven Schuldabwehr begünstigte, die auf der transatlantischen Seite ihr Recht im Antikommunismus behaupteten. Erst in den Fünfzigerjahren verloren die Hard-Core-Revanchisten ihre Prägekraft. Sie mutierten in kleinen Parteien zu Freiheitlichen und richteten sich in „einer Subkultur aus Traditionsverbänden und Jugendorganisationen“ ein.

Die Remilitarisierung der Bundesrepublik stellte sich als Kontinuität dar. Wo man die „saubere“ Wehrmacht nicht anrufen wollte, sagte man Preußen. Auf dieser Folie verstand sich die Restituierung der NS-Funktionseliten von selbst.

Entnazifizierende Maßnahmen wirkten rehabilitierend, erklärt Salzmann überzeugend.

Aus Nazis wurden Mitläufer.

Das Schuldfeststellungsverfahren der Entnazifizierung versagte. Versuche, rechtsstaatlich einem Unrechtsregime beizukommen, untergruben sich nach der Logik des Kalten Krieges. Vermutlich gab es keinen belastbaren juristischen Rahmen außerhalb der US-politischen Vorgaben. Das erscheint umso bizarrer, als dass keine zur Schuldabweisung vorgebrachte Denkfigur auch nur im Ansatz geeignet gewesen wäre, Überzeugungskraft zum Vorteil der Täter zu entwickeln.

Je unbestreitbarer die Schuld, desto abstrakter die Rechtfertigung. Ab einer bestimmten Verwerfungsstufe versagt die Konkretion.

Die katholische Kirche schaltete sich in den Amnestie-Diskurs zugunsten der in Nürnberg vor Gericht gestellten Haupttäter ein. Im Weiteren wurde die NS-Vergangenheit „hermetisch beschwiegen“. Salzmann erkennt einen „parteiübergreifenden Konsens“ bei der Holocaust-Erinnerungsabwehr.

Die Nation stilisierte sich als Opfer. Sie nahm Zuflucht zu einer Erzählung von Flucht und Vertreibung, in der sie die Geschändete war. Sie übernahm den Volksgemeinschaftsgedanken und schloss, so Salzborn, nach NS-Kriterien gesellschaftliche Gruppen ein und aus.

„Die parlamentarische Arbeit des Deutschen Bundestages war von Beginn an geprägt von dem Streben nach Amnestie“.

Aus der Ankündigung

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Shoah galt lange als bundesdeutsche Erfolgsgeschichte. Dieses Image beginnt mit der zunehmenden Rechtsradikalisierung in Politik und Gesellschaft mehr und mehr zu bröckeln. Das vorliegende Buch zeigt, dass in diesem bundesdeutschen Selbstbild immer schon die Geschichte der Schuld- und Erinnerungsabwehr, der Täter-Opfer-Umkehr, der Selbststilisierung als Opfer und der antisemitischen Projektion ausgeblendet wurde. Eine (selbst-)kritische Aufarbeitung der Vergangenheit hat auch 75 Jahre nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus auf gesellschaftlicher Ebene kaum stattgefunden: durch die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern manifestiert sich vielmehr ein Selbstbild, das um den Mythos kollektiver Unschuld kreist. 

Die Schuld bleibt

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Eine Schuldannahme fand auch in der Generation der Täternachkommen nicht statt. Die persönliche Schuld der Eltern und Großeltern wurde nicht ergründet und die gemeinschaftliche Schuld fiel unter den Tisch der kollektiven Verdrängung. Die Kinder der Verdränger*innen ahmten ihre Eltern nach, obwohl sie frei von persönlicher Schuld dazu prädestiniert gewesen wären, die deutsche Schuld zu begreifen als Generationenvertrag, der von jeder Kohorte verlangt, deutlich in der Eindeutigkeit zu bleiben.

Die Schuld kann nicht geteilt werden. Sie lässt sich nicht vergleichen. Adorno sagt es so: Hitler zwang den Deutschen „einen neuen kategorischen Imperativ“ auf. Wir dürfen keine Wiederholung und nichts Ähnliches zulassen.

Das formuliert Samuel Salzborn mit der nötigen Schärfe in seiner abrechnenden Analyse „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“.

Salzborn liefert Beispiele für das individuelle Versagen im Kontext der Schuld, das in seiner Summe auf eine gesellschaftliche Schuldannahmeverweigerung hinausläuft. Darin ändert das offizielle Gedenken wenig; so nötig es ist.

Antisemitismus ist der schmerzhafteste Ausdruck … der Unfähigkeit, die eigene Vergangenheit … aufzuarbeiten.“

Der springende Punkt ist: die Nachkommen der Täter waren Zeugen, wie die Täter davongekommen sind. Da in so vielen Fällen die Strafe ausblieb, bildet die absurde Sanktionsbilanz den Maßstab für das Weitere. Die Überlegungen folgen der Logik: Wenn mein Opa als NS-Mörder in der bundesrepublikanischen Verwaltung für den höheren Dienst in Frage kam, was soll ich mir dann vorwerfen?

Salzborn weist darauf hin, dass die Täterschaft in ihrer Leugnung nicht verschwindet. Sie zirkuliert in uns und treibt uns über einen Parcours phantasmagorischer Entlastungen, bis hin zu der Fließbandimagination von Widerstandsbiografien.

In Deutschland ist keine judenfeindliche Äußerung möglich, ohne eine Negation der Schuld und Relativierung des Holocausts. Das macht es einfach. Jede(r) weiß, was angebracht ist. Wer über die Barrieren des Schemas geht, rührt an der Verfassung.

Von Fassbinder bis Walser gibt es eine Kontinuität der Normalisierungsversuche gefühlspolitisch da, wo man sie eher nicht vermutet.

Das grundsteinerne Urerlebnis der Bundesrepublik, so Salzborn, ist „die Niederschlagung des Nationalsozialismus“. Doch bereits die als Besatzungsmachtausübung verstandene Entnazifizierung bahnte der Entlastung Wege. Erinnerungsabwehr bestimmte den Kurs. Begünstigt wurde die Entwicklung vom Verlauf des Kalten Krieges, in dem Deutschland als transatlantischer Krümel aus der Jauche ploppte.

Zwischen Amnestie und Amnesie

Der Kalte Krieg erzeugte in Deutschland ein Klima zwischen Amnestie und Amnesie. Die in Grund und Boden gedroschenen Angreifer badeten im Verliererselbstmitleid, während die Wiederaufrüstung Fahrt aufnahm.

Vor Kurzem war Ben „The Judge“ Ferencz‘ Biografie Nummer Eins der Mainlabor-Besprechungen. Der Chefankläger beklagte die nachlässige Verfolgung nationalsozialistischer Kriegsverbrecher. In den Fürbitten prominenter Zeitgenoss*innen herrschte Blindheit gegenüber den Leiden der Opfer. Da gab es eine adlige „Mutter“ der in Landsberg inhaftierten SS-Massenmörder, die beim Papst intervenierte und für „in der Seele“ geläuterten Verbrecher Gnade forderte. Ferencz bemerkte, wie viele Täter um ihre Strafe herum in die Freiheit gelangten.

Philipp Gut, „Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit“, Piper, 345 Seiten, 24,-

Ferencz‘ Standpunkte verloren Bedeutungsgewicht angesichts neuer Prioritäten des Pentagon. Die humanitäre Sendung der Nürnberger Prozesse „erodierte“. Die auch zur Abschreckung abgehaltenen Nachfolgeprozesse wurden stimmungstechnisch von revisionistischen Kaperfahrern aufgebracht.

Hochkommissar McCoy wandelte Todesurteile in Haftstrafen um. Man sprach von „Weihnachtsbegnadigungen“ und einem „Widerruf von Nürnberg“ (Ferencz). Die Gerechtigkeit wurde „politischer Opportunität“ geopfert. Die amerikanische Nachsicht kam klar aus einer Vorsicht im Kalten Krieg. Mit ihr verband sich eine Absicht im Abseits der Moral. Die humanitäre Verfassung des strategischen Partners stand von jetzt auf gleich nicht mehr zur Debatte, zumal der Kalte Krieg in Korea stellvertretend für den globalen Konflikt heiß geführt wurde. Die implizite Bereitschaft der Supermächte auf der Höhe ihrer militärischen Möglichkeiten zu agieren, erzeugte jene Bunkermentalität, die das Blockdenken so lange stabil hielt.

Die Bundesdeutschen deuteten die Integration ins westliche Verteidigungsbündnis als Wiederaufnahme in die Weltgemeinschaft.

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