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06.04.2020, Jamal Tuschick

Doppeltpromovierter Hornochse

Das Alter hat aus Jack Kennison einen Niemand gemacht. Er leidet nicht ständig unter dem Bedeutungsverlust. Manchmal genießt er seine Unsichtbarkeit.

Eingebetteter Medieninhalt

Jack Kennison ist ein schmerbäuchiger, doppelt promovierter und verwitweter Pensionär mit einer Vergangenheit als vorsätzlich einschüchternder Professor. In der Handlungsgegenwart führt er Selbstgespräche und beobachtet Leute, die ihn ignorieren, sofern sie ihn überhaupt wahrnehmen.

Elizabeth Strout, „Die langen Abende“, Roman, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, Luchterhand, 350 Seiten, 20,-

Das Alter hat aus Jack einen Niemand gemacht. Er leidet nicht ständig unter dem Bedeutungsverlust. Manchmal genießt er seine Unsichtbarkeit.

Für Jack ist die Zeit gekommen, sich seine Unzulänglichkeiten einzugestehen. Er gondelt durch die Gegend von Portland. Er sollte sich darauf beschränken, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Doch dazu fehlt ihm die Seelenruhe. Jack macht Gutwetter bei seiner Tochter Cassie, die ihn abwimmelt. Alles ist interessanter als das Gelaber eines Vaters, der seit einer Prostataoperation Einlagen in seiner Unterhose trägt.

Elizabeth Strout besticht mit einer gnadenlosen Schilderung. Wieder gerät ein weißer alter Mann ins Fadenkreuz der Narration.

Jack fühlt sich schuldig und zeigt Reue, aber natürlich macht das nichts besser. Seine Geständnisse braucht kein Mensch. Er marschiert zu einem Tresen und bestellt Whisky gegen die Larmoyanz. Und schon geht es wieder los. Der Barmann lässt Jack daran denken, dass er keinen Sohn hat. Da tut er sich wieder leid.

Ihm fällt ein, dass seine Frau sich seinen Tod gewünscht hat, um schließlich vor ihm hasserfüllt zu sterben.

Trost findet Jack bei der robusten Olive Kitteridge. Einmal ist er mit Olive ansatzweise intim geworden. Ihm war bei dieser Gelegenheit, als tausche er Zärtlichkeiten mit einem „seepockenverkrusteten Wal“.

In seiner aktiven Zeit hat Jack nichts ausgelassen. Fast am Ende seiner beruflichen Laufbahn kam eine Anzeige wegen sexueller Belästigung zu allen anderen Übeln. Vielleicht erklärt sich so der entlegene Vergreisungsschauplatz namens Crosby, einer (von der aus Portland im Bundesstaat Maine gebürtigen Autorin) Brunswick* nachempfundenen Kleinstadt.

* Wikipedia: „Brunswick liegt nahe der Atlantikküste im Osten des Cumberland County und nur etwa dreißig Kilometer nordöstlich von Portland. Nördlich grenzt Brunswick an der Merrymeeting Bay, in die der Kennebec River und der Androscoggin River münden.“

Die Gegend ist ohne nennenswerte Erhebung und zählt zum neuenglischen Herzland.

Jack bringt sich in Schwierigkeiten; seine sarkastische Performance gehört zu einem Mann, der keine Windeln trägt. Obwohl das kaum zu glauben ist, übt er in seiner von Selbstüberschätzung ins Groteske gezogenen Hinfälligkeit immer noch eine gewisse Anziehungskraft auf die ihrerseits hochheikle Olive aus. „Olive, again“ lautet der Originaltitel. Die Lehrerin im Ruhestand spielt bereits in einem älteren Werk von Strout die Hauptrolle.

Olive und Jack sind zwei schwelende Ruinen, die sich für rauchende Colts halten. Jeder schöpft aus einem Fundus der gegenstandslosen Selbstherrlichkeit. Gemeinsam bilden sie eine Front im Kampf der Generationen. Olive mokiert sich über stillende Mütter. Zu ihrer Zeit „stillte niemand, außer Leuten, die etwas Besonderes sein wollten“.