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07.04.2020, Jamal Tuschick

Klandestine Deklassierung

Darum geht es in Min Jin Lees Einwanderer-Epos: Eine Familie betritt den Raum ihrer Erzählbarkeit. Im ersten Durchgang schwingen sich zwei Bettelarme auf, indem sie dem Nichts etwas abtrotzen. Als Mieter vermieten sie zuerst ihr Schlafzimmer in einem Fünfzigquadratmeterhaus unter. Sie versorgen ihre Logiergäste mit dem, was sie sich vom Mund absparen. Das vor Fleiß und Bescheidenheit überquellende Paar bekommt einen Sohn, der mit einer Gaumenspalte nur unter anderen aus dem Konzept nicht zu beanstandender Nachkommenschaft fällt. Die Geschichte beginnt zu Beginn des XX. Jahrhunderts in Korea. Hoonie begründet die zweite Generation einer vom Motor der Selbstverleugnung angetriebenen, eherechtlich begründeten Erwerbsgemeinschaft. In seiner besten Zeit bewirtschaftet er bereits eine regelrechte Pension. Hoonies Frau wird als junge Witwe zur Unternehmerin. Ihre Tochter Sunja rangiert als Heldin im Stück vor und zurück. Einem Geistlichen folgt sie nach Japan. In Osaka übersteht Sunja die 1930er Jahre. Die Mutter von zwei Söhnen verkauft eingelegtes Gemüse auf der Straße. Ihr Mann spielt weiter keine Rolle. Erst sitzt er im Gefängnis, dann stirbt er. Die zweite Einwanderergeneration entspricht in dieser sozialen Rechnung der vierten Aufbaugeneration. Ein halbes Jahrhundert nach der ersten verlässlichen sozialen Verankerung dieser Familie beginnen die Spiele von Sunjas Söhnen Noa und Mozasu. Sie variieren ein altes Thema: „Bulle oder Bruch“. Mozasu geht den Weg der Straße. Sein intelligenter Bruder geht zur Polizei.

Noas Gönner ist ein bedeutender Yakuza

Frisch geschindelt

Noa nimmt seinen leiblichen Vater lediglich als Wohltäter wahr. Für ihn ist der ominöse Hansu ein Anführer koreanischer Migrant*innen* in Japan, der armen Landsleuten unter die Arme greift. Indes ahnt Noas japanische Geliebte Akiko, dass hinter Hansus Fürsorge mehr steckt als Solidarität. Die angehende Soziologin mit dem Habitus der Herrschaft ahnt zu ihrer Freude mysteriöse Umstände.

Min Jin Lee, „Ein einfaches Leben“, auf Deutsch von Susanne Höbel, dtv, 13.90 Euro

Klischeehaft setzt Min Jin Lee die Charaktere voneinander ab. Akiko sucht die erotische Ermutigung, das Fest der Boheme und die Erhebung, während sich Noa im Geist eines rigorosen Novizen-Akademismus knechtet und geißelt. Der Paria widersteht bei vielen Gelegenheiten den Verführungsversuchen seiner erhaben geborenen Geliebten, für die es Wichtigeres gibt als das Studium.

Für Noa gibt es nichts Wichtigeres. Der Sohn einer Straßenhändlerin kennt nicht viel mehr als Armut und Zurückweisung. Die plötzliche Privilegierung als Studierender in Tokio zieht ihn über seinen Schwerpunkt in die Haltlosigkeit eines Ungleichgewichts.

Akiko warnt Noa vor ihren rassistischen Eltern.

„Du willst sie nicht kennenlernen.“

Sie unterschätzt eine Kränkung, der sich die Autorin einleuchtend widmet. Die Verschlossenheit der Eltern hebt Akikos Zugänglichkeit auf. Sie entwertet Noas Gewinne aus gewissenhaftem Fleiß. Offensichtlich kann ihn Ehrgeiz, Intelligenz und äußerliche Attraktivität sozial nicht promovieren.

Versuch und Irrtum oder Seeigel aus Hokkaido

Manchmal ist ihm, als sei er auf halbem Weg bereits an einem Endpunkt seines Aufstiegs angelangt; als müsse er umkehren, um an einem tieferen Punkt eine andere Gipfelroute zu beschreiten. Dann beruhigt ihn Hansus zuverlässige Freundlichkeit. Der Gönner mit dem Gehabe eines Paten speist sein Protegé da ab, wo die japanische Cucina povera hochgefahren und das maritime Einerlei von Fischerdörflern veredelt serviert wird. Dazu die Geruchspatina von frisch geschindeltem Zedernholz.

Hansu stellt Bildung über Tapferkeit. Heimlich beugt er sich im Verhältnis zu seinem Sohn auf der Stufe eines Schülers.

Ja, Noa ist Hanus Sohn. Akiko ahnt es, dem Sonnenprinzen fehlt aber jeder Schimmer einer Ahnung von einer sehr brauchbaren Herkunft.

Ich muss ausholen, um die Schleppe dieser Geschichte anzuheben. Im frühen XX. Jahrhundert verliert Korea seine Souveränität an Japan. Das inferiore Land durchläuft einen Prozess der Entmündigung vom Protektorat (1905) bis zur Kolonie (1910 - 1945). Die Annexion korrespondiert mit einer einfallsreichen Entwürdigungspraxis. In den Augen der Kolonialherren sind die Unterworfenen „raffiniert und gerissen“. Viele Koreaner verdingen sich als unbeliebte „Gastarbeiter“ in Japan. Osaka ist ein Hot Spot der Migration. Dahin verschlägt es Sunja, die unter entehrenden Bedingungen von Hansu schwanger gewordene und von einem Pastor auf dem Hochzeitsweg rehabilitierte Tochter der früh verwitwete Logierhauswirtin Yangjin.

Mutter Yangjin erschien als Muster der Selbstlosigkeit. Sunja hat einen eigenen Kopf. Vorlieben und Abneigungen bestimmen sie stärker als der Herkunftstext. Zwar ist sie erklärtermaßen die Dienerin ihres Mannes Isak. Doch dessen Verfügungsgewalt wird von mildernden Umständen eingeschränkt. Sunja folgt Isak nach Osaka, wo sie in dem koreanisch dominierten Bezirk Ikano heimisch zu werden versucht. Nach dem II. Weltkrieg werden die Karten neu gemischt. Zu den Platzhirschen, die ihre Position behaupten können, zählt Noas Vater. Hansu begreift sich als Geschäftsmann. Seinem Adlatus, dem Auslandskoreaner Kim erklärt er: „Du darfst nicht vergessen, dass die Männer in den Führungspositionen der koreanischen Interessengruppen in erster Linie Menschen sind – also nicht viel klüger als Schweine.“ Min Jin Lee nimmt das Lehrgespräch zum Anlass, eine Reihe von Allgemeinplätzen zu verbreiten, ohne auch nur ein überflüssiges Wort zu verlieren. Honsu erklärt die Bipolarität der Nachkriegswelt mit ihren einer Vereisung entgegenstrebenden Blöcken, die als Monolithe mit beweglichen Rändern gehandelt werden.

*

„Große Portionen, starke Aromen, schneller Verzehr.“

In allem unterscheiden sich die koreanischen Migranten von den Japanern, die wiederum alles vulgär finden, was für Koreaner normal ist, so wie „große Portionen, starke Aromen, schneller Verzehr.“

Noa weiß sich zu benehmen, doch langweilt ihn das Procedere in einer Dependance japanischer Spitzengastronomie. Während Hansu ungeniert den vom Paria zum Parvenü aufgestiegenen Vorzeigeeinwanderer gibt, greift der Sohn schon nach den Feinheiten.

Hansu entgeht seine klandestine Deklassierung nicht. Er begreift nicht nur, wie ihn sein Sohn unbewusst korrigiert, er genießt die Erziehung, die selbstverständlich für die Katz ist. Würde sich Hansu veredeln lassen, bekäme er Probleme mit seiner Gefolgschaft. Die als Geschäftsmänner auftretenden Gassenhauer könnten ihn dann nicht mehr lesen.

* Zainichi nennt man die eingewanderten und verschleppten Koreaner. 1945 lebten über zwei Millionen Koreaner in Japan. Die meisten arbeiteten in Fabriken und Minen und wurden in den ersten Nachkriegsjahren von verarmten Japanern verdrängt. Viele kehrten nach Korea zurück. Die Verbliebenen konzentrierten sich auf das Glückspiel und andere gesellschaftlich geächtete Positionen. Während Noa den Teufelskreislauf der Armut auf dem Bildungsweg verlassen möchte, erwartet sein jüngerer Halbbruder Mozasu für sich nicht mehr als eine Nullachtfünfzehnlösung. Die Informationen der Deklassierung haben sich ihm eingeschrieben. Er reagiert mit Kraft und Wut. Die Disposition entspricht dem Standard-Management von Konstellation, in denen man einerseits über- und andererseits unterlegen ist. Begegnet Mozasu der Verachtung im Rudel, ignoriert er die Einladung zum Tanz. Hat er es indes nur mit einem oder zwei Ächtungsagenten zu tun, sucht er die blutige Entscheidung und erlaubt keine Prokrastination.

Möwenschrei der Unwissenheit

Es ist immer die gleiche, in allen Kulturkreisen vorrätige Geschichte. In Verhältnissen, in denen Permissivität unerwünscht ist und gesellschaftliche Schranken nicht einfach mit Fleiß und Dreistigkeit überwunden werden können, öffnen höhere Töchter Außenseitern die Tür. An den evolutionären Steilufern ihres Liebesaufstands brechen sich die Wellen der Zukunft unter dem Gezeter der Unwissenden. Viele Schreier*innen hausen in der Abteilung für freiwillige Verblödung. Das ist auch eine evolutionäre Konstante und findet als Dung & Ying Verwendung. Aus Unfug macht man Fugenkitt.

Wieder gewährt Min Jin Lee dem Leser einen weiten Panoramablick. Noa, Ultraaufsteiger mit koreanischem Migrationshintergrund, hat Begrenzungen seiner Herkunft überwunden und ist dem Bann einer konstitutionellen Ächtung entkommen. Noa darf in Tokio studieren. Er studiert in einem permanenten Ausnahmezustand der Verwunderung. Die Kommiliton*innen finden alles interessanter als den Lehrbetrieb, während Noa die Wissensakkumulation im Druckbetankungsstil betreibt. Er ist in seinem Paradies gelandet und trunken vor Glück. Eine angehende Soziologin ohne die Standardvorurteile gegen Koreaner dynamisiert die Situation. Die untadelige Upperclass-Japanerin Akiko fährt total auf den Ethnoschmuddel ab.

Noa verkörpert den Paria auf dem Weg zum Parvenü

Als Koreaner in Japan wird Noa auch mit höchsten Qualifikationen von Vielem ausgeschlossen bleiben. Die Diskriminierung bedarf der Signalfarben nicht. Ihre Signatur ist die verschlossene Tür.

Jetzt, und das ist die Story, imprägniert sich eine Türöffnerin mit dem Schweiß eines Überwinders.

Noa kommt zwar nicht durch die Tür der regulären Anerkennung, aber Akiko bietet ihm einen privaten Einstieg. Mich erinnert Min Jin Lees Arrangement von Intimität & Gesellschaft an natürlich isolierte Strandabschnitte, die man nur, aber dann eben doch auch sehr unspektakulär erreicht, wenn man Zugang zu dem Garten hinter einem Haus an der Promenade hat. Hat man ja normalerweise nicht. Man wundert sich über den Betrieb auf der Küstenlinie. Wie sind die Leute dahingekommen?

Im Grunde beginnt alles viel früher, bei den Autos vor den Häusern und bei den Häusern selbst, die (arrogant wie Schnösel in einer Reihe stehend) den Blick aufs Meer verstellen. Ausnahmsweise darf man nähertreten. Auf der Rückseite liegt der Garten im Schatten. Eine Schaukel erinnert daran, dass es immer Kinder geben wird, die so privilegiert bei den Großeltern zu Besuch sein dürfen. Ein unscheinbares Tor weist darauf hin, dass die Familie sich an dieser Stelle nicht mehr absichern muss.

Man ist sicher unter sich.

Die Nachbargrundstücke sind genauso vage abgeschlossen. Ohne eine ihn selbst markierende kriminelle Energie erreicht die Grenze vor dem Privatstrand kein Unbefugter.

Akiko spricht mit ihrer Zuneigung nicht nur eine Einladung aus. Ihr Begehren befugt/befähigt/ermächtigt Noa. Es verschafft ihm Zutritt.

Min Jin Lee malt Buntstiftbilder. Akikos Augen leuchten vor Vorfreude. „Ihre Brüste … sind wie Champagnergläser geformt.“ Im Bett muss der Sohn einer Kimchi-Dealerin koreanisch mit seiner Liebhaberin sprechen.

Ist das verdrehter Rassismus?

Akikos Mutter spielt Tennis mit Briten.

Noa wuchs im koreanischen Ghetto von Osaka auf. Akiko kommt aus einer Klassegegend von Tokio. Und so weiter.

Stille Billigung - Wie alles anfing

Yangjins Ergebenheit ist beinah lückenlos. In ihrer von äußerst dürftigen Verhältnissen bestimmten Vorstellungswelt ist kein Raum für individuelle Erwartungen. Das Ich-Bewusstsein findet keinen Halt.

Hunger bestimmt den Alltag der Heranwachsenden. Auf eine gute Partie hat Yangjin keinen Anspruch. Daran gewöhnt, zu akzeptieren, was ihr vorgesetzt wird, nimmt sie auch die näheren Umstände einer arrangierten Ehe mit dem „Dorfkrüppel“ Hoonie so hin wie das Wetter.

Hoonie gewinnt im Folgenden ungemein. Nicht wenige betrachten sich in Abhängigkeit von seiner „stillen Billigung“ ihres Lebenswandels.

Drei Mal kommt Yangjin mit Söhnen nieder, die nicht lange von dieser Welt sind. Dann kriegt sie eine Tochter, und Sunja bleibt am Leben.

Gemeinsam mit Hoonie führt Yangjin ein Logierhaus in Yeongdo, einem Bezirk von Busan: der zweitgrößten koreanischen Stadt. Hoonie vergeht lautlos. Als Witwe beweist Yangjin unternehmerisches Geschick in einem besetzten, schwer gezeichneten Land. Die japanischen Usurpatoren neigen zu heftigen Herabwürdigungen.

Von einem betuchten Schwätzer wird Sunja mit siebzehn schwanger. Sie hofft auf eine Heirat. Die Tochter eines Mannes, dessen Aufmerksamkeit von vielen als Segen empfunden wurde, erwartet mehr als Fürsorge von dem Liebhaber, der Anstalten macht, Sunja so gut wie eben möglich unterhalb der Schwelle einer Ehe zu stellen. Während Yangjin in der Brautrolle nur Demut kannte, stellt Sunja Forderungen. Sie verlangt nicht nur Achtung, sondern auch Liebe.

Feindliche Fremde

Mit der Eingliederung Koreas ins japanische Kaiserreich wurden Koreaner zu japanischen Staatsbürgern zweiter Klasse. Bis heute nennt man sie Zainichi.

Die Generation der Osaka-Koreaner – Geboren in feindlicher Fremde

„Die Gegend taugt nur für Schweine und Koreaner.“

Die Handlung gipst den biografischen Bruch ein, den Sunja in den 1930er Jahren erleidet. Die mit dem Makel einer unehelichen Schwangerschaft seelisch abtauchende Tochter tüchtiger Leute, erwartet nach ihrem Einzug in das passende Ghetto von Osaka sich auf die gleiche Weise zurechtrütteln zu können wie in der Heimat an der südöstlichen Küstenlinie Koreas, wo sie in einem Mix aus maritimen Stimmungen, donnernder Urbanität, ruraler Rückständigkeit, mütterlichem Protektionismus und seemännisch-junggesellig-unbeholfenen Avancen erwachsen wurde.

In Japan ist alles anders.

Der Sunja vertraute Trott findet in Osaka keinen Schauplatz. Die Einwanderin gehört zu einer offensiv diskriminierten Minderheit. Sie muss sich auch vor ihren Landsleuten fürchten. Es herrscht doppelte soziale Kontrolle. Die Mehrheitsgesellschaft guckt von oben auf die Verhältnisse der Zugezogenen. Die Community zerrt an sich selbst herum. Dazu kommen Gefahren, die von gescheiterten Migranten ausgehen. Manche suchen ihr Heil in privatgemeinschaftlicher Schwarzbrennerei und im organisierten Verbrechen. Dazu gehört das Glücksspiel. Es spielt zwar eine enorme Rolle im japanischen Alltag, zieht aus seiner Bedeutung aber kein Prestige.

Im Original heißt Min Jin Lees Roman nach einem Glücksspiel „Pachinko“. Die Automatenhallenunterhaltung verbindet sich in Japan vielfach und in langen Traditionslinien mit den Existenzen koreanisch-stämmiger Einwanderernachkommen. Die mitunter in der vierten Generation geächteten Garanten eines süchtig gesuchten Vergnügens haben die Reputation von Dealern. Ohne jede Anerkennung sind sie systemrelevant.

Man warnt Sunja vor den schrägen Vögeln. Später wird sie selbst einen zur Welt bringen.

*

„Niemand vermietet gern an Koreaner.“

Sunja gewöhnt sich an ihre Unsichtbarkeit im Straßenbild. Unsichtbarkeit variiert die Unberührbarkeit der Parias. Min Jin Lee beschreibt kleine Schockwellen, die Sunjas Kurs verändern. Ihr im Grunde bäurisches Selbstbewusstsein dominiert in der Maske größter Bescheidenheit und willigster Anpassung die despektierlichen Fremdzuschreibungen.

Die Mehrheitsgesellschaft immunisiert sich mit Verachtung gegen Kontaminationen. Nichts besorgt sie mehr als ein Verlust an Reinheit. Mit Unreinheit assoziiert zu werden, erscheint Sunja absurd.

Tokugawa Iemitsu

Der Geistliche Isak verschwindet im Gefängnis. Christenverfolgung in Japan ist ein spannendes Thema. Ich habe davon oft erzählt, ein Shot anbei:

Christenverfolgung im römischen Stil

Tokugawa Iemitsu, dritter Shogun der Tokugawa-Dynastie, schließt Japan 1633 von der Welt ab. Das Shogunat beschränkt den Kontakt zu Europäern auf Vertreter der „Verenigden Oostindischen Compagnie”, die ab 1640 als Expatriierte auf einer stinkenden, aus dem Meerbusen vor Nagasaki ragenden, mühsamer Landgewinnung abgetrotzten Erhebung namens Dejima konzentriert werden. So unbequem die Verhältnisse auch liegen, sie bieten sich doch einer Monopolstellung, die erst von amerikanischer Kanonenbootpolitik 1853 gebrochen wird, zur Nachsicht an. Dass die kleinen Niederlande Portugal ausstechen, hat jedenfalls auch diesen Grund: die Protestanten missionieren nicht. Anders als jene katholischen Imperialisten, die Japan am Ende der Magellanstraße „entdeckten” und ihre koloniale Doppelstrategie (Rettung der Seelen, Plünderung der Ressourcen) nach Schema F repetierten. - Und auch wieder nicht. Die besonderen kulturellen Formate Japans werden von allen Reisenden geschildert. Im Gegenzug studieren Japaner europäische Vorsprünge (nach der Abschottung im Rahmen der Hollandkunde-Rangaku).

Tokugawa Iemitsu betreibt unter seinen Leuten Christenverfolgung im römischen Stil. Viel weiß man über den im Reichseinigungskampf erfolgreichen Shogun von François Caron. Der Sohn hugenottischer Flüchtlinge kommt als Küchenhelfer auf einem holländischen Schiff nach Japan. Er bildet sich zum Dolmetscher aus und findet in dieser Rolle Verwendung beim Fürsten. …

Osaka nach dem Krieg - In den Trümmern verkauft Sunja saures Gemüse.

Ein Leben im Holzpuppenstil

Eingebetteter Medieninhalt

Die Schwierigkeiten nehmen zu. Sunja macht die Bekanntschaft von Kredithaien und Geldeintreibern. Sie lernt das Elend der Pfandleihen kennen. Immer weiter rückt sie ab von der tristen Solidität ihrer Herkunft. Sunja beginnt, das Schicksal einer Stigmatisierten anzunehmen. Das ist alles was ihr in der feindlichen Fremde übrig bleibt. Die mit einem presbyterianischen Geistlichen verheiratete Koreanerin lebt zwar in einer landsmannschaftlichen Gemeinschaft in Japan. Doch ist in der Diaspora niemand, der ihr heimatlichen Halt geben könnte. Zumal das Christentum, zu dem Sunja von ihrem Mann bekehrt wurde, im Widerspruch zu mehr als einer japanischen Staatsdoktrin steht. Der Kaiser wird als irdisch lebende Gottheit verehrt; jede Christin negiert das in ihrem Bekenntnis.

Isak verschwindet im Gefängnis. Christenverfolgung in Japan ist ein spannendes Thema. Ich habe davon oft erzählt, will mich jedoch im Augenblick nicht wiederholen.

Sunja, inzwischen Mutter von zwei Söhnen, macht sich selbständig, so wie einst ihre Mutter als junge Witwe zu ungeahnten Leistungsufern aufbrach.

Not stärkt die Erfindungskraft. Sunja steigt in den Straßenhandel ein und ficht erst einmal einen erbitterten Kampf gegen die Arrivierten unter den Ambulanten aus. Man will ihr in die Töpfe pinkeln.

Man bedroht und beschimpft Sunja, aber die Tochter einer resoluten Pensionswirtin hat das Doppelaxtherz eines Ōyama Masutatsu. Ein Straßenschlachter und Freibankfex, der seine Messer so geschickt führt wie ein Bushi seine Schwerter, nimmt Sunja die Scheu und schenkt ihr seine Sympathie. Die Sympathie des Schweineschlachters wiegt im Straßenkampf alles auf.

Sunja lässt sich nicht unterkriegen, während sich ihr Mann in den Tod hustet. Sie steigt auf zur Kimchi-Lieferantin eines Restaurants. Das Bodensatznetzwerk von Osaka spannt sie ein.

Wieder bleibt alles an Sunja hängen. Sie zieht ihre Söhne Noa und Mozasu so heran, wie sie selbst herangezogen wurde.

Noa kommt nach seinem Vater. Er spielt nicht mit den Schmuddelkindern, singt nicht ihre Lieder (Franz-Josef Degenhardt).

Wie gedankenlos von mir. Der bleiche Prediger, dieser schwindsüchtige Zaunkönig und salbadernder Zauderer, ist gar nicht Noas leiblicher Vater. Sunja hat Noa von einem koreanischen Mogul, der in Osakas höchsten Kreisen vorgelassen wird und die Mutter seines einzigen Sohnes nie aus den Augen gelassen hat.

Hansu kennt keinen Zweifel. Er hätte Sunja zu seiner Frau gemacht, wäre er nicht mit einer Magnatentochter bis zum Erbrechen vorteilhaft verheiratet. Er besitzt die Dreistigkeit, Sonja als Versorgungsinstanz für seinen Stammhalter in einem fremden Haushalt unter Kontrolle zu halten. Alles, was ihr in Osaka passiert, geschieht in Abstimmung mit Hansu. 1944 befiehlt er der Witwe die aus Papier und Holz zusammengebastelte, mit einem Streichholz entflammbare Stadt zu verlassen.

Zunächst empfindet Sunja Rührung und erlebt sich erotisiert angesichts der fleischigen Effizienz. Doch schnell realisiert sie, wem allein Hansus Sorge gilt.

Min Jin Lee (c) Elena Seibert

Min Jin Lee wurde 1968 in Seoul/Südkorea geboren und immigrierte, als sie acht Jahre alt war, mit ihrer Familie in die USA. Sie hat in Yale studiert und vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans als Anwältin gearbeitet. ›Ein einfaches Leben‹ stand auf der Shortlist des National Book Award und auf allen Bestsellerlisten der USA. Min Jin Lee lebt in New York.

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