MenuMENU

zurück zu Main Labor

08.04.2020, Jamal Tuschick

Statements zur Krise

Heute Jürgen Habermas

„Jeder Einzelne wird über die Risiken aufgeklärt, weil für die Bekämpfung der Pandemie die Selbstisolierung der einzelnen Person mit Rücksicht auf die überforderten Gesundheitssysteme die wichtigste einzelne Variable ist. Zudem bezieht sich die Unsicherheit nicht nur auf die Bewältigung der epidemischen Gefahren, sondern auf die völlig unabsehbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen. In dieser Hinsicht – so viel kann man wissen – gibt es, anders als beim Virus, einstweilen keinen Experten, der diese Folgen sicher abschätzen könnte. Die wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Experten sollten sich mit unvorsichtigen Prognosen zurückhalten. Eines kann man sagen: So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.“  (Aus der Frankfurter Rundschau von gestern)

Soziale Panik im Kleinen Schwarzen

Zur „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ gehört zweifellos die Handtasche, die, so weist es die Essayistin einfallsreich nach, auch für Frauen ein weiblich konnotiertes, seine Dinglichkeit grandios überschreitendes Objekt ist.

Eingebetteter Medieninhalt

Ein Einstieg wie von Don Alphonso. Sofort sieht man das ganze Bild. Die Republik in bester Verfassung zeigt sich als Korona ihrer Selbst am Starnberger See. Ein Meer von Khaki und Leinen rauscht auf. „Die liberale Bourgeoisie von München“ erinnert sich im Kollektiv, warum sie nicht in Berlin lebt und was sie da abstößt. Man ist Teil einer ästhetischen Kampagne, die so nonchalant wie ausschließend bestimmte Distinktionsmarken absetzt. Im Trubel separieren sich Michael Krüger und Jürgen Habermas. Die Reihenfolge ergibt sich aus der Geläufigkeit. Den Verlegerautor trifft man hier und da, den Philosophen aber nur zu den festlichsten Gelegenheiten, wenn er sich wieder einmal für einen international nobilitierten Preis zu bedanken hat. Nun trägt Habermas Sportschuhe der Marke Nike und das veranlasst Katja Eichinger zu einem Exkurs über „positive und negative Freiheit“ im Verein mit der von Sportschuhe der richtigen Marke tragenden Gesamtschüler*innen gewissermaßen bewohnten Mauer vor dem Edeka ihrer Wolfhagener Kindheit und Jugend.

Katja Eichinger, „Mode und andere Neurosen“, Essays, Aufbau, 208 Seiten, 20,-

Es äußert sich eine Nordhessin. Auch die nordhessische Hauptstadt Kassel hatte ihre Gammlermauer (am Friedrichsplatz). Aus Kassel kam Barbara Rudnik, die andere Nordhessin im Leben von Bernd Eichinger.

Katja Eichinger erlebte Anfang der 1980er MTV als Zentralgestirn der Orientierung. Man sah Turnschuhe soweit das Auge reichte. Wir hatten einen Turnschuhminister, auch Bernd Eichinger „zählte zu den Turnschuhrebellen“.

Surfen - Skaten - Streetwear

Katja Eichinger memoriert Meilensteine des Streetwear-Booms, der neue Begriffe für Salonfähigkeit geprägt hat und dies zweifellos nur einen Wimpernschlag lang im Morgentau subkultureller Lässigkeit. Eichinger beschreibt den historischen Augenblick, in dem Streetwear als Einwand gegen Kommerzfetischismus funktionierte.

In dem Katalog zur Hannah Arendt Ausstellung im Deutschen Historischen Museum finde ich diese Stelle besonders schön:

„Zu den „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ (B. Vinken) gehört auch das Pelzcape, Macy’s Little Shop, Mink, New York, 1950er Jahre. Auf der Innenseite des Capes findet sich ein maschinengesticktes Monogramm »H A B« für Hannah Arendt Blücher.“

Würde das Cape die Philosophin heute einem aktivistischen Shitstorm ausliefern?

Eichinger erwähnt die Vermarktung von Freiheitsversprechen und -erwartungen. Mir ist noch nicht lange klar, dass die bürgerliche Form viel anspruchsvoller auf Freiheit pocht als jeder Straßenfeger, ob aus Plastik oder Leinen.

Eichinger: Die Wahl zwischen Puma und Reebock ist keine.

Zur „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ gehört zweifellos die Handtasche, die, so weist es die Essayistin einfallsreich nach, auch für Frauen ein weiblich konnotiertes, seine Dinglichkeit grandios überschreitendes Objekt ist.

Eichinger sagt, Kleider, Handtaschen und Träume liegen im selben Fach des Allerpersönlichsten. Das Offensichtliche verbirgt alles Mögliche, zumal das leicht störbare Verhältnis von Stoffen, Schnitten, Farben, Kombinationen und Lust. Nichts Einordnendes verfängt. Das „Kleine Schwarze“ entspricht in einem Augenblick dem Nachweis, angemessen in Erscheinung treten zu können, und im nächsten gewinnt es ganz andere Bedeutungen. Denken Sie an die Mutter im schwarzen Kleid und die ungeheure Wirkung, die sie so vornehm auf ihre Kinder ausübt. Eichinger spricht von Magie. Ich schätze, jedes Kind erlebt diese Überzeichnung des Alltags als biografischen Knotenpunkt.

Zugleich geht es darum, sich mit Straßendemonstrationen „von Geld und Einfluss“ auf die einfachste Weise abzusichern. Eine Designerhandtasche macht den Job. Sie klärt, dass Ambivalenzen im Akutkontext nicht zur Debatte stehen. Eichinger nennt den formidablen Beutel ein „Beruhigungsmittel gegen soziale Panik“.

Aktentasche von Hannah Arendt mit goldenen Initialen H.A.B. für Hannah Arendt-Blücher, Leder © Deutsches Historisches Museum, Sammlung Edna Brocke, Foto: DHM/D. Penschuck.

Weil es so gut passt. Aus dem Ausstellungskatalog/Hannah Arendt im Deutschen Historischen Museum:

„Dazu gehört ein wichtiges Arbeitsutensil der amerikanischen Professorin Hannah Arendt: eine blaue, lederne Aktentasche. Sie trägt das Firmenlogo Mark Cross und wurde hergestellt von der 1845 in Boston gegründeten Lederwarenfirma, die später auch Dependancen in New York und London unterhielt. Das Unternehmen existiert noch heute und steht für Lederwaren der Luxusklasse. Die Tasche trägt die goldenen Initialen „H.A.B.“, die für Hannah Arendt Blücher stehen. Ein Hinweis, der zeigt, dass Arendt in den USA den Doppelnamen ihres zweiten Ehemanns Heinrich Blücher führte. Edna Brocke berichtet, dass sie später die Aktentasche ebenfalls für ihre eigenen Seminare gebrauchte.“

Perlenkette, Jade, aus dem Besitz von Hannah Arendt © Deutsches Historisches Museum, Sammlung Edna Brocke, Foto: DHM/I. Desnica.

Aus dem Katalog:

„Ich finde, dass das Hannah Arendt auf eine unglaublich elegante Weise gelungen ist, weil sie ihre Weiblichkeit weder versteckt hat, noch sie in den Schatten gestellt hat. Sondern die ganz selbstverständlich angenommen hat und ganz in sich ruhend als Frau Intellektuelle war.“  Barbara Vinken 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen