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08.04.2020, Jamal Tuschick

Olive Kitteridge und Jack Kennison sind zwei neuenglische Knickerbocker, die sich zusammenraufen, um der Alterseinsamkeit zu entkommen. Olive war Lehrerin und ihr Leben lang vor Ort in einer Hafengemeinde am Atlantik namens Crosby, einer (von der aus Portland im Bundesstaat Maine gebürtigen Autorin) Brunswick nachempfundenen Kleinstadt. Jack versiebte einen guten Start in Academia auf einem Schnarchposten.

Inkontinenter Großkotz

Eingebetteter Medieninhalt

Das Haus der Larkins bot schon einen traurigen Anblick, bevor es zur Ruine herunterbrannte. Im neuenglischen Indian Summer wirken die fundamentalen Reste wie hoheitliche Kolonialzeittrümmer. Der Roman spielt in der Gegend von Portland im US-Bundesstaat Maine an der Grenze zu Kanada. Obwohl die britische Dominanz an allen Ecken stilbildend war, ist das europäische Sediment Französisch. Die politisch zurückgedrängten Brayons begriffen die aufrückenden Briten als Usurpatoren und wehrten sich mit der Gründung einer Republik, die keinen Bestand hatte.

Elizabeth Strout, „Die langen Abende“, Roman, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, Luchterhand, 350 Seiten, 20,-

In Strouts literarischem Kosmos erscheint Maine komplett neuenglisch und die Linien der Abwertungen verlaufen im Innenraum. So sagt jemand (dem Sinn nach): Du bist Irin, also hält dich Frau X für eine Dienstbotin.

Ich erwähne das, um klarzumachen, wie unumstritten die Hauptakteure Olive Kitteridge und Jack Kennison im Herrschaftskontext agieren. Immerhin weist die Eingesessene den zugezogenen Jack gelegentlich darauf hin, dass ihn sein Habitus markiert. Der emeritierte Professor fährt ein Coupé, das jeder Einheimische seines Alters zu auffällig fände.

Jack hat nichts von einem Gelehrten. Er ist ein mit Vorurteilen aufgeladener, fettbäuchiger, inkontinenter und selbstgesprächiger Großkotz beinah am Ende einer Laufbahn voller Verfehlungen (zumindest in der retrospektiven Betrachtung). Seine Frau hasste und verfluchte ihn, bis zu ihrem Tod. Seine Tochter will nichts von ihm wissen.

Auch Olive zählt nicht zu den angenehm-umgänglichen Zeitgenossinnen. Die pensionierte Lehrerin feiert ihre Ressentiments und bürstet jeden ab. Trotzdem genießt sie es, mit dem „alten Hornochsen“ Jack Spritztouren zu unternehmen und unterwegs jene von oben herab zu bedenken, die es schlechter als sie getroffen haben.

Sie trifft ehemalige Schülerinnen im Discounter und stellt fest:

„Ihnen geht`s nicht besonders, scheint mir.“

Doch dann bricht Fürsorglichkeit durch, und der Leser begegnet Olive in einem Beratungsgespräch. Am Ende offenbart sich Olive der krebskranken Cindy gegenüber in ihrer ganzen (neuen) Großzügigkeit gegenüber dem alten Mann an ihrem Frühstückstisch, dem sie Dinge durchgehen lässt, die ihrem verstorbenen Gatten nicht gestattet waren. Die altruistische Aktion mündet in beweihräuchernder Selbstkritik.

Fünf Jahre später überzeugen Olive und Jack sich und ihr Publikum als bewährtes (und verheiratetes) Team in den Prozessen selbstbestimmten Alterns. Eine YouTube-Verfilmung ihres Alltags wäre gewiss vollkommen undurchlässig für Relevanz und Evidenz. Was da hinhaut, ist ein Zusammenspiel alter Knochen, die sich nichts schenken und trotzdem einander gnädig sind.

Unentspannte Leere

Im „Fliehenden Pferd“ schildert Martin Walser die Angst des Erzählers vor dem Sex mit seiner Frau Sabine nach ich-weiß-nicht-mehr-wie-vielen Ehejahren. Einerseits bestätigt der seltene Verkehr das Bündnis, andererseits belastet er die Beziehung. Der Erzähler will nicht, dass Sabine noch was von ihm will. Das macht ihn nicht frei. Das Geschlechtliche dirigiert ihn weiterhin. Nur die Ehe bleibt als sexueller Hohlblock außen vor.

Olive und Jack verhalten sich zueinander in einem Zustand sehnsüchtiger Nähe. Sie unternehmen Fernreisen und Ausflüge in die Umgebung. Die Ortschaften in der Distanz des Regionalen sind abgeräumte Flecken. Es hat kaum noch was auf, und Olive kann sich daran erinnern, was früher hier und da los war.

Olive und Jack ergänzen sich. Olives Urteile sind grobschlächtig-schnell gefasst. Sie sagt verrückt (etwas oder jemand sei …) und Jack rechnet nach und setzt dann etwas Differenziertes an die Stelle von verrückt.

Portland an der amerikanischen Atlantikküste im östlichsten Bundesstaat Maine. Strouts Geschichte spielt in der Gegend von Portland unter Leuten, die stolz darauf sind, dass ihre Vorfahren auf der Mayflower in die neue Welt kamen.

Punk-Pensionäre

Erst Jahre nach dem Tod ihres Mannes gibt Olive Kitteridge der Einsicht Raum, dass sie schon unglücklich war, bevor sie Witwe wurde. Aber auch solche verspäteten Anpassungen stimmen die pensionierte Lehrerin nicht gnädig. Ihr Blick auf die Gegenwart gleicht einem Riss. Er raubt den Fokussierten Legitimation und Würde. Zumal junge Frauen erfüllen in Olives Revier sämtliche Anforderungen an ein Feindbild.

Olive bemerkt ihre eigene Hartherzigkeit und wundert sich darüber. Ohne Vorkenntnisse entbindet sie „ein Mädchen“ von einem Kind halbwegs auf der Straße und agiert dabei mit einer Autorität, die normalerweise sinnvolle Ziele entbehrt.

Dies geschieht in der neuenglischen Hafenstadt Crosby, wo Leute stolz darauf sind, dass ihre Vorfahren mit der Mayflower nach Amerika gekommen sind.

Elizabeth Strout interessieren retardierende Momente in halbländlichen Herkunftsverschlingungen mit festungsartig ausgebauter Abstammungshierarchie. In diesen Verhältnissen misslingt jeder Befreiungsschlag. In einer ergreifenden Szene wird die erotisch mit sich selbst befasste Kayley zum Objekt einer schwachen Begierde. Der Begehrende zahlt für einen Augenblick gesteigerten Empfindens mit seiner Freiheit. Er wird regelrecht verklappt und muss sich ein psychiatrisches Gewahrsam gefallen lassen, dessen Dürftigkeit ihn zusätzlich schlägt; obwohl eine bessere Unterbringung finanziell kein Problem wäre.

Ihren Beeinträchtigungen zum Trotz strotzt Olive vor Lebensmut. Sie sucht die Nähe des pensionierten Harvard-Professors Jack Kennison. Nach der ersten gemeinsamen Nacht benutzt sie die von Jacks verstorbener Frau auf Vorrat gekaufte Zahnbürste. Das Haus des Witwers gleich einer Konserve des Gestaltungswillens einer Ausgeschiedenen.

Olive und Jack passen zusammen. Unwirsch verteidigen sie vorderhand unhaltbare Positionen.

Vielleicht ist jede Phase ein Kampf gegen Windmühlen und so lohnend wie das Sisyphos-Projekt („Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Albert Camus). Die letzten Spanne unterscheidet sich jedoch durch die Einreden des Memento mori.

Strout erzählt vom Trotz.

Hohe Pensionen und gute Gesundheit machen aus Olive und Jack ein Punkpaar. Ihr Verhalten überschreitet die Grenzen zur Renitenz.

Vor allem Olive hat das Zeug zur unwürdigen Greisin. Sie verurteilt alle und am liebsten bügelt sie die Frau ihres einzigen Sohnes ab. Ann schießt mit Fruchtbarkeit zurück. Am Küchentisch packt sie die Brust aus und lässt die garstige Schwiegermutter am Fest des Lebens teilnehmen. Olive rächt sich, indem sie die Ordnung der Dinge fundamental angreift und so auch das Erbe ihres Sohnes.

Sie weiß, wie konservativ junge Leute sind.

Doppeltpromovierter Hornochse

Das Alter hat aus Jack Kennison einen Niemand gemacht. Er leidet nicht ständig unter dem Bedeutungsverlust. Manchmal genießt er seine Unsichtbarkeit.

Eingebetteter Medieninhalt

Jack Kennison ist ein schmerbäuchiger, doppelt promovierter und verwitweter Pensionär mit einer Vergangenheit als vorsätzlich einschüchternder Professor. In der Handlungsgegenwart führt er Selbstgespräche und beobachtet Leute, die ihn ignorieren, sofern sie ihn überhaupt wahrnehmen.

Das Alter hat aus Jack einen Niemand gemacht. Er leidet nicht ständig unter dem Bedeutungsverlust. Manchmal genießt er seine Unsichtbarkeit.

Für Jack ist die Zeit gekommen, sich seine Unzulänglichkeiten einzugestehen. Er gondelt durch die Gegend von Portland. Er sollte sich darauf beschränken, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Doch dazu fehlt ihm die Seelenruhe. Jack macht Gutwetter bei seiner Tochter Cassie, die ihn abwimmelt. Alles ist interessanter als das Gelaber eines Vaters, der seit einer Prostataoperation Einlagen in seiner Unterhose trägt.

Elizabeth Strout besticht mit einer gnadenlosen Schilderung. Wieder gerät ein weißer alter Mann ins Fadenkreuz der Narration.

Jack fühlt sich schuldig und zeigt Reue, aber natürlich macht das nichts besser. Seine Geständnisse braucht kein Mensch. Er marschiert zu einem Tresen und bestellt Whisky gegen die Larmoyanz. Und schon geht es wieder los. Der Barmann lässt Jack daran denken, dass er keinen Sohn hat. Da tut er sich wieder leid.

Ihm fällt ein, dass seine Frau sich seinen Tod gewünscht hat, um schließlich vor ihm hasserfüllt zu sterben.

Trost findet Jack bei der robusten Olive Kitteridge. Einmal ist er mit Olive ansatzweise intim geworden. Ihm war bei dieser Gelegenheit, als tausche er Zärtlichkeiten mit einem „seepockenverkrusteten Wal“.

In seiner aktiven Zeit hat Jack nichts ausgelassen. Fast am Ende seiner beruflichen Laufbahn kam eine Anzeige wegen sexueller Belästigung zu allen anderen Übeln. Vielleicht erklärt sich so der entlegene Vergreisungsschauplatz namens Crosby, einer (von der aus Portland im Bundesstaat Maine gebürtigen Autorin) Brunswick* nachempfundenen Kleinstadt.

* Wikipedia: „Brunswick liegt nahe der Atlantikküste im Osten des Cumberland County und nur etwa dreißig Kilometer nordöstlich von Portland. Nördlich grenzt Brunswick an der Merrymeeting Bay, in die der Kennebec River und der Androscoggin River münden.“

Die Gegend ist ohne nennenswerte Erhebung und zählt zum neuenglischen Herzland.

Jack bringt sich in Schwierigkeiten; seine sarkastische Performance gehört zu einem Mann, der keine Windeln trägt. Obwohl das kaum zu glauben ist, übt er in seiner von Selbstüberschätzung ins Groteske gezogenen Hinfälligkeit immer noch eine gewisse Anziehungskraft auf die ihrerseits hochheikle Olive aus. „Olive, again“ lautet der Originaltitel. Die Lehrerin im Ruhestand spielt bereits in einem älteren Werk von Strout die Hauptrolle.

Olive und Jack sind zwei schwelende Ruinen, die sich für rauchende Colts halten. Jeder schöpft aus einem Fundus der gegenstandslosen Selbstherrlichkeit. Gemeinsam bilden sie eine Front im Kampf der Generationen. Olive mokiert sich über stillende Mütter. Zu ihrer Zeit „stillte niemand, außer Leuten, die etwas Besonderes sein wollten“.