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09.04.2020, Jamal Tuschick

Gallische Selbstwirksamkeit

Moritz Rudolph erklärt Thüringen als Resultat eines inferioren Widerstrebens.

Permanente Weltbildstörung

Im aktuellen „Merkur“ stellt Moritz Rudolph unter der Überschrift „Zerfall und Überschuss. Thüringen als politisches Formproblem“ überzeugend dar, wo im Lutherischen Herzland der Hase im Pfeffer liegt.

Adorno wusste, so Rudolph: Über Thüringen weiß man nicht Bescheid. Viele glauben, Thüringen käme historisch Sachsen zu. Die größere Gravitation liegt aber auf der anderen Seite (geografisch in der Mitte Deutschlands). In der Mitte, so Rudolph, entfaltet sich keine Harmonie. Stattdessen wirken Zentrifugalkräfte unter ewigen Protestanten in einem „Transitland“.

Zwischen Rückzug und Sprengung der gesellschaftlichen Ordnung

Rudolph spricht von einer „permanenten Weltbildstörung“ in Milieus, deren Akteure geringes Interesse am politischen Eintopf der Kunst des Machbaren zeigen. Soweit fällt es leicht, Rudolph zustimmend zu folgen. Dann macht er einen Thüringer Typus aus, der sonderbar erscheint. Die Rede ist vom „einsamen Waldgänger und Selbstbefrager“. Als zur Weltläufigkeit gepresster Isolationist schwankt er zwischen Rückzug und Vorstoß, wobei die Offensive sich in einem Angriff auf die Ordnung entlädt.

Gallische Selbstwirksamkeit

Das will der Selbstbefrager gar nicht. Er will „Wurst, Wald und Weimar“. Aber man lässt ihn nicht in Ruhe.

Da er nichts hat, womit er sich hervortun kann, bleibt er in seiner Subjektivität prekär, um sich so schlecht gerüstet trotz-dem zu sträuben.

Rudolph unternimmt eine historisch aufgezäumte Beweisführung. Ein von Anbeginn kaum befestigtes, im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gegründetes Thüringischer Königreich fällt im sechsten Jahrhundert an die Merowinger. Fortan haben „Informationen und Zwänge“ einen fränkischen Zuschnitt. Die Kolonisierten antworten (in Rudolphs Erzählung) mit weltverachtender Askese. Sie entwickeln gallische Resilienz. Nehmen die Störungen ihres Waldfriedens überhand, lassen sie sich zur „Destabilisierung“ der Usurpatoren hinreißen. Rudolph verweist darauf, dass die Thüringer des Mittelalters gegen eine Ordnung opponieren, die sie beherbergt.

Um das Jahr Tausend verliert sich das fränkische Regime, die nach den Maßstäben der Zeit globale Herrschaft zugunsten einer neuen Verzettelung. Regionale Potentaten gewinnen Macht über ihre Dunstkreise hinaus. In Thüringen bestimmt das Geschlecht der Ludowinger. Ein Ludwig lässt die Wartburg errichten, der letzte Ludowinger, Heinrich Raspe, avanciert zum Gegenkönig des Staufers Friedrich II. Nach diesem Heinrich ist Schluss mit Ludwig. Das auf das Fürstentum Lothringen-Brabant (die Reginare) zurückgehende Haus Hessen übernimmt 1264 die westlichen Landesteile von Thüringen, die auch die Grafen von Gudensberg stellen. Zweitgeborene Söhne der Thüringer Landgrafen sind als Grafen von G. Herren hessischer Pfründe (rund um Maden, Wabern, Battenberg und Fritzlar), seit Hedwig von Gudensberg als Erbberechtigte aus dem Gaugrafengeschlecht der Gozmars einem nachrangigem Thüringer anvertraut wurde. Erst Sophie von Thüringen, Tochter der hl. Elisabeth, gelingt es (zur Wahrung der Interessen ihres Sohnes Heinrich (das Kind von Brabant)) den Hessengau (Ittergau/Chattengau) wieder zu einer Domäne Hessischer Landgrafen zu machen. Als Landgraf erklärt Heinrich Kassel zu seiner Hauptstadt. Die Grafen von Gudensberg sind nun nicht länger Brüder des regierenden Thüringers.

Kunst als Folge der Verzwergung

Rudolph bilanziert: „Ein Thüringer (kann) eben nur anfechten, nicht selbst ordnen.“

Dann kommt schon Sturm & Drang der Reformation, es folgen Sezessionen. Ein Geist der Verkleinerung greift um sich. Rudolph schreibt: „Thüringen wurde zu einem schwarzen politischen Loch in der Reichsmitte, und alles, was damit in Berührung kam, zerfiel.“

Der Autor erklärt so die Weimarer Klassik: als Ausfluss politischer Bedeutungslosigkeit und einer gekränkten Hinwendung an das Kleinod, die Miniatur, das schöne Bild, den gelungenen Vers, das originalbarocke Stadttheater, die Jenaer Frühromantik und endlich das Bauhaus.

Rudolph begreift Thüringen als Resultat eines inferioren Widerstrebens.