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10.04.2020, Jamal Tuschick

Das digitale Kartenhaus

Die Handtasche als Statusmeldung im Rahmen einer phallozentrischen Ordnung – Katja Eichinger deutet das Ding mit Henkel als „Massenvernichtungswaffe, Vagina und Tresor“.

Die heraldische Dimension des Etiketts

Das Geburtshaus der Großmutter steht in einem Greifswalder Nirgendwo weit weg von den Asphaltlaufstegen „perfekt geföhnter Wesen“, deren Handtaschen die Essayistin mit Massenvernichtungswaffen, Vulven und Tresoren vergleicht, während die passende Uhr am Männergelenk als Cock Ring Äquivalenz garantiert. Katja Eichinger erzählt von einer Äquatortaufe in Südfrankreich, als sie den wahren Wert der „Designer-Vagina einer gewissen Preisklasse“ nach einem Secondhand-Vintage-Kauf am eigenen Leib erlebte. Das teure Ding am Arm verschaffte ihr an den teuersten Orten Zutritt unter den Vorzeichen der Hochachtung. Die Türsteher der Reichen erkannten Eichingers Rang am Etikett auf dem Beutel am Arm.

Katja Eichinger, „Mode und andere Neurosen“, Essays, Aufbau, 208 Seiten, 20,-

Eichinger sieht sechs Vollverschleierten an einer Münchner Ampel. Nichts individualisiert sie außer den Handtaschen, die einen Anspruch auf bestmögliche Behandlung förmlich verkünden.

Eichinger reiht Szenen in Pastelltönen aneinander und kontrastiert sie mit Erdfarbenbildern. Die Greifswalder Großmutter heiratet einen hessischen Bauern, der bald in den Krieg zieht. Mit dreiundzwanzig ist sie Witwe, Mutter von zwei Kindern und Herrin eines verschuldeten Hofs südlich von Kassel.

Das Ego wird im Spiegel geboren

Jahrzehnte später stellt sich die Enkelin vor „das düstere Haus“ …

„Und dann habe ich mich selbst ... fotografiert.“

Eichinger liefert den Diskurs nach Roland Barthes und Susan Sontag: Selfies sind „Zertifikate der Anwesenheit“ und „Fototrophäen“. Sie unterscheidet die degradierenden Konnotationen der Selbst-Ikonografie vom kulturellen Stellenwert des Selbstporträts. Wo die technische Leistung über die individuelle Vorzüglichkeit hinausgeht, gibt es jedenfalls keinen großen Markt für Exklusivität. Trotzdem steckt in dem Massenprodukt Selfie eine Selbstermächtigungspotenz, mit der Kraft Lücken zwischen Ego und physischem Selbst zu schließen. Eichinger spricht von einer „digitalen Überlebensstrategie“. So sehe ich das auch. Ich habe Jahrzehnte Literaturphänomene nur schriftlich aufgenommen. Für die Fotos kamen Fotografen. Aufnahmen hatten die Gravität und das Gravitätische von Papas Sonntagsausflugsdokumentationen. Das ist vorbei. Zur Smartphone-Kompetenz gehört der vorsorgliche Schnappschuss, letztendlich die eigene Bildzeitung in Echtzeit.

Das digitale Kartenhaus

Es entwickelt sich ein journalistischer Lebensstil als Spielart der Körperverwaltung nicht zuletzt, während auf dem Spieltisch des Planeten die Karten neu gemischt werden. Überblicken wir die letzten fünfhundert Jahre, sehen wir zuerst den Übergang von feudalen zu industriekapitalistischen Verhältnissen im Takt der Schriftkultur, und jetzt geht es weiter dahin, wo alles zur digitalen Überlebensstrategie wird und jemand ohne die entsprechenden Anschlüsse unbehaust bleibt.

Soziale Panik im Kleinen Schwarzen

Ein Einstieg wie von Don Alphonso. Sofort sieht man das ganze Bild. Die Republik in bester Verfassung zeigt sich als Korona ihrer Selbst am Starnberger See. Ein Meer von Khaki und Leinen rauscht auf. „Die liberale Bourgeoisie von München“ erinnert sich im Kollektiv, warum sie nicht in Berlin lebt und was sie da abstößt. Man ist Teil einer ästhetischen Kampagne, die so nonchalant wie ausschließend bestimmte Distinktionsmarken absetzt. Im Trubel separieren sich Michael Krüger und Jürgen Habermas. Die Reihenfolge ergibt sich aus der Geläufigkeit. Den Verlegerautor trifft man hier und da, den Philosophen aber nur zu den festlichsten Gelegenheiten, wenn er sich wieder einmal für einen international nobilitierten Preis zu bedanken hat. Nun trägt Habermas Sportschuhe der Marke Nike und das veranlasst Katja Eichinger zu einem Exkurs über „positive und negative Freiheit“ im Verein mit der von Sportschuhe der richtigen Marke tragenden Gesamtschüler*innen gewissermaßen bewohnten Mauer vor dem Edeka ihrer Wolfhagener Kindheit und Jugend.

Es äußert sich eine Nordhessin. Auch die nordhessische Hauptstadt Kassel hatte ihre Gammlermauer (am Friedrichsplatz). Aus Kassel kam Barbara Rudnik, die andere Nordhessin im Leben von Bernd Eichinger.

Katja Eichinger erlebte Anfang der 1980er MTV als Zentralgestirn der Orientierung. Man sah Turnschuhe soweit das Auge reichte. Wir hatten einen Turnschuhminister, auch Bernd Eichinger „zählte zu den Turnschuhrebellen“.

Surfen - Skaten – Streetwear

Katja Eichinger memoriert Meilensteine des Streetwear-Booms, der neue Begriffe für Salonfähigkeit geprägt hat und dies zweifellos nur einen Wimpernschlag lang im Morgentau subkultureller Lässigkeit. Eichinger beschreibt den historischen Augenblick, in dem Streetwear als Einwand gegen Kommerzfetischismus funktionierte.

In dem Katalog zur Hannah Arendt Ausstellung im Deutschen Historischen Museum finde ich diese Stelle besonders schön:

„Zu den „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ (B. Vinken) gehört auch das Pelzcape, Macy’s Little Shop, Mink, New York, 1950er Jahre. Auf der Innenseite des Capes findet sich ein maschinengesticktes Monogramm »H A B« für Hannah Arendt Blücher.“

Würde das Cape die Philosophin heute einem aktivistischen Shitstorm ausliefern?

Eichinger erwähnt die Vermarktung von Freiheitsversprechen und -erwartungen. Mir ist noch nicht lange klar, dass die bürgerliche Form viel anspruchsvoller auf Freiheit pocht als jeder Straßenfeger, ob aus Plastik oder Leinen.

Eichinger: Die Wahl zwischen Puma und Reebock ist keine.

Zur „bürgerlichen Parafernalia der Dame“ gehört zweifellos die Handtasche, die, so weist es die Essayistin einfallsreich nach, auch für Frauen ein weiblich konnotiertes, seine Dinglichkeit grandios überschreitendes Objekt ist.

Eichinger sagt, Kleider, Handtaschen und Träume liegen im selben Fach des Allerpersönlichsten. Das Offensichtliche verbirgt alles Mögliche, zumal das leicht störbare Verhältnis von Stoffen, Schnitten, Farben, Kombinationen und Lust. Nichts Einordnendes verfängt. Das „Kleine Schwarze“ entspricht in einem Augenblick dem Nachweis, angemessen in Erscheinung treten zu können, und im nächsten gewinnt es ganz andere Bedeutungen. Denken Sie an die Mutter im schwarzen Kleid und die ungeheure Wirkung, die sie so vornehm auf ihre Kinder ausübt. Eichinger spricht von Magie. Ich schätze, jedes Kind erlebt diese Überzeichnung des Alltags als biografischen Knotenpunkt.

Zugleich geht es darum, sich mit Straßendemonstrationen „von Geld und Einfluss“ auf die einfachste Weise abzusichern. Eine Designerhandtasche macht den Job. Sie klärt, dass Ambivalenzen im Akutkontext nicht zur Debatte stehen. Eichinger nennt den formidablen Beutel ein „Beruhigungsmittel gegen soziale Panik“.

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