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10.04.2020, Jamal Tuschick

Prophylaktische Paarberatung

Andrea kennt nichts anderes als „ein Leben am Rand der Pleite“. So ist sie aufgewachsen. Sie macht so weiter, bis es nur noch trister werden kann.

Nach zig Ausflügen in die Grandiosität ist Andrea in der Selbstgenügsamkeit angekommen. Die als Künstlerin unspektakulär gescheiterte New Yorkerin bezieht 2003 ein „schäbiges Loft in einer miesen Ufergegend“. Das Beste an den häuslichen Verhältnissen ist die Aussicht auf das Empire State Building. Jeden Tag zeichnet Andrea den Prachtbau. Die Übung erfüllt mehrere Funktionen auf den Schienen der Kontemplation und vielleicht auch der Abbitte für vergangene Hybris.

Jami Attenberg, „Nicht mein Ding“, Roman, aus dem Englischen von Barbara Christ, 224 Seiten, 22,-

In einem erschöpfenden Kraftakt hievt Andrea ein Regal vom Sperrmüll in ihre Bude. Irgendwann ist die Aussicht zugemauert. Der Blick auf eine frische Hauswand wird dem, was sich Andrea leisten kann, eher gerecht. Sie arbeitet und hat Verabredungen. Die Kritik an ihrer Person nimmt zu; die Nonchalance erodiert.

Aus der Ankündigung

„Andrea lebt in New York, ist 39, Single und kinderlos. Und sie ist es leid, sich für ihr Leben rechtfertigen zu müssen. Familie, Ehe, Kinder – einfach nicht ihr Ding. Während ihre beste Freundin Indigo gerade Mutter geworden ist, zieht Andrea alleine durch die Clubs, lässt sich auf eine Reihe von schrägen Dates ein und brüskiert mit ihrer unverblümten Art ein ums andere Mal ihr Umfeld.“

Eines Tages fliegt Andrea zur Hochzeit einer Frau nach Seattle, der sie sich eine Weile schicksalhaft verbunden fühlte. Indigo spiegelte als alleinstehende Happy-Hour-Trinkerin Andreas semi-fideles/semi-trostloses Programm, bis sie sich im Yoga-Flow neu erfand. Nun bringt Indigo ihr Leben in Seidentüchern unter Dach & Fach. Sie heiratet einen reichen Mann, der Wildblumen streuen und die Hippie-Ästhetik degoutant-nostalgisch kicken lässt.

Indigo performt kongenial: „Ihr Kleid sieht aus, als hinge es in Fetzen.“

Der das Gelübde besiegelnde Ring ist natürlich „größer als alle Sterne“. Er wirkt wie ein Gütesiegel weiblicher Vorzüglichkeit. Lange vor der ersten Ehekrise wird man beim besten Paartherapeuten der Stadt vorstellig werden – Reine Prophylaxe wie bei der Limitierung des Zahnsteins. Andrea wendet sich dem verträglichsten Mann in ihrer sozialen Reichweite zu. Warren stößt Andrea vor den Kopf. Er gibt ihr zu verstehen, dass er sie lächerlich findet. So grob wurde die Brüskierte noch nicht auf den Verlust ihrer Anziehungskraft hingewiesen.

Es ist eine Bestätigung, keine neue Erfahrung. Darum kreist die Geschichte. Jeder Lebensentwurf hat zwar seine Verfallsdaten. Andrea scheint aber überhaupt keinen Entwurf mehr zu haben. Die Autorin bringt das mit den Flops zusammen, die vor Warren ihre Gelegenheiten hatten, Andrea gegenüber „toxisch“ zu werden. Einer will sie als „Steak“ und auch das findet sie hinnehmbar.

Die reine Freude ist es nie. Doch manchmal könnte es schlechter laufen und für Andrea springt ein „Orgasmus in Moll“ heraus.

Auch Andrea hat sich schon toxisch ausgewirkt und ihrem Bruder Schaden zugefügt. David unterscheidet manieriert zwischen seiner Welt und der Welt seiner Schwester. Der Unterschied erweist sich als nicht belastbar.

Andrea bremst den Suff, bevor sie sich ganz und gar der Nüchternheit stellt.